Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H. 6/2005, S.48-49

Hundert Jahre nach der historischen Revolte der Matrosen auf dem russischen Panzerkreuzer “Fürst Potemkin von Taurien” und dem Blutsonntag von Petersburg; achtzig Jahre nachdem Sergej Eisenstein seinen revolutionären Film “Panzerkreuzer Potemkin” drehte, in dem er beide Ereignisse miteinander verwob und 89 Jahre nach der Berliner Premiere dieses Films, der “aus solchem Stoff, wie der, aus dem man jede Rebellion macht” (Willy Haas) besteht, die erst nach heftigem Kampf mit der deutschen Filmzensur am 29. April 1926 im Berliner Apollo-Theater stattfinden konnte und für die der Komponist Edmund Meisel eine ebenso kühne Geräuschmusik schrieb,  hat nun ein Filmhistoriker-Team unter Leitung von Enno Patalas eine Rekonstruktion des durch zahlreiche Eingriffe veränderten und teilweise verstümmelten Films erarbeitet, die mit der vom Leiter des Babelsberger Filmorchesters Helmut Imig  bearbeiteten und neu arrangierten Musik Meisels in der Berliner Volksbühne Premiere hatte.     


Dabei ist mehr als nur ein Hauch von Ironie, dass die aufwendige Rekonstruktion dieser “offen bolschewistische(n) und relativ tendenziöse(n) Sache” (Eisenstein), von der Kulturstiftung eines ebenso offen kapitalistischen Staates finanziert wurde, dessen  Staatsministerin im Programmheft den Film, der die Massen zur Revolution aufruft,   zum “Dokument deutsch-russischen Kulturerbes” erklärt, was angesichts der Zensurgeschichte des “Panzerkreuzer Potemkin” und des heftigen Widerstands von Ministerien und Regierungen der Weimarer Republik gegen den Film dann doch ein wenig dreist scheint. Aber die bürgerliche Gesellschaft hat sich immer schon durch ihre Fähigkeit ausgezeichnet, einfach alles zu konsumieren und kann vierzehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion und dem Niedergang des Kommunismus auch den “Panzerkreuzer Potemkin” vereinnahmen und das wieder eingefügte Trotzki-Zitat und die so liebevoll rot kolorierte Fahne, die am Mast des Panzerkreuzers gehisst wird, verbreiten nur noch Nostalgie: gehabte Revolutionen, die hab’ ich gern.


1926 war der Film vom deutschen Staat aufs Heftigste befehdet worden. Die Filmprüfstelle Berlin hatte die Aufführung verboten, weil er die “öffentliche Ordnung und Sicherheit dauernd” gefährde, “die russische Revolution als Naturnotwendigkeit” hinstelle und die Zuschauer zu Krieg und Revolution aufhetze. Dabei hatte  der deutsche Regisseur Piel Jutzi im Auftrag des von Willi Münzenberg gegründeten kommunistischen Prometheus Film-Verleihs schon “eine Reihe von Abänderungen am Film vorgenommen und  ihn u.a. in einen Sechsakter verwandelt,” um “die lebendige Verklammerung der Revolution von 1905 mit der des Oktober zu kaschieren”, wie Eisenstein durchaus zustimmend über die Bearbeitung berichtete. Aber erst nach zahlreichen öffentlichen Protesten und des Geschicks des Rechtsanwalts Paul Levi, der den Aufstand so darstellte, als ob er “der ganzen Taktik der Kommunisten widerspricht” (Eisenstein), sowie der Kürzung von zwei Zwischentiteln und zwölf Einstellungen (ca. 30 Meter), die das “Blutbad auf der Treppe” und “vor allem die Szenen [betrafen], in denen Offiziere über Bord geworfen” werden (Eisenstein) und die nach Auffassung der Zensoren verrohend wirkten, wurde der Film am  10. April 1926 von der Oberprüfstelle eingeschränkt freigegeben. Für Jugendliche blieb er weiterhin verboten und der mit der Entscheidung gar nicht einverstandene Reichswehrminister untersagte auch den Soldaten den Besuch des Films, der von Kritik und Publikum stürmisch bejubelt wurde. Aber die Regierungen Württembergs, Bayerns, Hessens, Mecklenburg-Schwerins und Thüringens hielten den Film für einen “tückischen und gefährlichen Griff an die Kehle des Staates” und erreichten ein erneutes Verbot, worauf die Prometheus den Film um weitere hundert Meter kürzte. Nachdem alle “Darstellungen dieser Gewalttätigkeiten und die Titel, die das Gelingen der Meuterei unterstreichen, so sehr verkürzt und abgeschwächt [sind], dass von der Vorführung des Bildstreifens eine solche Wirkung nicht mehr zu befürchten steht” gab die Oberprüfstelle den Film am 28. Juli 1926 für Erwachsene und Jugendliche frei. Nach erneutem Protest der Landesregierungen wurde der Film am 2. Oktober 1926 für Jugendliche wieder verboten und die Regierungen von Bayern und Württemberg gingen noch einen Schritt weiter: sie verboten trotz der Zulassung und gegen geltendes Reichsrecht den Films ganz, was zu einer heftigen, aber fruchtlosen Debatte im Reichstag führte. Diese schier endlose deutsche Zensurgeschichte wird im Programmheft nur sehr verkürzt dargestellt, wohingegen als wichtiger deutscher Anteil am Erfolg des Films die Maschinenmusik des 1894 in Wien geborenen Komponisten Edmund Meisels herausgestellt wird. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass der “Panzerkreuzer Potemkin” seine revolutionäre Kraft sowohl bereits bei der bejubelten Moskauer Premiere, wo er vom Bolschoi -Orchester mit einer Kompilation aus  klassischer Musik illustriert wurde, entfaltet hatte, als auch in den späteren Fassungen mit der pathetischen Musik von Krjukow (1949) und den Sinfonien von Schostakowitsch (1976). Bereits bei dieser Fassung haben Sergej Jutkewitsch und Naum Klejman fehlende Einstellungen ergänzen sowie die ursprüngliche Einstellungsfolge und die originale fünfaktige Aufteilung wiederherstellen können, 1986 stellte Enno Patalas eine auf dieser Version beruhende Fassung her, die erstmals wieder mit der Musik Meisels kombiniert wurde. In der neuen Berliner Fassung konnten nun weitere von der Zensur geschnittene Einstellungen und die originalen Zwischentitel wieder eingefügt und die Umstellungen der Bearbeitung Jutzis korrigiert werden, dabei wurde nicht nur die - zensierte - Druckfassung, sondern auch das unzensierte Typoskript des Filmprotokolls von Ippolit Sokolow vom Anfang der 1930er Jahre herangezogen.  Insgesamt enthält die neue Fassung 15 Einstellungen “mehr als die bisher vollständigste, die Tonfassung von 1976" (Patalas). Allerdings bleibt sie mit 1.388 Metern deutlich zurück hinter der Länge der russischen Premierenfassung (1.740 Meter). Es ist auch nicht geklärt, welche Änderungen Eisenstein selbst zwischen der Bolschoi-Premiere und dem Kinostart am 18. Januar 1926 vorgenommen hat und selbst die beiden deutschen Zensurfassungen waren mit 1.556 bzw. 1.464 Metern nach der zweiten Kürzung, noch deutlich länger. So kann man also kaum davon sprechen, “Panzerkreuzer Potemkin” sei nun “wiederhergestellt” (Patalas), sondern höchstens von einer Annäherung an die Premierenfassung nach heutigem Stand der Kenntnis und nach der Überlieferung des Materials.


Problematisch erscheint außerdem, diese fünfaktige Fassung mit den russischen Zwischentiteln mit Edmund Meisels Musik zu kombinieren, die für eine  im Ablauf veränderte und mit neuen deutschen Titeln versehene  Fassung geschrieben wurde, die mit 16 Bildern pro Sekunde vorgeführt wurde im Gegensatz zu den 18 Bildern/pro Sekunde der neuen Berliner Fassung. Wegen der abweichenden Länge, Tempo und Akteinteilung musste Meisels Komposition erheblich bearbeitet werden, wie Helmut Imig in seinem Beitrag “Mostly Meisel” im Programmheft  seine schwierige Aufgabe erläutert, die er mit Bravour gelöst hat, denn bei der Aufführung riss die vom Filmorchester Babelsberg mit großer Verve gespielte Geräuschmusik Meisels das Publikum schier von den Sitzen. Der Film entfaltete seine unerhörte dramatische und emotionale Kraft. Eisensteins Kollisionsmontage mit den Maden (ich plädiere dafür, die Alliteration “Menschen und Maden” im 1. Akt beizubehalten statt “Menschen und Würmer”) entlockt auch heute noch den Splatterfilme gewöhnten Zuschauern ein angeekeltes “Ah!” - doch revoltieren sie nicht dagegen, weil sie den Film ganz anders wahrnehmen: “Hauptsächlich ist der Film wegen seiner Musik berühmt” erklärte ein junger Mann in der Reihe hinter mir seiner Freundin, “weil er ganz schnell im Rhythmus der Musik geschnitten ist, voll Videoclip-mäßig.”
Ob Eisenstein und Meisel heute Videoclips für MTV drehten?
Helmut G. Asper
Zitate aus: Sergej M. Eisenstein: Schriften 2. Panzerkreuzer Potemkin. Hrsg. v. Hans-Joachim Schlegel. München 1973, den Zensurakten (www.deutsches-filminstitut.de/filme/f035365.htm#zensur und Panzerkreuzer Potemkin. Das Jahr 1905.  Programmbroschüre Zur Premiere der neuen Fassung. Hrsg. v. Filmmuseum Berlin- Deutsche KinemathekRestauration frisst Revolution: Neue Berliner Fassung des “Panzerkreuzer Potemkin”