1.Teil: Oskar Fischinger

Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H.2/2000, S.42-45

So selbstverständlich wie es von heute aus scheint, war es damals gar nicht für die meist jüdischen Exilanten, Arbeit in den Hollywood-Studios zu finden. Alle Studios hatten intensive Geschäftsbeziehungen zum “3. Reich”, das für sie einer der wichtigsten Absatzmärkte in Europa war. Auch das Disney-Studio pflegte enge Kontakte zu Hitler-Deutschland, in dem Mickey Mouse und seine Geschwister sehr populär waren. Oberster Micky Maus-Fan war der Führer, der Weihnachten 1937 “ganz glücklich” (Goebbels im Tagebuch) war über die 18 Micky-Maus-Filme, die ihm sein Propagandaminister geschenkt hatte. Nicht bekannt ist, ob sich darunter auch der antisemitische Streifen aus der “Three Little Pigs”-Serie befand, mit “Big Bad Wolf” als Judenkarikatur. Bis zum Krieg gebärdete sich Disney betont  deutschfreundlich und empfing sogar als einziger Filmproduzent Leni Riefenstahl bei ihrem Hollywood-Aufenthalt. Angesichts dieser Haltung verwundert nicht, dass aus Nazi- Deutschland exilierte Künstler von diesem Studio nicht angestellt wurden -  bis auf zwei bemerkenswerte Ausnahmen. Denn zwei ihrer Herkunft nach höchst unterschiedliche Künstler haben 1938/39 und 1940/41 jeweils für längere Zeit im Disney-Studio gearbeitet und obwohl kein Vor- oder Abspann eines Disney-Films ihre Namen nennt, haben doch beide Spuren in mehreren Filmen hinterlassen: der Avantgardefilmer und Maler Oskar Fischinger und die Schauspielerin und Malerin Fini Rudiger-Littlejohn. 

 

1938: Oskar Fischinger geht zu Disney 

Dem schwierigen Oskar Fischinger verschaffte der Filmagent Paul Kohner, der vielen Filmemigranten geholfen hat, 1938 einen Vertrag bei Disney, den Fischinger nur sehr widerstrebend annahm. Denn weder die Tätigkeit - er wurde nur als “Handwerker” unter der Leitung eines Regisseurs beschäftigt - noch die Bezahlung - 60 $ pro Woche, von denen Fischingers fünfköpfige Familie leben mußte - entsprachen Fischingers Renommee und seiner tatsächlichen Arbeitsleistung. Aber Fischinger hatte keine Wahl, denn der Vertrag rettete den damals ohne jede Verdienstmöglichkeit dastehenden Fischinger vor der drohenden Abschiebung als mittelloser Ausländer.

 

1936 -1938: Oskar Fischinger in Hollywood

Oskar Fischinger war im Februar 1936 in die USA exiliert. Der mit ihm befreundete Ernst Lubitsch hatte das Paramount-Studio dazu bewogen,  Fischingers noch in Deutschland gedrehten Film “Komposition in Blau” zu kaufen und ihm einen Vertrag anzubieten. Die Berliner Vertretung der Paramount half ihm, die Kopien seiner Filme, die Fischingers wertvollster Besitz waren, aus dem “3.Reich” herauszuschmuggeln. Doch konnte sich Fischinger in Hollywood nicht durchsetzen. Mit der Paramount, die ihn mit einem Wochengehalt von 250$ und der üblichen Option auf einen Siebenjahresvertrag angestellt hatte, zerstritt er sich über seinen Film “Radio Dynamics” und wurde schon nach nur sechs Monaten wieder entlassen. Paul Kohner und das Ehepaar William und Charlotte Dieterle, ebenfalls großzügige Nothelfer der Filmemigranten, verschafften Fischinger einen Vertrag mit MGM  für einen Film, den Fischinger ganz selbständig produzieren konnte. Sein “Optical Poem” (unterlegt mit der 2.Ungarischen Rhapsodie von Liszt)  fand den Beifall der Kritik und wurde von MGM ein ganzes Jahr lang im  Beiprogramm verliehen, dennoch gab das Studio keine weiteren Kurzfilme bei ihm in Auftrag. Die amerikanischen Filmproduzenten standen Fischingers abstrakten Kompositionen verständnislos gegenüber und hielten sie auch nicht für publikumswirksam.  So stand Fischinger wieder auf der Straße. Erschwerend kam hinzu, dass er im Streit einen Buchhalter von MGM, der ihn “mit einer Schreibmaschine” bedroht hatte, geschlagen hatte und prompt wegen Körperverletzung angezeigt und verhaftet wurde. In der Verhandlung wurde er zwar entlastet, doch hat ihm dieser Vorfall in Hollywood sicherlich geschadet und mit dazu beigetragen,  dass ihn die großen Studios nicht mehr beschäftigen wollten.  Fischinger verließ deshalb Hollywood 1938 und ging nach New York, wo er hoffte, sich als Maler und unabhängiger Filmkünstler zu etablieren. Trotz der Anerkennung, die seine Malerei und Filme dort fanden, konnte er jedoch nicht genügend Geld verdienen, um seine Familie in Hollywood zu unterstützen, um die sich die exilierte Drehbuchautorin Irmgard von Cube kümmerte. Sie arbeitete  damals für den European Filmfund, eine Hilfsorganisation für mittellose Exilanten, die von Kohner, Dieterle und anderen erfolgreichen Filmemigranten gegründet worden war. Paul Kohner und Charlotte Dieterle gelang es nun, Fischinger bei Disney unterzubringen, der schon seit einem Jahr einen Musikfilm vorbereitete. Das Projekt schien wie geschaffen für Fischinger, der sich in seinen Filmen seit anderthalb Jahrzehnten mit der Darstellung von Musik durch bewegte abstrakte Formen und Farbe beschäftigt hatte.   

 

Rückblende: Oskar Fischinger und der abstrakte Film

Der 1900 geborene Oskar Fischinger wurde 1920 in Frankfurt von dem Kritiker Bernhard Diebold auf die Ausdrucksmöglichkeiten des abstrakten Films hingewiesen und in seinen Versuchen mit Rollenbildern bestärkt. Seine Filmkarriere begann er 1922 als Mitarbeiter Walter Ruttmanns in München und experimentierte dann selbständig vor allem besonders mit der von ihm erfundenen Wachsschneidemaschine. 1927 verließ Fischinger München, wo er hoch verschuldet und in mehrere Prozesse verwickelt war, und wanderte zu Fuß nach Berlin, wo er seine Filmarbeit fortsetzte. 1929-1931 entstand die Serie der “Studien”, in Schwarz-Weiß gedrehte, abstrakte Filme, die exakt zu Musikstücken synchronisiert waren. Die Studien wurden ein internationaler Erfolg und Fischinger konnte sein Studio vergrößern und auch mit Farbe experimentieren. Schon 1933 drehte er mit “Kreise” seinen ersten Farbfilm im Gasparcolorverfahren zu Musik aus Wagners “Tannhäuser”. 

Seine aufwendigen künstlerischen Experimente finanzierte Fischinger durch Anfertigung von Spezialeffekten für Filmstudios (z.B.  für Fritz Langs “Frau im Mond”) und  mit seinen berühmten Werbefilmen wie “Muratti greift ein”, die in der Gestaltung seinen abstrakten Filmen kaum nachstehen. 

Nach der Machtübernahme der Nazis waren Fischingers abstrakte Filme jedoch  nicht mehr erwünscht und wurden vom Propagandaministerium als “nicht dem Zeitgeist entsprechend” abgelehnt. Seine Filme wurden von der Zensurbehörde nicht mehr zur Vorführung zugelassen, ihm wurde “Kunstsnobismus” vorgeworfen, gegen den das Volk angeblich einen “Widerwillen” habe, so daß Verleiher es nicht mehr wagten, seine Filme zu vertreiben. Freilich, wenn es befreundeten Kinobesitzern in Berlin gelang, trotzdem Fischingers Filme ins Beiprogramm zu schmuggeln, erfreuten sich seine Filme nach wie vor großer Beliebtheit beim Publikum und wurden wochenlang gespielt. Doch waren diese raren Gelegenheiten keine Grundlage für eine sichere Existenz, so daß sich Fischinger Anfang 1936 entschloß, das Angebot der Paramount anzunehmen und die USA zu emigrieren.

 

1938/1939: Oskar Fischinger, Disney und “Fantasia”

Seit 1937 plante Disney gemeinsam mit dem Star-Dirigenten Leopold Stokowski einen Musikfilm, der dann später “Fantasia” genannt wurde. Fischinger glaubte, daß Stokowski die von ihm 1935 veröffentlichte Idee eines Musikfilms unberechtigt an Disney verkauft hatte und war verständlicherweise empört und offenbar auch mißtrauisch gegenüber dem Studio, wodurch das Arbeitsverhältnis von Anfang an belastet war.

Fast ein Jahr lang arbeitete Fischinger an der Eröffnungs-Episode von “Fantasia”, der Toccata und Fuge in D-Moll von J.S. Bach, und versuchte, seinen abstrakt-experimentellen Stil durchzusetzen, der jedoch Disney und seinen Mitarbeitern zu kühn und gewagt erschien: “Es gibt eine Theorie, an die ich mich halte, daß ein Publikum von etwas Neuem zunächst immer elektrisiert ist, aber bombardiere es mit zu vielen neuen Einfällen, und es wird unruhig.” Daher wurden Fischingers Entwürfe rigoros vereinfacht. Anstatt der von ihm vorgesehenen komplexen Bewegungen durfte sich immer nur eine Figur bewegen, die abstrakten Formen mußten an Gegenstände, Landschaften oder Pflanzen erinnern und auch die kühnen Farbkompositionen wurden verändert, wie Fischingers Biograph William Moritz detailliert nachgewiesen hat: “Fischingers eigene Skizzen, von denen einige noch erhalten sind, zeigen bemerkenswerte Bilder (...) Eine Sequenz, deren Material noch weitgehend zugänglich ist, stellt Fischingers endgültige Fassung der Bach-Episode dar, nämlich die Szene in der große Wellen rechts und links auf den Zuschauer zurollen. (...) Seine ursprünglichen ‘Wellen’ sind Teil einer komplexen Komposition, die unter anderem konzentrisch Rhomboide in Braun, chinarot und abgestuftem Gelb-Orange, sich erhebende Säulen aus Kreisen, diagonale Halbmonde und ein schattiertes Oval enthält. Die rechten bzw. die linken Wellen sind nur die flüchtige Erscheinung eines leuchtenden, abgerundeten Dreiecks, das sich fächerförmig über das Bild ausbreitet. Von Fischingers kunstvollen Vorlagen wählten Disney Mitarbeiter nur die einzelne Wellenbewegung aus, setzten dann Wolken auf den Hintergrund, als ob es ein Himmel wäre...”

Trotz der verflachenden und entstellenden Überarbeitung  ist in der Bach-Episode die Handschrift Fischingers immer noch zu erkennen, wenngleich dieser selbst an einen Freund schrieb: “Ich habe neun Monate lang an diesem Film gearbeitet, dann wurde ich aufgrund einiger Gespräche ‘hinter meinem Rücken’ und Intrigen (in den Disney Studios besonders üblich) in eine ganz andere Abteilung versetzt. Drei Monate später verließ ich Disney wieder und stimmte der Auflösung des Vertrages zu. Der Film ‘Toccata and Fugue by Bach’ ist wirklich nicht mein Film, obwohl meine Arbeit an einigen Stellen präsent sein mag; vielmehr ist er das Produkt einer Firma, wie es unkünstlerischer nicht sein könnte. Viele Leute haben an dem Film gearbeitet und immer wenn ich eine Idee oder einen Vorschlag für ihn vorbrachte, wurden diese sofort zerstückelt und damit vernichtet....”

Die Arbeit bei Disney war für Fischinger zu einer Qual geworden. In den häufigen Besprechungen konnte er sich kaum äußern, weil er auch nach dreijährigem Aufenthalt in Amerika nur sehr stockend Englisch sprach und außerdem wurde er zur Zielscheibe übler Streiche, die mit den in den Studios notorischen practical jokes nichts mehr gemein hatten, so hefteten Mitarbeiter bei Kriegsbeginn am 1. September 1939 ein Hakenkreuz an seine Bürotür. Ende Oktober 1939 verließ Fischinger das Disney-Studio, dem er im Auflösungsvertrag untersagte, seinen Namen im Zusammenhang mit “Fantasia” zu nennen, denn Fischinger “war überzeugt, auf lange Sicht berühmter als Disney zu werden; deswegen wollte er nicht, daß Disney seinen Namen dafür mißbrauchte, um dieses ‘geschmacklose’ Produkt zu verkaufen.”

Dabei war Disney selbst von Fischingers Ideen durchaus beeindruckt gewesen, wie mehrfache Äußerungen von ihm belegen, doch übernahm er dessen Vorschläge nicht, weil auch er grundsätzliche Bedenken gegen die Abstraktion hatte.

Trotz des unglücklichen und abrupten Endes hat Fischinger einen gewissen Einfluss im Studio ausgeübt, der über “Fantasia” hinausreicht. Denn das Disney Studio war damals - entgegen Fischingers nur zu verständlichem negativen Urteil -  noch nicht nur ein industrielles Unternehmen: “Es lag die Atmosphäre einer Universität über dem Platz” erinnerte sich ein Zeichner an diese Jahre. “Es war, als wäre der Boden ein Campus und die Arbeitsräume Hörsäle. (...) Jeden Tag um zwölf konnten sie (gemeint sind die Angestellten HGA) Mittag essen und danach ins große Studiokino gehen und sich die Ergebnisse der gestrigen Arbeit ansehen.” (Laqua). Diese Freizügigkeit nutzte auch Fischinger, wie Moritz berichtet: “Er brachte Kopien seiner Filme mit, die neun Monate lang jede Woche der gesamten Belegschaft bei Disney während des Mittagessens und der Pausen vorgeführt wurden. Auf diese Weise breitete sich Fischingers Einfluss bei Disney allmählich aus und schlug sich in Filmen wie “Dumbo” oder “Pinocchio” nieder, für den Fischinger die Trickeffekte für den Zauberstab der Blauen Fee animierte.” 

Seine Enttäuschung über Disney hat Fischinger nie verhehlt und später ironisch im Bild kommentiert. Als er sich in den vierziger Jahren verstärkt der Malerei widmete, schuf er auch mehrere Collagen mit Reproduktionen abstrakter Bilder Kandinskys, über die er Figuren von Mickey und Minnie Mouse  klebte, die offenbar entsetzt auf diese merkwürdigen Bilder schauen.

 

Nach 1940: Fischinger, Hollywood und die Westküsten-Avantgarde 

Nach seiner Trennung von Disney fand Fischinger in Hollywood nur noch sporadisch Arbeit in der Filmindustrie. 1941/42 arbeitete er für das nicht vollendete Projekt “It’s all True” von Orson Welles, der ihn anschließend privat mehrere Monate lang bei seiner Mercury Production beschäftigte, so dass Fischinger seinen Film “Radio Dynamics” vollenden konnte. 1944 entwarf er die Titelsequenz für Robert Stevensons “Jane Eyre”; eine von ihm 1947 entwickelte Traumsequenz für Fritz Langs “Secret Beyond the Door” wurde in der endgültigen Fassung nicht benutzt. 

Danach war Fischinger für seine kostspielige Filmarbeit ganz auf die Unterstützung durch Mäzene angewiesen. Zwar ernteten seine Filme begeisterte Zustimmung nicht nur bei den exilierten europäischen, sondern auch bei den jungen amerikanischen Künstlern, die bald den Kreis von Fischinger-Anhängern vergrößerten, aber sie waren eben nicht kommerziell auswertbar. Die Bewunderung der jungen Generation galt sowohl Fischingers perfekter Technik, als auch der mystischen Kraft seiner Film- und Bildkompositionen. Seine Filme wurden in den vierziger Jahren regelmäßig bei Ausstellungen und an Kunsthochschulen in Kalifornien vorgeführt, und Fischinger wurde zu einem bedeutenden  Anreger der Westcoast-Richtung des New American Cinema. Sein Einfluss auf die junge Avantgardegeneration vergrößerte sich noch nach dem internationalen Erfolg seines Films Motion Painting No.1, den er 1948 drehte und für den er 1949 den Großen Preis beim Internationalen Experimentalfilm-Wettbewerb in Brüssel erhielt.

Trotz seines Erfolgs konnte Fischinger abgesehen von einigen Werbefilmen und Fragmenten danach  keinen weiteren Film realisieren, da er für seine Projekte keine Geldgeber mehr fand. Doch erlebte Fischinger, der 1967 in Hollywood starb, noch selbst, dass seine Gemälde und Filme bei vielen Ausstellungen und Retrospektiven in Europa und USA gefeiert wurden. Auch wenn Fischinger noch immer nicht so berühmt geworden ist wie Walt Disney, die Bedeutung seiner abstrakten Filmschöpfungen  und seine Rolle als Anreger der jungen Generation der amerikanischen Filmavantgarde sind heute völlig unbestritten. 

 

Zitate aus: William Moritz: Oskar Fischinger. In: Optische Poesie. Oskar Fischinger. Leben und Werk. Frankfurt a.M. 1993 und

Carsten Laqua: Wie Micky unter die Nazis fiel. Walt Disney und Deutschland. Reinbek b. Hamburg 1992