Südsee – Filme zwischen Traum und Realität
Zur Reihe “Südsee-Bilder” in der Murnau-Retrospektive der Berlinale 2003
"Wenn wir irgendwo Flahertys 'Moana'(1926) mal wiedersehen, werde ich dir zeigen was darin echt und was unecht ist. Fast alles ist inszeniert. Die Eingeborenen tun Dinge, die sie nie tun und niemals getan haben." schrieb William S. Van Dyke, der ursprünglich mit Robert Flaherty gemeinsam bei dem MGM-Film "White Shadows in the South Seas" (1927/1928) Regie führen sollte, seiner Freundin von den Dreharbeiten in Tahiti und fügte hinzu: "Ich weiß verdammt wenig über die Eingeborenen, aber ich wette, dass ich mehr weiß als er." Damit legte er den Finger auf die Wunde der meisten Südsee-Filme der zwanziger und frühen dreißiger Jahre, die als Umrahmung zu Murnaus "Tabu" in der Berlinale-Retrospektive liefen. Sie zeigen nicht die Realität, sondern den Traum der Weißen von der Südsee und ihren Eingeborenen. Die Filmemacher wandelten auf den Spuren der zivilisationsmüden Maler und Schriftsteller - Flaherty stellte "Moana" ein Zitat von Robert L. Stevenson voran - und suchten in der tropischen Landschaft nach einem Paradies, das - falls es je existiert hat - nicht verloren war, wie Murnau in "Tabu" suggeriert, sondern längst zerstört worden war von den Weißen.
 
Zwar hatte Flaherty die "finanzielle, soziale und sexuelle Ausbeutung" der Eingeborenen in Samoa durch korrupte weiße Händler und Regierungsbeamte in Samoa selbst erlebt, dennoch  thematisierte er dies nicht, sondern schilderte in "Moana" (1926), wie er sich das frühere Leben der Eingeborenen vorstellte, die er für Primitive hielt, die "keine Gedankenwelt, keinen Intellekt" (Frances Flaherty) hätten. Es fehlte ihm jegliches Verständnis für die Komplexität der polynesischen Kultur, über die er so gut wie nichts wusste. Dass "Moana" zumindest bei Kritikern trotzdem Erfolg hatte, lag vor allem an der eindrucksvollen Kameraarbeit. Flaherty experimentierte bei "Moana" erstmals mit Teleobjektiven, und er benutzte ausschließlich panchromatisches Filmmaterial, das die Farben besser wiedergab und ist außerdem ein Beleg dafür, wie sehr seine Südseebilder den Sehnsuchtsvorstellungen der Intellektuellen entsprachen.
Van Dyke dagegen ließ sich nicht vom Südseezauber anstecken. Wegen seines schnellen und ökonomischen Arbeitens ("One Take"-Van Dyke) und seiner Erfahrung mit on location-Dreharbeiten hatte Irving Thalberg ihn engagiert, um mit Flaherty an Originalschauplätzen auf Tahiti "White Shadows in the South Seas" 3.600 Meilen entfernt vom Studio zu drehen. Das war ein gewagtes Unternehmen, da sämtliche technischen Einrichtungen per Schiff mitgebracht, auf Tahiti aufgebaut und mit dort angelernten Hilfskräften betrieben werden mussten. Flaherty sollte die fünfmonatige Filmexpedition leiten und "atmosphärische Aufnahmen" drehen, Van Dykes Aufgabe war es, die Spielhandlung zu inszenieren.
Schon bald nach der Ankunft in Papetee im Dezember 1927 kam es jedoch zum Zerwürfnis zwischen Flaherty und Van Dyke, der Tahiti wunderbar fand - aber nur als "weekend spot" und sich schon am zweiten Tag nach seiner Ankunft zurück nach Hollywood sehnte. Außerdem hielt der Profi Van Dyke Flaherty als Filmemacher für völlig unfähig, der ihm wiederum Verachtung der polynesischen Kultur vorwarf. Flaherty, der wohl  nur einige an "Moana" erinnernde  Szenen wie die Vorbereitungen zum Festmahl gedreht hat, kehrte schon Anfang März 1928 in die USA zurück und Van Dyke beendete unter großen Schwierigkeiten mit der Technik und den eingeborenen Laiendarstellern den Film auf Tahiti. Die Hurrikan-Szenen, die ursprünglich auch in der Südsee gedreht werden sollten, hat er nach seiner Rückkehr im MGM-Studiotank aufgenommen.
 
Der Film, in dem sich der Arzt Matthew Lloyd (Monte Blue) als einziger Weißer für die Eingeborenen einsetzt und deshalb am Ende von weißen Händlern ermordet wird, ist ein entschiedenes filmisches Plädoyer gegen die Ausbeutung der Eingeborenen durch die Weißen, deren hemmungslose Profitgier Van Dyke anklagt. In realistischen Bildern schildert er, wie die eingeborenen Perlentaucher ihre Gesundheit und sogar ihr Leben aufs Spiel setzen müssen für die weißen Herren. Ein "für amerikanische Verhältnisse sehr mutiger Film" urteilte 1929 bei der deutschen Erstaufführung im "Film-Kurier" Georg Herzberg: "Denn schließlich sind ja auch in Amerika die Indianer rücksichtslos ausgerottet worden. Der Wohlstand vieler Staaten in USA ist mit dem Blut der gemarterten Sklaven erkauft worden."
Die glückliche Zeit die Lloyd auf einer abgelegenen Insel als einziger "weißer Gott" unter Eingeborenen erlebt - diese Episode ist von Herman Melvilles Roman "Typee" beeinflusst, den Flaherty MGM zur Verfilmung  vorgeschlagen hatte - wird gewaltsam von den Weißen beendet, die auch diese Insel unterjochen.  Selbst bei der Schilderung dieser Idylle lässt sich Van Dyke nicht überwältigen von der Schönheit von Natur und Menschen, stets wahrt er Distanz und filmt das Geschehen aus der Perspektive des Weißen, der immer fremd bleibt in dieser Welt, das macht seinen Film auch heute noch sehenswert.
Van Dyke schwelgt auch nicht in schönen Körpern oder Sonnenuntergängen wie vor allem Henri de la Falaise, der die Darstellerinnen in seinem auf Bali gedrehten Film "Legong - Dance of the Virgins" (1935) eindeutig nach weißen Schönheitsidealen ausgesucht hat. Falaise war vor allem an Aufnahmen der verschiedenen Tanzrituale interessiert, um die er eine anspruchslose Rahmenhandlung inszenierte. Sein Film erscheint heute bemerkenswert vor allem wegen des von ihm benutzten frühen Zwei-Farben-Technicolor-Verfahren, das nur auf Rot und Grün basierte und das in der in Berlin vorgeführten restaurierten Kopie durch seine Farbtreue und Leistungsfähigkeit beeindruckte, während die Zeitgenossen daran bemängelten, dass die Bilder "stichig" waren und "Farbränder" aufwiesen.
Erstveröffentlicht in Film-Dienst H. 6/2003.