Helmut G. Asper
„Meine Erfahrungen mit den Filmleuten“
Arthur Schnitzler und der Film
Erstveröffentlicht in: Filmblatt H.39, 14. Jg./Frühjahr 2009, S.4 - 20
Der Schriftsteller und Arzt Arthur Schnitzler (1862-1931) war einer der scharfsichtigsten Gesellschaftskritiker seiner Zeit.1 Er gehörte nach dem sensationellen Erfolg seines Dramas Liebelei 1895 im Wiener Burgtheater zu den führenden Vertretern der österreichischen Literatur und zu den meistgespielten Dramatikern auf den deutschsprachigen Bühnen. Deshalb ist nur zu verständlich, dass sich im Zuge der nach 1908 einsetzenden Kunstfilmbewegung und des aufkommenden Autorenfilms die Filmgesellschaften auch um die Verfilmung von Schnitzlers Werken bemühten.2 Anders als bei vielen zeitgenössischen Schriftstellern stießen diese Anfragen auf großes Interesse bei Schnitzler, der dem neuen Medium Film von Anfang an positiv gegenübergestanden und ihm „seit je bedeutendes Interesse”3 entgegengebracht hatte.
Schnitzler war allgemein von moderner Technik begeistert. Er gehörte zu den ersten Radfahrern in Wien, fuhr später gerne Auto, hatte einen der ersten Wiener Telefonanschlüsse, benutzte den Rohrpost-Service und besuchte öffentliche Grammophon-Salons und Kaiser-Panoramen. 1904 erwähnt er in seinem Tagebuch erstmals den Besuch eines Kinematographen-Theaters.4  Schnitzler war fasziniert von der Aktualität und dem Wirklichkeitseindruck des Films, vor allem beeindruckte ihn dessen emotionale Wirkung. Früh dachte er daran, selbst für den Film zu schreiben: „Pläne durchgesehen. – Vielleicht wären aus einzelnen Stoffen, die mich zu intensiver Durcharbeitung nicht genügend interessieren, ‚tragische, burleske, tragikomische Anekdoten’ zu machen.”5 Deshalb stießen die Filmgesellschaften, die sich 1911 wegen der Verfilmung seiner Werke an ihn wandten, auf großes Entgegenkommen bei Schnitzler, der vorurteilslos ihre Angebote prüfte. Bei den Verhandlungen mit den Filmfirmen, die Schnitzler stets selbst führte und weder einem Agenten noch seinem Verlag S. Fischer überließ, erlebte er freilich zahlreiche Enttäuschungen: „Meine Erfahrungen mit den Filmleuten sind so übel als möglich”, resümierte er seine 20-jährigen Erfahrungen im Mai 1931 in einem Brief an die dänische Schriftstellerin Karin Stampe-Bendix.6 „Sie wissen wahrscheinlich, dass man bisher nur folgende Sujets von mir gedreht hat: ‚Liebelei’, ‚Freiwild’, ‚Medardus’ und ‚Fräulein Else’ und jetzt hat man in Amerika ‚Spiel im Morgengrauen’ gemacht.” Seine Aufzählung vervollständigte Schnitzler noch um den 1921 in Hollywood gedrehten Film The Affairs of Anatol (USA 1921, R: Cecil B. DeMille), doch bleibt die Bilanz von nur sieben Filmen nach sechs Werken in 20 Jahren äußerst mager, zumal Schnitzler mit zahlreichen Filmgesellschaften, Produzenten und Regisseuren in Europa und Hollywood über Verfilmungen seiner Werke verhandelt hatte.7
Die Mehrzahl von Schnitzlers Filmplänen wurde nie realisiert, die meisten kamen nicht einmal über das Stadium unverbindlicher Anfragen hinaus. Von der Unzuverlässigkeit im Filmgeschäft bekam Schnitzler schon bei seinen ersten Kontakten mit der Filmindustrie 1911 einen Vorgeschmack. Weder kam es damals zur Zusammenarbeit mit der Gesellschaft „Österreichisch-Ungarische Kinoindustrie”8 noch mit einer Berliner Filmgesellschaft, die sich für Schnitzlers Pantomime Der Schleier der Pierrette interessiert hatte.9 Zu Schnitzlers frühen Erfahrungen gehört auch, dass die Filmgesellschaften nur an seinen besonders populären Werken interessiert waren.

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