Tabu: Wiederbegegnung mit einem Mythos
 F. W. Murnaus letzter Film in der  Retrospektive der Berlinale 2011.
Leider scheint die Berlinale die gute Tradition aufgegeben zu haben,  in Sondervorstellungen der Retrospektive Stummfilme in restaurierten oder rekonstruierten Fassungen vorzustellen. Zwar wurde aus gleich dreifachem Anlass F.W. Murnaus letzter Film Tabu gezeigt, der ursprünglich noch als Stummfilm gedreht und nachträglich mit Musik unterlegt wurde, jedoch nicht in einer restaurierten Fassung.
Zu Murnaus 80. Todestag am 11. März 1931 gibt die nach ihm benannte Stiftung endlich eine lange überfällige DVD seines letzten Films heraus (es gibt bereits zwei amerikanische bzw. englische DVDs mit unterschiedlichem Bonusmaterial) – die im Mai 2011 erscheinen wird. Dann wird auch das von der Kulturstiftung des Bundes und der Länder geförderte Gemeinschaftsprojekt des Filmmuseums Berlin, des Österreichischen Filmmuseums und der Murnau-Stiftung online gehen: Auf einer eigenen Internetseite werden die erhaltenen ca. 17.500 Meter Outtakes von „Tabu“ gemeinsam mit der Continuity und den Tagesberichten aus Murnaus Nachlass öffentlich zugänglich gemacht. Anhand dieses umfangreichen Materials kann man die  Produktion des Films detailliert untersuchen, wie in der Informationsveranstaltung des Filmmuseums eindrucksvoll demonstriert wurde.  
Bedenkt man die enormen Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten wie den Bankrott der Firma Colorart, die den Film eigentlich produzieren sollte, oder den eskalierenden Streit zwischen Murnau und Robert Flaherty, der schließlich zu dessen Ausscheiden führte, so grenzt es beinahe an ein Wunder, dass von diesem abenteuerlichen Unternehmen derart zahlreiches Filmmaterial überlebt hat. Enno Patalas hat den einigermaßen verschlungenen Weg nachgezeichnet: Murnaus Bruder Robert Plumpe erreichte in den 1930er Jahren die Herausgabe des Materials, das überwiegend aus originalen Kamera-Negativen besteht, das nach seinem Tod von dem Produzenten Hubert Schonger durch die Vermittlung von Albin Oswalder-Wandegg 1971 dem Österreichischen Filmmuseum übergeben wurde, wo es seitdem der Erschließung harrt. Diese Outtakes, ergänzt durch weiteres Material im Bundesarchiv, wurde nun aufwendig restauriert und digitalisiert, doch musste wegen technischer Probleme der für die Berlinale vorgesehene online-Start verschoben werden.
Der Film hat sich längst in einen Mythos verwandelt und bei der Wiederbegegnung mit Tabu stellen sich unvermeidbar die Geschichten ein, die sich um die Entstehung des Films und seinen zivilisationsmüden Schöpfer ranken, die Murnau selbst mit seinen emphatischen Briefen aus der Südsee befeuert hat: „Ich bin behext von diesem Lande. – Über ein Jahr lebe ich nun hier, ich möchte nirgends anders mehr sein.“ Man wird erinnert an abergläubische Spekulationen nach Murnaus Unfalltod: „Did The Tabu Put A Curse On Murnau?“  hieß eine Schlagzeile in der Hollywood-Filmzeitschrift „Motion Picture Classic“ und an die kontroverse Rezeption des Films, deren Spannweite Rudolf Thome in seinem Beitrag zur Murnau-Retrospektive 2003 beschrieb. Er selbst verließ „mit Tränen in den Augen“ das Kino, nachdem er „den schönsten Film aller Zeiten“  zum ersten Mal gesehen hatte,  und war „fassungslos“, als er hörte, dass eine Kritikerin beim Herausgehen Tabu als  „Südseeschnulze!“ bezeichnete.
Tatsächlich lagen schon die Urteile prominenter deutscher Filmkritiker nach der Premiere 1931 genau so weit auseinander. „Ein Künstler zog aus, mit der alten Europäersehnsucht nach Sonne und Schönheit.“ begeisterte sich Lotte H. Eisner: „Er hat sie gefunden, sie sich zurechtgeformt nach seinem Willen und uns einen Abglanz gegeben. Darum lieben wir Menschen des Nordens diesen südseeverzauberten Film.“ Andere Kritiker ließen sich nicht überwältigen von der Makellosigkeit der Bilder, für die Kameramann Floyd Crosby 1931 den Oscar erhielt, sondern deckten die Schwächen des Films auf. So spottete Rudolf Arnheim über das „Überangebot an Blütenzweigen und Kränzen im Haar“ und das „Rheintöchteridyll der badenden jungen Mädchen“ und kritisierte, dass sich auch in diesem „am andern Ende der Welt spielenden Film die Ideologie der bürgerlichen Filmproduktion einschmuggelt.“ Ihm sekundierte der stets präzise analysierende Herbert Jhering, der zwar die herausragende Qualität und Schönheit der „harmonischen Bilder“ lobte – aber die „Handlungsromanze“ scharf kritisierte, weil sie  „genau so amerikanisch, so süßlich wie in anderen Filmen“ sei und  er resümierte: „ Tabu – von Hollywood bis Hollywood. Der Irrtum eines Schönheitssuchers im Jahre 1930. Der tragische Irrtum eines Künstlers auf  der Flucht vor der Wahrheit. Herrliche, unvergleichliche, unvergessliche Bilder. Aber gibt es Schönheit an sich?“   
Erstveröffentlicht unter dem Titel: Ein Mythos. F.W. Murnaus letzter Film “Tabu”. In: film-dienst, H.6/2011, S.29.
Die Entstehung von „Tabu“ kann im Internet unter http://tabu.deutsche-kinemathek.de/ recherchiert werden.