Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H.6/2007, S.48

Jährlich präsentiert die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung während der Berlinale-Retrospektive einen restaurierten Stummfilm, wobei sie sich nicht nur der Klassiker annimmt, sondern dankenswerter Weise auch unbekannte und vernachlässigte Werke berücksichtigt, wie Friedemann Beyer, der Vorsitzende der Stiftung, bei der Präsentation des Ufa-Films  “Turm des Schweigens” betonte. Vergessen ist nicht nur der Film, auch dessen Regisseur Johannes Guter, trotz der zahlreichen Filme, die er von 1917 bis 1944 gedreht hat, auch die Hauptdarstellerin Xenia Desni, mit der Guter mehrere Filme gedreht hat, der überaus produktive Drehbuchautor Curt J. Braun und der Filmarchitekt Rudi Feld, den die Ufa 1933 schnöde entließ, weil er Jude war, sind nur noch Filmhistorikern ein Begriff.  Bekannt sind nur noch der Kameramann Günther Rittau, dessen erster selbständig fotografierter Film “Turm des Schweigens” war, und der Produzent Erich Pommer, dessen Studiostil-Konzept auch bei diesem einigermaßen bizarren Film deutlich zu erkennen ist.


Denn die Handlung ist “von großer Undurchsichtigkeit”, wie stark untertreibend der Kritiker der Zeitschrift “Der Film” damals meinte.  Ganz unverbunden stehen die auf verschiedenen Zeitebenen angesiedelten Handlungen nebeneinander und zu konstruiert wirkt die Wiederholung des Heimkehrerschicksals. Wilfred Durian, der seinen Freund, den Flieger Holl verrät und in der Wüste ohne Wasser zurücklässt und dann dessen Verlobte heiratet ist  der Sohn jenes Jean Durian, der vor zwanzig Jahren die Frau des des Aviatikers Vartalun zur Geliebten nahm, nachdem dieser nach einem Ballonabsturz ebenfalls verschollen war. Vartalun ermordet den Sohn, den er in seinem blinden Hass für den Vater hält und stürzt sich dann mit selbstgebauten Vogelschwingen - Feld hatte sie nach Zeichnungen Leonardo da Vincis konstruiert - vom Turm. Uneinheitlich ist auch der Stil der Schauspieler,  während Nigel Barrie als Holl unterspielt, hat die Kritik dem Darsteller des Vartalun, Avrom Morewsky, mit Recht “Meiningerei” vorgeworfen und Xenia Desni, in der Doppelrolle von Vartaluns Frau und deren Tochter, die sie von Durian hat, wird lediglich wunderschön ins Bild gesetzt. Der Reiz des Films liegt in den Stimmungen der einzelnen Szenen, die von Kamera, Dekor und Beleuchtung geschaffen werden.
Rittaus Fotografie besticht durch interessante Einfälle, aus extremer Vogelperspektive fotografiert er die sich um den Turm windenden Außentreppe, und er setzt souverän Bildeffekte wie Überblendungen, Mehrfachbelichtung, Prismenaufnahmen und abstrakte Aufnahmen ein.


Vor allem aber sind es Rudi Felds Bauten und Innendekorationen, die den Film prägen. Er gestaltet den Gegensatz zwischen der mittelalterlichen Welt des Turms und der modernen Stadt, die ein Hort von Kunst, Wissenschaft und Technik ist. Der namengebende Turm mit der sich außen “herumschlängelenden Steintreppe” wurde auf dem Studiogelände in Neubabelsberg auf einem eigens angelegten Berg errichtet, und ist “ein beachtliches Zeugnis filmarchitektonischen Könnens der zwanziger Jahre” urteilt Anke Wilkening, die die Restaurierung leitete, im Programmblatt. Eine düster-romantische Stimmung liegt über dem Turmgemach, das ganz vom riesigen Räderwerk der Turmuhr beherrscht wird, deren Spielwerk Feld nach dem Vorbild der Uhr auf dem Hradschin in Prag gestaltete. Freilich mußten die Hauptdarsteller selbst in mittelalterlichen Kostümen auf der Uhrscheibe erscheinen, die Erkenntnis des alten Türmers  illustrierend, die gleichzeitig das Motto des Films ist: “Alles was heute ist, war gestern und vorgestern auch.” In einem Manuskript, das sich in seinem Nachlass im Filmmuseum Berlin befindet, hat Feld beschrieben, wie er diese “aufregendsten Aufnahme seines Lebens” technisch bewerkstelligte, denn die Darsteller durften sich nicht bewegen, nur ihr Mienenspiel sollte zu sehen sein: “Ich tränkte Sackleinwand in braunen, holzartigen gefärbten Gips und bekleidete mit Hilfe von Assistenten unsere Hauptdarsteller mit diesen schweren nassen Tüchern, wobei ich von einem zum andern sprang um die berühmten Dürer-artigen Falten schnell zu gestalten, bevor der Gips erstarrte. Fast alle Darsteller waren einer Ohnmacht nahe, da sie ja kaum Luft bekamen und sich nicht bewegen konnten. Als sich nun die Drehscheibe zur Aufnahme in Bewegung setzte und der erste Darsteller erschien, war der letzte noch vollkommen nass. Sofort schnitt man mit großen chirurgischen Gipsscheren die Gewänder auf und transportierte jeden Darsteller in ein sehr heißes Bad.” Bei den zahlreichen von Feld geschaffenen Dekorationen der modernen Stadt wurde besonders die Theaterdrehbühne von der Kritik erwähnt, die hier wohl erstmals im Film eingesetzt und von Rittau wirksam fotografiert wurde.


Die Restauration des Films beruht auf einem fast vollständigen Originalnegativ im Bundesarchiv-Filmarchiv in Berlin, das ergänzt wurde durch zahlreiche Einstellungen auf Dupmaterial, immerhin hat die restaurierte Fassung eine Länge von 2.137 Metern - die Zensurlänge war 2.332 Meter. Da der Film damals von der Kritik vor allem für sein hohes technisches Niveau gelobt worden war, an dem sich “die filmkünstlerisch hohen Standards seiner Zeit gut ablesen lassen” (Wilkening), war es für die Restauratoren die “größte Herausforderung”, eine “adäquate Bildqualität” zu erzielen: das ist in vollem Umfang gelungen und Dank der Zusammenarbeit von Bundesarchiv und Murnau-Stiftung ist ein von der Forschung bisher vernachlässigter Film vor dem Vergessen bewahrt worden.
Dank an Gerrit Thies und Regina Hoffmann im Filmmuseum Berlin.
Helmut G. Asper