Interniert auf Ellis Island
Als der aus Nazi-Deutschland exilierte Bühnen- und Drehbuchautor Felix Joachimson Anfang 1937, mit einem Vertrag des Universal Studio in der Tasche, in New York ankam, sah er zwar vom Schiff aus die Freiheitsstatue, aber dann erlebte er einen fürchterlichen Schock: ABei der Paßkontrolle stellte man fest, daß die amerikanische Botschaft in Budapest mir das Visum in meinen Paß gestempelt hatte, der nur noch einen Monat lang gültig war und laut Gesetz mußte der Paß noch mindestens sechs Monate lang gültig sein. Daher wurde mein 'Fall' überprüft und für diese Zeit wurde ich in Ellis Island interniert.
Der haftähnliche Aufenthalt in der großen Halle, zusammen mit Verbrechern und verzweifelten Flüchtlingen, geriet zum Alptraum, zumal er bei den Verhören den Slang der Beamten so gut wie nicht verstehen konnte. In Hollywood setzten seine Freunde, der Produzent Joe Pasternak und der Regisseur Henry Koster (d.i. Hermann Kosterlitz), alle Hebel in Bewegung, um etwas über seinen Verbleib zu erfahren und ihn zu befreien. Gegen Zahlung von 1,000 $ Kaution, für die sich Pasternak und Koster verbürgten und die Joachimson später von seinem Gehalt abgezogen wurden, gelang es dem Studio, seinen künftigen Autor aus Ellis Island herauszuholen. Der bestieg nach nur kurzem Aufenthalt in New York den Zug nach Kalifornien, wo er Ende Februar in Pasadena von seinen Freunden erleichtert in Empfang genommen wurde.
Berlin, Wien, Budapest
 
Die drei kannten sich aus dem Berlin der Weimarer Republik. Ihre erste gemeinsame Arbeit war 1932 die Verfilmung von Joachimsons erfolgreichem  Theaterstück Fünf von der Jazzband gewesen, den Pasternak produziert und Koster(litz) geschrieben hatte. Letzterer verfilmte noch 1933 Joachimsons Komödie Das häßliche Mädchen mit Dolly Haas und Max Hansen, bei dessen Premiere es zu einem von den Nazis inszenierten Skandal kam.
Der 1902 in Hamburg geborene Joachimson hatte, nach einem Studium und frühen Versuchen als Komponist, seine Laufbahn als Theaterkritiker beim BerlinerBörsen-Courier begonnen, war Dramaturg bei Victor Barnowsky gewesen und war als Autor zahlreicher Komödien und gesellschaftskritischen Revuen auf dem Theater der Weimarer Republik äußerst erfolgreich. Dem Film stand er trotz der Verfilmungen seiner Werke und gelegentlicher Drehbucharbeit eher ablehnend gegenüber, weil ihm nicht gefiel, daß seine Texte, Charaktere und Szenen von Regisseuren und Produzenten eigenmächtig geändert werden konnten, deshalb lehnte er 1930 sogar ein Angebot der Fox ab, nach Hollywood zu gehen. Aber nachdem 1933 Hitler in Deutschland regierte, durften die Stücke des deutsch-jüdischen Autors nicht mehr gespielt werden. Sein letztes deutsches Theaterstück, das er 1933 schrieb, um Steuerschulden zahlen zu können und seinen Pass zu erhalten, musste deshalb unter dem Namen einer Freundin aufgeführt werden. Vom deutschen Theater ausgeschlossen, sah sich Joachimson in der Emigration zur Filmarbeit gezwungen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Joe Pasternak, der 1933 die deutschsprachige Produktion des Universal Studios nach Wien und Budapest verlegte, wo er sehr erfolgreich deutschsprachige Filme ohne Rücksicht auf den deutschen Markt produzierte, holte Joachim¬son in sein Team. Bis 1936 schrieb Joachimson sechs Filme, darunter die erfolgreichen Franziska-Gaal-Filme Peter, Kleine Mutti und Katharina die Letzte, alle inszeniert von Hermann Koster(litz).
 Als Universal die deutsche Produktion 1936 aufgab, und Pasternak mit Kosterlitz in die USA ging, blieb Joachimson in Wien, weil er hoffte, weiter für Wiener Filme und Theater arbeiten zu können. Als jedoch seine Stücke auch in Österreich wegen seiner jüdischen Herkunft nicht mehr aufgeführt wurden, entschloss er sich, den ihm auf Pasternaks Betreiben von Universal angebotenen Vertrag anzunehmen, obwohl er damals Anicht einmal wusste, wo Kalifornien lag. Versehen mit Arbeitsvertrag, Visa und Affidavits, englischen Kriminalromanen und einem englisch-deutschen Wörterbuch - AWährend der Überfahrt hatte ich englische Krimi¬nalgeschichten gelesen (...) Ich musste natürlich ein Wörterbuch benutzen und bei der ersten Seite musste ich praktisch jedes Wort nachschlagen, aber dann wurde es allmählich besser. - machte sich Joachimson auf den Weg nach Hollywood.

Als Drehbuchautor bei Universal
In Hollywood angekommen, stürzte sich der Berufsmensch Joachimson, der seinen Namen sogleich amerikanisierte und in Jackson änderte, sogleich in die Arbeit und entschied: AIch wollte nicht mehr Deutsch sprechen. Ich wollte ein amerikanischer Schriftsteller werden und nicht ein deutscher Autor sein, den man ins Englische übersetzen musste.
Ohne credit arbeitete er an dem bereits in Vorbereitung befindlichen zweiten Deanna-Durbin-Film One 100 Men and a Girl mit und lernte dabei den amerikanischen Studiobetrieb kennen, in den ihn der amerikanische Drehbuchautor Bruce Manning einführte, sein Partner und bald Freund. Die beiden im Temperament sehr gegensätzlichen Autoren - Manning war ein Araconteur, Jackson dagegen still und eher introvertiert -  ergänzten sich ausgezeichnet. Jacksons Stärke war die Konstruktion der Story und die Erfindung der Charaktere, Manning lieferte die Dialoge und Pointen. Dabei sahen sie sich oft wochenlang nicht, denn Jackson war ein Morgenmensch, der pünktlich vormittags ins Büro kam und zügig seine Arbeit erledigte, während Manning  nie vor dem späten Nachmittag erschien, dafür bis in die Nacht hinein schrieb. So fand jeweils der eine vor, was der andere geschrieben hatte, polierte den Dialog und entwarf die nächsten Verwicklungen.
Nach dem Riesenerfolg von One 100 Men and a Girl, der fünfmal für den Oscar nominiert wurde, schrieben die beiden als Team mehrere Jahre lang eine Reihe erfolgreicher musikalischer Komödien hauptsächlich für Deanna Durbin, die Pasternak produzierte und oft von Koster inszeniert wurden. Nach den Erfolgen von Mad About Music (1937), Rage of Paris (in dem Danielle Darrieux die Hauptrolle spielte, 1938) und Three Smart Girls Grow Up (1939) war Spring Parade (1940) ein Remake der Wiener Pasternak-Produktion Frühjahrsparade (Musik Robert Stolz) von 1934.
Doch einige entscheidende Veränderungen der Vorlage zeigen deutlich die Handschrift der exilierten Filmemacher. Denn nicht nur wurde der frühere Film um überflüssige Nebenhandlungen gekürzt, sondern Spring Parade wurde auch entmilitarisiert. Der Held des amerikanischen Films komponiert keinen Militärmarsch, sondern einen Walzer und im Gegensatz zu der deutschsprachigen Version, wird sehr bewußt das Völkergemisch in der alten Habsburg-Monarchie idealisiert als Schmelztiegel dargestellt. Und wenn Deanna Durbin bei ihrem Einzug in Wien auf dem Heuwagen ein Lied singt, so ist dies eine deutliche Hommage an Lilian Har¬veys berühmte Kutschenfahrt in der klassischen Tonfilmoperette Der Kongreß tanzt (1930). 

 
Dietrich Rides Again
Trotz seiner Erfolge blieb Felix Jackson künstlerisch unbefriedigt und nur einen Film aus dieser Zeit ließ er später noch gelten, seine Western-Komödie Destry Rides Again, mit der er das Genre nachhaltig geprägt hat. Dabei hatte Pasternak zunächst Bedenken, Jackson für einen Western zu engagieren: Du weißt nicht genug über Amerika meinte er, aber Jackson widersprach und schlug Pasternak vor, die bereits mehrfach verfilmte Rache-Story zu verändern, weil sie nicht zu James Stewart passe: Jimmys Stärke ist passiv und er ist zu jung. erkannte Jackson, der schließlich die Lösung fand und einen friedfertigen Helden kreierte, der nicht an den Colt glaubt. Der Film wurde ein Socko Hit und ein glanzvolles Comeback für Marlene Dietrich. Die ihr auf den Leib geschriebene Rolle der Barsängerin Frenchy ist wieder eine Hommage an das Kino der Weimarer Republik, denn Frenchy ist eine älter gewordenen Lola-Lola, die es in den Wilden Westen verschlagen hat. Die Anspielung auf ihre Rolle im Blauen Engel wird noch dadurch verdeutlicht, dass sie ursprünglich Angel heißen sollte und ihr auch für diesen Film der ebenfalls nach Hollywood exilierte Friedrich Holländer die schmissigen Songs komponierte. Jacksons längst zum Klassiker gewordene Komödie erlebte mehrere Remakes, und das Grundmuster des sanften Helden wurde in zahlreichen Filmen und Fernsehwesternserien nachgeahmt.


Filmproduzent bei Universal
Auf der Suche nach neuen Aufgaben folgte Jackson 1942 Joe Pasternak zu MGM. Aber in dem prestigeträchtigen großen Hollywood-Studio mit seiner strikten Arbeitsteilung und langfristigen Planungen fühlte sich der dynamische Arbeiter völlig fehl am Platz, und er kehrte nach acht Monaten zurück zur Universal - aber jetzt als Produzent. Diesen Schritt hatte er schon lange geplant und hoffte, in dieser Funktion endlich unabhängig arbeiten zu können. Von 1943 bis 1948 produzierte er sieben Filme für Universal mit Deanna Durbin, mit der er von 1944 bis 1949 auch verheiratet war.
Als Produzent kamen Jackson sein großes organisatorisches Talent und seine langjährige Theater- und Filmerfahrung ebenso zustatten wie seine Fähigkeit, Abläufe zu strukturieren, rasche Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen.
 Mit guten Stoffen, der Unterstützung prominenter Autoren, Regisseure, Komponisten, erstklassigen Besetzungen und sorgfältig ausgesuchter Musikstücke gelang es ihm, die erfolgreiche Filmserie Deanna Durbins fortzusetzen. Der spritzigen Komödie His Butler's Sister (1943 Regie: Frank Borzage), folgte das erfolgreiche Musical Can't help singing, für das der Komponist Jerome Kern gleich zwei Oscar-Nominierungen erhielt. Aber Jackson sah, dass es auf Dauer nicht genügte, Durbin immer nur als singendes Sweetheart in musikalischen Komödien zu beschäftigen: Um die Karriere eines Stars zu befördern, muss man Verschiedenes tun. Und da auch Deanna ihr Image als kleines Mädchen gründlich leid war, dachte ich  - irrtümlich - ich könnte ihre Karriere befördern, indem ich ihr nahezu unmögliche Aufgaben stellte. Deshalb kaufte ich für sie Somerset Maughams Erzählung Christ¬mas Holiday.
Nach dem Drehbuch von Herman J. Mankiewicz inszenierte Robert Siodmak einen der ungewöhnlichsten (und immer noch unterschätzten) Filme der schwarzen Serie, zumal Jackson den Mörder auch noch mit dem Tänzer Gene Kelly besetzte. Das Publikum aber war schockiert, plötzlich eine erwachsene Durbin in der Rolle einer desillusionierten Nachtklubsängerin zu sehen und auch mit der schwarzen Komödie Lady on a Train (1945), für die Miklosz Rosza eine brillante Musik komponierte, gelang es Jackson nicht, ihr Image zu ändern. Er scheiterte nicht nur am Widerstand des Publikums, auch das Studio und nicht zuletzt Durbin selbst, hatten kein wirkliches Interesse, aus ihr eine dramatische Schauspielerin zu machen.
Der ständige Streit mit der kleinlich rechnenden Studioleitung um Budget, Ausstattung, Extras, Drehtage zermürbte Jackson, und als das Studio einen Filmstoff, den er erworben hatte, einem anderen Produzenten gab, platzte ihm der Kragen. Felix Jackson verließ Universal, kehrte Hollywood den Rücken und ging 1948 nach New York  -  zum noch jungen amerikanischen Fernsehen.


Neuanfang beim TV: Vom Drehbuchautor zum Executive
 Dort begann Jackson mit ungebrochener Dynamik ganz von vorn. Binnen drei Jahren arbeitete er sich auch hier wieder vom Drehbuchautor zum Fernsehproduzenten hoch und nach verschiedenen anderen Serien leitete er von 1953-1956 die legendäre Fernsehspielreihe Studio One, für die er jede Woche ein sechzigminütiges Live-Fernsehspiel produzierte.
Als Fernsehproduzent wurde Jackson in der McCarthy-Ära mit der berüchtigten Schwarzen Liste konfrontiert: Damals musste jeder Schauspieler, jede Schau-spielerin, jeder Regisseur und Drehbuchautor überprüft werden, bevor wir jemand engagieren konnten, schrieb er später. Wir, die Produzenten, hatten niemals Zugang zu der Liste und das Schändlichste in diesem Verfahren war, dass weder der betroffenen Person noch dem Produzenten jemals eine Begründung gegeben wurde. Die meisten wussten gar nicht, dass sie Opfer der Schwarzen Liste waren, bis sie für eine Sendung engagiert werden sollten. Diese bittere Erfahrung gab dem leidenschaftlichen Demokraten Jackson den Anstoß für seinen ersten amerikanischen Roman So help me God (1955), in dem er sich engagiert mit den Mc-Carthy-Verfolgungen auseinandersetzte.
1956 rief Pasternak ihn zurück nach Hollywood, doch die gemeinsamen Filmpläne zerschlugen sich, und Jackson arbeitete als Produzent für National Television Associates. 1960 wurde er Vize-Präsident bei NBC und war bis zu seiner Pensionierung 1965 verantwortlich für das gesamte Westküsten-Fernsehprogramm. Er ist wohl der einzige deutsche Filmemigrant, dem der Sprung in die Etage der Executives geglückt ist, die sonst Amerikanern vorbehalten blieb.


Yesterday
 Aber Felix Jacksons Hauptberuf war immer Schriftsteller. Unter seinen späten Werken ragt sein autobiographisch geprägter Roman Secrets of the Blood (1980) heraus, in dem Jackson seine alptraumartigen Erlebnisse in Deutschland 1933 schildert, die ihn sein Leben lang verfolgt haben. Er selbst wollte den Roman schlicht Yesterday nennen, was dem Verlag nicht sensationell genug war. Unter dem aussagekräftigeren Titel Berlin, April 1933 ist der Roman 1993 in Deutschland erschienen, kurz nach Felix Jacksons Tod im Dezember 1992. Seine Biographie seines Freundes Kurt Weill nannte er Portrait of a Quiet Man, eine Charakterisierung, die auch auf ihn selbst zutrifft: Er war ein großer Könner und ein sehr bescheidener Mensch. schrieb Manfred George 1956 über Felix Jackson im New Yorker Aufbau. Er war ein stiller, konzentrierter Arbeiter, ein grosser Leser, ein Mann, dem die Ideen zuflogen. Er war kein Propagandist für sich selbst. Er blieb fast immer im Hintergrund. Seine Arbeit war, was für ihn zählte und zeugte.
Literaturhinweise
Felix Jackson, Berlin, April 1933. Bonn:Weidle Verlag 1993
Manfred George, Der Mann von Studio One. In: Aufbau v. 20. 7. 1956
Joseph Kraus, Felix Jackson. In: John M. Spalek/Joseph Strelka (Hg.): Deutsche Exilliteratur seit 1933. Bd. 1: Kalifornien, S. 731-737
Erstveröffentlicht in: Film-Dienst H.23/1999.