Drei restaurierte Stummfilme
“Schatten der Weltstadt” (1925) - “Nerven” (1919) - “Die Gezeichneten” (1921)

In der Berlinale-Retrospektive 2008 zeigten deutsche und internationale Filmarchive in restaurierte und rekonstruierte Stummfilme, bei denen drei deutsche Filme beeindruckten.
Die Friedrich-Wilhelm- Murnau-Stiftung präsentierte mit “Schatten der Weltstadt” (1925) einen der wenigen erhaltenen Filme mit Ellen Richter, dem heute vergessenen Star des deutschen Sensation- und Abenteuerfilms der 20er Jahre. Das Münchner Filmmuseum zeigte ein rekonstruiertes Fragment von Robert Reinerts wichtigem Film “Nerven” (1919) und das Danish Film Institute konnte eine erheblich verbesserte Fassung von Carl Theodor Dreyers “Die Gezeichneten” (1921) vorstellen, in dem antisemitischen Pogrome im zaristischen Russland behandelt werden.
Das Krimi-Melodram “Schatten der Weltstadt” ist in Paris angesiedelt, Ellen Richter spielt darin eine Frau, deren Schönheit von ihrem Mann skrupellos für seine Karriere ausgenutzt wird. Er zwingt sie dazu, sich für ihn zu prostituieren und als er ermordet wird, fällt der Verdacht auf sie. Doch wird sie freigesprochen, aber lediglich aus Mangel an Beweisen und weil auch ihr Geliebter sich von ihr abwendet, macht sie sich selbst auf die Suche nach dem wahren Mörder, als der sich am Schluss ihr Geliebter herausstellt, sie bleibt verlassen und allein zurück. Der teilweise in Rückblenden erzählte Film, gibt Ellen Richter Gelegenheit, verschiedene Facetten ihrer Gestaltungsmöglichkeiten zu zeigen: die große Dame der Gesellschaft, die leidende und gedemütigte Frau, die Liebende, den verführerischen Vamp, die um ihre Unschuld kämpfende Frau und die mutige Detektivin, die nach dem Mörder im Pariser Apachen-Milieu sucht, dessen morbid-romantische Darstellung stark an Eugene Sues Roman “ Die Geheimnisse von Paris” erinnert. Inszeniert wurde der auch von der damaligen Kritik als gelungen bezeichneten Kriminalfilm von Ellen Richters Ehemann Willi Wolff, an  dessen Inszenierung sowohl einige scharf beobachtete sozialkritische Szenen auffallen, als auch der Humor, mit dem es Wolff gelingt, durch ironische Brechungen die Handlung nicht ins Melodram abgleiten zu lassen. Dabei ist ihm vor allem Robert Garrison behilflich, der aus dem kleinen Gauner Emil, der ein großes Geheimnis kennt, ein köstliches Kabinettstückchen macht.
Ellen Richter hatte ihre Schauspielerkarriere am Theater begonnen und war in Berlin bereits 1913 für den Film entdeckt worden. Sie spielte in zahlreichen Filmen unter der Regie u.a. von Richard Oswald, Joe May, Richard Eichberg und Rudolf Meinert, für den ihr späterer Mann Willi Wolff die Drehbücher schrieb. Er hatte nach dem Erwerb dreier Doktortitel und seinem ursprünglichen Beruf als Zahnarzt die Liebe zu Bühne und Film entdeckt und ist auch als Verfasser von Bühnenstücken und Libretti bekannt. 1920 gründeten die beiden die Ellen-Richter-Filmgesellschaft und1922 führte Wolff bei “Lola Montez, die Tänzerin des Königs” erstmals Regie und hat seitdem fast alle Filme seiner Frau inszeniert. Unter den Nazis durfte die Jüdin Ellen Richter nicht mehr auftreten, ihr letzter Film “Manolescu, der Fürst der Diebe” hatte am 17. März 1933 Premiere. Willi Wolff produzierte mit der neu gegründeten Filmgesellschaft “Ritona” noch zwei Tonfilme bis 1935, dann mussten beide emigrieren, erst nach Wien, 1938 dann weiter nach Paris, wo Wolff wieder seinen alten Zahnarztberuf ausübte. Nach der französischen Niederlage flüchteten sie nach Lissabon und von dort in die USA. Ernst Lubitsch gab ihnen beiden im September 1940 das für die Einreise notwendige Affidavit und das Ehepaar lebte erst in Kalifornien, dann in New York, hat aber auch im amerikanischen Exil keine Filme mehr gedreht. Willi Wolff starb 1947 während einer Europareise in Nizza,  Ellen Richter, die 1969 starb, kehrte in die Bundesrepublik zurück und leitete in den 50er Jahren ihre Filmgesellschaften.
In Robert Reinerts “Nerven” begegnet man mit Erna Morena einer weiteren vergessenen Stummfilmdiva, die freilich in dem rekonstruierten Fragment des Films über weite Strecken ebenso aus der Handlung verschwindet wie die revolutionären Straßenkämpfe. Denn von “Nerven” fehlt immer noch gut ein Drittel der ursprünglichen Länge von 2637 Metern. Bei Gosfilmofond in Moskau fand sich eine  auf 1646 Meter gekürzte und umgeschnittene Fassung, die Library of Congress in Washington besitzt ein 777 Meter langes Fragment des 1., 4. und 5. Aktes und auch im Bundesarchiv/Filmarchiv Berlin wurde noch ein kurzes Stück mit drei fehlenden Einstellungen entdeckt: die Daten verdeutlichen die Schwierigkeit der Rekonstruktion und weshalb die jetzt auf DigiBeta vorliegende Fassung, für die auch Zensurkarte und Programmblatt herangezogen wurden, nur eine Interpretation des ursprünglichen Films sein kann.
Dennoch lohnt die  intensive Bemühung um diesen außergewöhnlichen Film, über dem “ein expressionistischer Hauch” liegt, wie die Filmkritik  nach der Uraufführung mit Recht feststellte, die “Nerven” begeistert  als etwas “bahnbrechend Neues” (Kinematograph) begrüßte.
In der Tat stehen neben realistischen Bildern von Tod und Schrecken des Weltkrieges und revolutionären Demonstrationen und Kämpfen, auch symbolische Bilder: In irrealen Fiebertraum-Sequenzen schildert Reinert die seelische Zerrüttung der Menschen und in visionären Bildern stellt er ihre Hoffnungen dar. Die Handlung wird dabei “durchaus zur Nebensache”, reale und symbolische Bilder sollen einen “Seelenzustand, ein Stück Gefühlswelt vermitteln” und werden “phantastisch durcheinandergewirbelt” hieß es in der “LichtBildBühne”.
Der bereits 1928 verstorbene Regisseur, Autor und Produzent Robert Reinert greift in “Nerven” zahlreiche damals kursierende Ideen auf, die meist unvermittelt nebeneinander stehen, denn der Film ist Ausdruck der Zerrissenheit der Zeit, er zeigt eine orientierungslose Gesellschaft, die Menschen sind verstrickt in innere und äußere Kämpfe. Themen und Motive des Films sind deutlich angelehnt an gleichzeitige expressionistische Theaterstücke, deren pazifistische und antikapitalistische Grundhaltung der Film teilt: Die Sprengung der Fabrik erinnert an Georg Kaisers Bühnenstück “Gas”; der “Lehrer Johannes” (gespielt von Paul Bender) ist ein Vertreter des Kommunionismus, der religiös-sozialistischen Strömung nach dem 1. Weltkrieg und erscheint wie ein Bruder von Ernst Tollers “Friedrich” in der “Wandlung” und die Berufung auf Rousseaus  Losung “Zurück zur Natur”, die Reinert der einzige “Weg aus dieser Wirrnis” (Der Film) zu sein scheint, war in der expressionistischen Bewegung weit verbreitet.  Auch die von Helmar Lerski geschaffenen Bilder orientieren sich an  malerischen Vorbildern vom Jugendstil bis zum Expressionismus.  Die symbolischen Bilder des Prologs erinnern an Heinrich Voglers Bilder, während die angstvollen Gesichte in den Fiebertraum-Visionen Eduard von Wintersteins den Gemälden von Edvard Munch gleichen und das nackte Paar, das in der Schlussvision einen Berggipfel ersteigt, sieht aus wie einem Bild Ferdinand Hodlers entsprungen.
Selbst in der nur fragmentarischen Fassung kann man erkennen, dass Reinert mit “Nerven” einen Film geschaffen hat, der mehr war, als nur ein “Spiegelbild unserer Zeit” (Der Film), sondern vielmehr ein  “Fanal, das uns entgegen leuchtet.” Zur Wirkung des Films trug wesentlich die eindrückliche musikalische Interpretation von Joachim Bärenz am Klavier bei, der  auch “Schatten der Weltstadt” meisterlich musikalisch illustrierte und illuminierte.
Auch Carl Theodor Dreyers Film “Die Gezeichneten”, war ein Fanal, denn die Erinnerung an die zaristischen Judenpogrome 1903, die der Film nach einem 1912 erschienenen Roman des dänischen Schriftsteller Aage Madelung darstellt, sollten offenbar eine Warnung sein. Madelung hatte selber lange in Russland gelebt und war mit einer Jüdin verheiratet, so dass sein Roman Augenzeugenschaft in Anspruch nehmen darf.
Für den 1921/22 mit deutschen, russischen und dänischen Schauspielern und in Berlin gedrehten Film errichtete der Architekt Jens G. Lind in Ost-Lichterfelde mit großer Liebe zum Detail eine eigene kleine russische Filmstadt, das Milieu von Shtetl,  Kleinstadt und St. Peterburg ist atmosphärisch genau erfasst und die Einstellungen sind mit großer Sorgfalt komponiert. Dreyer bevorzugt in dem sehr ernsthaften Film über weite Strecken eine eher ruhige Bilderzählung, wodurch das Blutbad des Pogroms nachher umso heftiger wirkt, die Charaktere sind psychologisch eindringlich und mit großer Wahrhaftigkeit gezeichnet.
Der von hervorragenden Schauspielern getragene Film schildert am Beispiel der Geschichte des Mädchens Hanne-Liebe und ihrer Familie, wie die jüdischen Bürger unter dem Antisemitismus zu leiden hatten und wie sie schließlich aus Russland vertrieben werden und in langen Trecks aus dem Land fliehen in eine keineswegs sichere Zukunft.
Denn aus heutiger Sicht erscheint besonders bemerkenswert, dass das Pogrom, bei aller brutalen Gewalttätigkeit des entfesselten  Mobs, keineswegs Ausbruch des spontanen Volkszorns ist, sondern dass es vielmehr von der geheimen Staatspolizei aus politischem Kalkül inszeniert wurde. Die Juden sollen zum Sündenbock für die revolutionären Unruhen gemacht werden. Ein staatlicher Spitzel verstärkt gezielt die antisemitischenVorurteile der Bevölkerung und schafft so ein Klima, in dem es nur eines Funkens noch bedarf, um das Pogrom zu entfesseln. Durch die Aufdeckung, dass die Staatsmacht selbst die Juden ihrer Bürgerrechte beraubt, sie für vogelfrei erklärt und den Mob auf sie hetzt, wird der Film “Die Gezeichneten” zum  Menetekel, das die spätere Verfolgung und Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus an die Wand malte.
Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H.6/2008 unter der Überschrift: Restauriert und Rekonstruiert: Stummfilmpremieren in der Berlinale-Retrospektive