Nazischurken und Akzentclowns: Filmschauspieler im Exil
Die größte Berufsgruppe der deutschen Filmemigranten in Hollywood stellten die Schauspielerinnen und Schauspieler, die von den Nazis wegen ihrer jüdischen Herkunft Berufsverbot erhalten hatten oder wegen ihres politischen Engagements verfolgt worden waren. Ihre oft hoffnungsvoll in Deutschland begonnenen Karrieren konnten nur die wenigsten im Exil fortsetzen, da sie besonders unter dem Sprachhandicap zu leiden hatten. Sie waren gezwungen, in fremden Sprachen zu arbeiten, die sie nicht beherrschten und nur mit mehr oder weniger starkem Akzent sprachen, was ihr Rollenspektrum und ihre Ausdrucksmöglichkeiten erheblich einschränkte. Sie mussten in Hollywood Ausländer und vor allem Nazis darstellen und auch wenn sie Emigranten spielen durften, blieben ihre Rollen häufig auf die von Akzentclowns beschränkt.
War es unter diesen Bedingungen für einen europäischen Schauspieler überhaupt möglich, in Hollywood ein Star zu werden? Konnte ein Europäer das je schaffen? Ich weiß nicht, ich glaube nicht. antwortete in einem Fernsehinterview mit Günther Peter Straschek 1975 der exilierte österreichische Schauspieler Paul Henreid, dem es zumindest für kurze Zeit gelungen ist, als romantisch-nobler continental lover in Amerika ein Leinwandidol zu werden: Ich glaube es ist nie einem Europäer gelungen, in die Klasse der Clark Gables, Gary Coopers einzudringen.“ erklärte er: „So weit wie Bogart - vielleicht. (...) Es ist auch notwendig, dass man die Amerikaner spielt, das heißt also die amerikanische Literatur verfilmen kann. Ein Ausländer kann das ja nie, es wurden ja für uns immer Sachen speziell geschrieben.
Zu seinem Starruhm verhalf ihm jedoch nicht die Rolle des Victor Laszlo in Casablanca, mit der Henreid bis heute identifiziert wird, sondern sein Part in dem unmittelbar vorher gedrehten romantischen Melodram Now, Voyager.  Eine Szene in diesem Film, oder vielmehr eine Geste nur, machte ihn über Nacht zu einem neuen Sexsymbol für Amerikas Frauen.   

Two Cigarettes and one Match
In einer Szene des Drehbuchs von Now, Voyager, erinnerte sich Henreid in seiner Autobiographie, hatte der Autor Casey Robinson eine Szene erfunden, um die wachsende Intimität zwischen Bette Davis und mir zu zeigen. Ich sollte Bette eine Zigarette anbieten, selbst eine nehmen, meine anzünden, dann ihr die Zigarette aus dem Mund nehmen, ihr meine geben und ihre zwischen meine Lippen stecken. Die Idee der gemeinsamen Zigarette war richtig, aber die Szene war zu lang und zu umständlich. Ich probte dann zuhause mit Lisl [Henreids Frau] und uns fiel spontan ein, wie man die Szene richtig spielen musste. Wenn wir mit unserem Viva Grand Sport unterwegs waren, der keinen Zigarettenanzünder hatte, (...) dann zündete der Beifahrer zwei Zigaretten an und steckte eine zwischen die Lippen des Fahrers. Es war eine intime und sinnliche Geste. Bette Davis griff Henreids Vorschlag sofort auf und der Produzent Hal B.Wallis war begeistert: Pauls Idee ist so gut, daß ich mit Casey reden und ihn bitten werde, noch drei oder vier solcher Szenen einzubauen. Das wird beim Publikum einen wirklichen Eindruck hinterlassen. Tatsächlich zündet Henreid im Film viermal für Bette Davis eine Zigarette an, die Geste wird zum Symbol ihrer Verbundenheit. Wallis war der einzige, der vorhersah, was passieren würde. Bette und ich dachten nur daran, die Szene weniger umständlich zu spielen, aber er behielt Recht. Es wurde nicht nur ein Symbol für Now, Voyager, das sich bei Kritikern und Publikum einprägte, sondern ich selbst wurde identifiziert mit der Zwei-Zigaretten-Masche und alle Liebespärchen im ganzen Land imitierten diese Geste, um einen Hauch von sinnlicher Intimität zu zeigen. Ich glaube, diese Szene, zusammen natürlich mit meiner guten Rolle und Bette Davis hervorragendem Spiel machte aus mir einen Star.    
Noch über vierzig Jahre später war für ältere Amerikaner Henreids Name mit dieser Geste verknüpft. Als ich Paul Henreid 1985 zum ersten Mal besuchte, sagte mein amerikanischer Gastgeber spontan: Frag ihn, ob er dir eine Zigarette anzündet. Glücklicherweise befolgte ich den Rat nicht, denn Henreid war von seinen weiblichen Fans mit diesem Wunsch dermaßen verfolgt worden, dass es selbst dem stets höflichen österreichischen Aristokraten zu viel geworden war: Es war etwas Magisches mit dieser Zwei-Zigaretten-Szene, dass sie intelligente Frauen in komplette Idioten verwandelte.
 
Naked in Three Countries: Wien - London - New York
Sein Erfolg war Henreid nicht in den Schoß gefallen, er kam erst spät und er hat hart dafür arbeiten und dreimal ganz von vorn anfangen müssen, wie er in seiner Autobiographie betont hat, die er ursprünglich Naked in Three Countries nennen wollte.
Der 1908 (nach anderen Quellen 1905) im damals österreichischen Triest geborene Paul von Hernried hatte nach dem Besuch der Schauspielschule in Wien Mitte der dreißiger Jahre einige Rollen im österreichischen Theater und Film gespielt. Da es auch ihm verwehrt wurde, im Dritten Reich zu arbeiten und er nicht in die Reichsfilmkammer aufgenommen wurde, nahm er ein Angebot am englischen Theater an, wo er 1937 den ebenfalls aus Österreich emigrierten Willy Eichberger (d.i.Carl Esmond) als Prinz Albert in dem Theaterstück Viktoria Regina ersetzte, der nach Hollywood ging. Neben seiner Theaterarbeit trat Hernried (wie er damals noch hieß) auch in mehreren englischen Filmen auf, zuletzt 1940 als Gestapomann in Carol Reeds Night Train to Munich.
1940 folgte er der Einladung eines Broadway-Theaterproduzenten nach New York, doch beinahe wäre seine Immigration in die USA trotz Vertrag und Affidavits gescheitert, weil die österreichische Einwanderungsquote bereits voll war. Aber ein findiger Konsulatsbeamter entdeckte, dass Hernried in Triest geboren war, das 1940 zu Italien gehörte - und die italienische Quote war bei weitem nicht ausgeschöpft.
Als er in New York eintraf, löste sich die Broadway-Produktion in Luft auf und er stand mit seiner Frau praktisch mittellos da. Zuerst fand Lisl Hernried, eine bekannte Wiener Modeschöpferin, Arbeit in der Modebranche, dann wurde Paul Hernried für eine Funkbearbeitung von Victoria Regina als Prinzgemahl Albert verpflichtet. In der Rolle eines Nazi-Diplomaten in Elmer Rice'Schauspiel Flight to the West war er dann doch 1941 am Broadway erfolgreich und als er auch noch für Night Train to Munich als bester ausländischer Darsteller den Preis der Filmkritik erhielt, meldete sich Hollywood bei ihm.
Hernried packte seine Chance beim Schopf und stellte Bedingungen für einen Filmvertrag: Er wollte nur leading male roles annehmen, er wollte the actor who gets the girl sein und in der Wintersaison weiterhin am Broadway spielen. Als RKO ihm eine Filmrolle an der Seite von Ginger Rogers mit der für damalige Verhältnisse sehr guten Gage von 32.000 $ anbot - zum Vergleich: für seine Rolle als Prinz Albert im Hörspiel Victoria Regina hatte er 150 $ erhalten -,  griff Hernried zu.

Paul Henreid in Hollywood
Gemeinsam mit seiner Frau durchquerte er die USA in einem großen Chrysler Convertible: Die Fahrt quer durch ist einer der unvergesslichsten Erinnerungen unseres Lebens. Die Landschaft, besonders im Westen, war atemberaubend (...) und die Menschen waren großzügig und freundlich. Nur das Essen fand er   schrecklich und daran hat Henreid, der sich selbst gern als Snob bezeichnete, auch nie gewöhnen können.
Erst in Hollywood änderte er seinen für Amerikaner schwer aussprechbaren Namen in Henreid und drehte bei RKO 1941 zwar doch nicht mit Ginger Rogers sondern mit dem französischen Star Michele Morgan den Anti-Nazi-Film Joan of Paris, in dem er einen französischen Flieger spielte, der von einem Barmädchen vor der Gestapo gerettet wird. In dem erfolgreichen Film überzeugte Henreid durch sein Spiel und sein nahezu akzentfreies Englisch und erhielt prompt von Warner Brothers das Angebot, in Now, Voyager an der Seite von Bette Davis zu spielen. Obwohl die Rolle des Jerry Durrance, die viel Fingerspitzengefühl erforderte, nicht groß ist, griff Henreid mit sicherem Instinkt sofort zu.

Casablanca
Dagegen zögerte er, Victor Laszlo zu spielen, den ihm Wallis noch während der Dreharbeiten zu Now, Voyager anbot, weil Henreid die für diese Rolle notwendige Ausstrahlung von dignity and integrity (Wallis über Henreid) mitbrachte. Doch Henreid fand das Skript schlecht - ein völlig übertriebenes Melodrama -  und hielt es auch für seltsam, dass er als Flüchtling und Führer des Widerstands während des ganzen Films einen fleckenlos sauberen weißen Anzug tragen musste. Und schließlich wollte er nicht der second lover neben Bogart sein. Erst nachdem Warner Brothers ihm einen langjährigen Vertrag anboten und co-star-billing mit Bogart und Bergman zusicherten, nahm Paul Henreid die Rolle an, mit der er bis heute identifiziert wird, obschon er selbst später keineswegs glücklich über diesen Film war: Ich habe durch Casablanca einen Vertrag mit Warner Bros. unterschrieben und eine Unmenge Filme wie Arch of Triumph und Gaslight sind mir entgangen. Damals wollte MGM mich haben um mit Ingrid Bergman Gaslight zu spielen (...) und Warner Brothers ließen mich nicht weg.

Nach Casablanca
Nachdem 1942 Now, voyager und Casablanca in die Kinos gekommen waren, landete Paul Henreid bei einer Umfrage nach den beliebtesten Stars auf dem hervorragenden fünften Platz und Louella Parsons prophezeite ihm eine Zukunft als einer der number one stars, aber diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Casablanca machte aus Paul Henried einen Langweiler (stiff) erklärte die Filmkritikerin Pauline Kael. Er war so ernst und pompös, dass man dachte Oh, das arme Mädchen muss zu diesem Kerl zurückgehen. Davor war er mehr ein romantischer Held (...) und hatte auch Schurken gespielt. Aber einen Spießer (square) zu spielen, schadet dem Image.
Henrieds Karriere blieb stecken, er wurde in mehreren Filmen als suave ladies man besetzt und nicht als der eigentliche Held oder Schurke. In Devotion (1943/46) konnte er es als nobler Reverend Nicholls nicht mit dem wilden Arthur Kennedy aufnehmen; Deception (1946) ging an Claude Rains, und in Of Human Bondage (1946) war Henreid als introvertierter Krüppel schlicht fehlbesetzt.
Sein Bemühen, sich von seinem Klischee zu lösen, war zunächst erfolgreich. Gegen seinen Typ besetzt, spielte er in dem 1945 für RKO gedrehten Piratenfilm The Spanish Main, mit Begeisterung den athletischen Piratenkapitän an der Seite der temperamentvollen Maureen O'Hara. Mit seiner Rolle als Robert Schumann, den er an der Seite Katherine Hepburns in dem erfolgreichen Song of Love (1947) porträtierte, kehrte er jedoch wieder zu seinem Klischee zurück. Um diesen Film bei MGM zu drehen, trennte sich Henreid einvernehmlich von Warner Brothers, ein deutliches Zeichen, dass das Studio nicht mehr an ihm  interessiert war.

Auf der Schwarzen Liste
Doch hätte Henreids Karriere, nunmehr befreit von Studiozwängen, sich anders entwickelt, wäre er nicht Ende der vierziger Jahre auf die Schwarze Liste geraten. Henreid, der 1945 amerikanischer Bürger geworden war, trat 1947 dem Committee for the First Amendment bei, mit dem zahlreiche Hollywood-Größen die verfassungsmäßigen Bürgerrechte gegen das berüchtigte Komitee für un-amerikanische Aktivitäten verteidigen wollten. Gemeinsam mit anderen Hollywood-Stars wie John Huston, Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Danny Kaye, Philipp Dunne, Marsha Hunt u.a. flog er nach Washington, um dort gegen das Komitee zu demonstrieren. Doch nachdem die zunächst positive öffentliche Meinung sich gedreht hatte, die Stars als fellow travellers und pinkos (Rote) beschimpft wurden, und Bogart sich bereits auf dem Rückflug von dem Unternehmen distanzierte - was Henreid ihm mit Recht als Verrat ankreidete - wurde es still um Henreid, der jahrelang von keinem der großen Studios mehr beschäftigt wurde und erst viel später erfuhr, dass er tatsächlich auf die Schwarze Liste gesetzt worden war.
Nur gelegentlich erhielt er noch Rollen. Der unerschrockene William Dieterle, selbst Zielscheibe jahrelanger Verfolgung in USA, engagierte ihn 1949 für seinen in der Wüste gedrehten Rope of Sand, in dem Henreid als Kommandant Paul Vogel seine Schurkenqualitäten unter Beweis stellte. Henreid filmte in dieser Zeit der Schurken auch wieder in England, arbeitete für Theater und Rundfunk und drehte in USA nur Filme bei kleinen Gesellschaften, die natürlich seine Lage ausnutzten und erheblich niedrigere Gagen zahlten.

Actor-Director Paul Henreid
Als für ihn 1952/53 die Zeit der Schwarzen Liste zu Ende ging, erhielt er zwar wieder Rollen, die jedoch immer kleiner wurden, denn Henreid war er inzwischen für die Liebhaber-Rollen zu alt geworden. Deshalb wandte er sich der Regie zu, die ihn schon lange gereizt hatte:Ich war schon während meiner Zeit bei Warner Brothers sehr interessiert am Filmemachen und habe ein großen Teil meiner Zeit in Schneide- und Tonräumen zugebracht, um alles über Filmproduktion zu lernen. sagte er und gestand: Regieführen befriedigt mich mehr als die schauspielerische Arbeit, wegen der größeren Kreativität. Von seinen Filmen schätzte er besonders Dead Ringer (1964), in dem seine frühere Partnerin Bette Davis eine Doppelrolle spielt und Blues for Lovers (1966), mit dem blinden Jazzpianisten Ray Charles in der Hauptrolle. Vor allem hat Paul Henreid als Regisseur zwanzig Jahre lang für das Fernsehen gearbeitet. Für viele bekannte Serien wie z.B. Playhouse 90,  Maverick,  Bonanza und vor allem für Alfred Hitchcock presents hat er zahlreiche Folgen inszeniert, bevor er sich 1977 vom aktiven Film-Fernseh-und Theatergeschäft zurückzog. Bis zu seinem Tod 1992 lebte er mit seiner Frau Lisl in seinem schönen Haus am Blue Sail Drive in Pacific Palisades, oberhalb der Paul-Getty-Villa.

Für immer Victor Laszlo  
Im Gedächtnis des großen Filmpublikums lebt er weiter als Victor Laszlo. Als Henreid in den achtziger Jahren bei einer Podiumsdiskussion sich kritisch über einen bekannten Star äußerte, reagierte ein junger Mann völlig entsetzt ob der vermeinten Unfairness seines Idols und rief erregt: Wie können ausgerechnet Sie so etwas sagen, Sie waren immer Victor Laszlo für mich!

Literatur von und über Paul Henreid:
Paul Henreid: Ladies Man. An Autobiography with Julius Fast. New York 1984.
The Actor-Director. A conversation with Carl Reiner and Paul Henreid. In:Action. Director=s Guild of America,Vol.6/No.5,1971)
Erstveröffentlicht in: Film-Dienst H.22/1999.