Erstveröffentlicht in: Film-Dienst H. 8/2007, S.16f.

Shakespeares Dänenprinz ist die wohl vielschichtigste Rolle der Theatergeschichte und deshalb seit jeher nicht nur der Traum aller Schauspieler gewesen - einer ließ sich deswegen sogar seine X-Beine brechen und gerade richten - sondern auch der Traum vieler Schauspielerinnen, die sich höchst königlich bewähren wollten. Denn schon lange vor der heute modischen gender crossing-Besetzung haben Schauspielerinnen in England, Frankreich und Deutschland den Hamlet gespielt. Als Shakespeares Stück in Deutschland im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts populär und von fast allen Theatern gespielt wurde, trat bereits 1779 in Gotha die Schauspielerin Felicitas Abbt mit großem Erfolg als Hamlet auf und im 19. Jahrhundert spielten u.a. Clara Ziegler und Adele Sandrock den Prinzen. Sarah Bernhardts Darstellung wurde 1900 sogar in einem kurzen Filmstreifen “Le Duel d’Hamlet” festgehalten. Wie alle ihre Vorgängerinnen, spielte sie den Dänenprinzen als Hosenrolle - während Asta Nielsens Darstellung dadurch herausragt, dass sie in dem 1920 gedrehten und von ihrer eigenen Gesellschaft produzierten Stummfilm Hamlet als Frau spielt.


Ihre Version stützt sich auf pseudo-wissenschaftlichen Forschungsergebnisse von E.P. Vining, der behauptete, dass in der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Sage Hamlet eine Frau gewesen sein soll, die aus dynastischen Gründen für einen Mann ausgegeben wurde. Das Drehbuch vermischt die Sage mit Shakespeares Stück und erzählt umständlich die Vorgeschichte: Im Krieg gegen Norwegen scheint der dänische König tödlich verletzt und um die Thronfolge zu retten, gibt die Königin ihre gerade geborene Tochter als Knaben aus. Die Lüge wird aus Staatsräson nach der Rückkehr des Königs aufrecht erhalten und Hamlet gilt überall als Mann, eine von der Kritik damals sehr kontrovers beurteilte Konstruktion, weil manches dabei ungereimt bleibt.
Überzeugend ist an Nielsens Deutung, dass Prinzessin Hamlet ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Vater hat. Deshalb bedarf es hier keiner  Geistererscheinung, ihre Einfühlung, ihre Intuition sagen ihr, dass ihr Vater ermordet wurde und nachdem sie die Wahrheit herausgefunden hat, will sie seinen Tod rächen und als sie die Tat nicht ausführen kann, bezichtigt sie sich selbst wegen ihrer weiblichen Schwäche. Neu definiert ist auch ihr Verhältnis zu Horatio und Ophelia: Hamlet liebt heimlich Horatio, kann sich ihm aber nicht entdecken und als sie dessen Interesse für Ophelia bemerkt, beginnt sie mit dieser nur deshalb eine Beziehung, um sie von Horatio zu trennen. Nicht überzeugen kann dagegen die Veränderung von Gertruds Rolle und ihr Verhältnis zu Hamlet. Denn obwohl sie  beteuert, sie habe sie nur als Knaben ausgegeben, um ihr den Thron zu retten, ist sie es dann selbst, die nach der Ermordung des Claudius  Laertes als Werkzeug benutzt, um ihre Tochter zu töten und bereitet auch den Giftbecher für Hamlet, aus dem sie dann durch eine Verwechslung selber trinkt.
Asta Nielsens Interpretation des Prinzen ist ganz davon geprägt, dass Hamlet “kein Mann ist und kein Weib sein darf” und diese Betonung der mangelnden Geschlechterdefinition ist das eigentliche Thema des Films. Damit setzt sie die  feminisierende Tendenz der damaligen Bühnendarstellung des Prinzen fort und vollendet sie. Schon 1909 hatte der Kritiker Siegfried Jacobsohn über Josef Kainz, den wohl bedeutendsten Hamlet-Darsteller seiner Zeit geschrieben: “Es war Kainzens eigenstes Geheimnis, wie er fertig bekam, dem Prinzen alle heldischen Tugenden einer feurigen Jugend zu geben, ohne unsern Glauben an seine feminine Tatenscheu im mindesten zu erschüttern.”  Auch Nielsen hat heldische Auftritte, denn ihr Hamlet hat zwei Seiten oder vielmehr zwei Seelen in der Brust. Sie weiß sich durchaus als Mann in der Männerwelt physisch und intellektuell zu behaupten, wie die Szenen aus der Studentenzeit in Wittenberg ebenso zeigen wie ihr Auftreten am Hof, wo sie unter dem Gewand dann auch einen Panzer trägt, während ihre weibliche Seite unerfüllt bleiben muss und ihr damit eine Aura von Melancholie und Einsamkeit verleiht, die sie von ihrer Umgebung absondert. Das für Hamlet traditionelle schwarze Kostüm, das sie allerdings merkwürdigerweise schon als Studentin trägt, unterstreicht ihre geschlechtliche Sonderstellung und verleiht ihr etwas ephebenhaftes, sie wirkt darin wie ein “unerhört schlanker Knabe” meinte der Kritiker Martin Proskauer im ‘Film-Kurier’ und sie bleibt auch im Kreis ihrer Kommilitonen trotz ihrer Führerrolle einsam, wie Nielsen immer wieder mit Gesten und Mimik verdeutlicht.   
Nielsens körperbetontes Spiel als Hamlet ist streckenweise faszinierend, wenn beispielsweise Claudius vor ihr zurückweicht, weil sie ihm seinen Dolch zeigt,  dann folgt sie ihm nicht nur mit dem Blick, sondern trotz ihrer halbliegenden Stellung auf den Stufen mit dem ganzen Körper folgt und auch bei dem Theaterstück, mit dessen Hilfe sie den Täter überführen will, windet sie sich in liegender Stellung schlangengleich zum Königspaar hin und deutet damit an, dass sie um den mittels einer giftigen Schlange verübten Mord an ihrem Vater weiß. Problematisch wird ihr Spiel hingegen, wenn sie am Grab ihres Vaters oder im Gespräch mit den Schauspielern extensiv malende Gesten einsetzt, auch in den vorgetäuschten Wahnsinnsszenen wirkt sie übertrieben und manieriert, doch wenn sie sich zurücknimmt, wenn sie nur mit ihren Händen spricht anstatt auch mit den Armen und sich auf die Ausdrucksstärke ihres ungemein wandlungsfähigen Gesichts und ihrer Augen verlässt, dann “trägt sie den ganzen Dialog auf ihrem Gesicht” (Béla Balász) und triumphiert vermöge ihrer Kunst sowohl über das gesamte übrige Ensemble, in dem vor allem Eduard von Winterstein als Claudius durch übertriebene Theatralik unangenehm auffällt, als auch über den mit Instrumenten und Elektronik erzeugten Lärm, der im Programmheft bei der Aufführung der restaurierten Farbfassung in der Volksbühne Berlin euphemistisch als “Filmmusik” bezeichnet wurde.
Miki: “Wissen Sie, was Euphemismus ist?”
Maggie: “Nein.”
Miki: “Ich auch nicht. Mein Anwalt hat es mir erklärt.”
(Dialog aus “Irina Palm”)
Helmut G. Asper