Anti-Kriegsfilme von Ford und Borzage
Die abfällige Bemerkung über „Old Europe“ des amerikanischen Kriegsministers, die von den Friedensdemonstranten am letzten Tag der Berlinale im Jahr 2003 zum positiven Slogan umfunktioniert wurde, kam einem unwillkürlich in den Sinn bei den im Rahmenprogramm der Murnau - Retrospektive gezeigten Stummfilmen “Four Sons” (Regie: John Ford, 1928) und “Seventh Heaven” (Regie: Frank Borzage, 1927) der Fox Film Corporation, deren Handlung in Deutschland und Frankreich vor, im und unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg angesiedelt ist.
Bei Ford wird Deutschland repräsentiert durch bayrische Dorfidylle und preußischem Militarismus, Borzage schildert nicht minder kolportagehaft ein Arme-Leute-Paris, in dem ein Kloakenreiniger, der in den Abwässerkanälen arbeitet und hoch über Paris in einer Dachwohnung, dem Himmel nahe, wohnt, eine zarte Liebe mit einem armen Mädchen erlebt. Diese klischeehaft dargestellte idyllische alte Welt wird durch den Weltkrieg in beiden Filmen zerstört, die sich stilistisch an Murnaus Filmen orientieren, vor allem der Einfluss von “Sunrise” (1926) ist unübersehbar.
Das beginnt bei Äußerlichkeiten: Ford hat die Außenaufnahmen des bayrischen Dorfs und von New York in den für “Sunrise” errichteten Bauten gedreht, er stellt jedoch  nicht Land und Stadt, sondern alte und neue Welt einander gegenüber. Auch die Charaktere und Darsteller zeigen Murnaus Einfluss, der Postbote (Albert Gran) in “Four Sons” ist in Figur und  Gestik eindeutig Jannings Portier im “Letzten Mann” nachempfunden; bei Borzage spielt wie in “Sunrise” die wunderbare Janet Gaynor die Hauptrolle, hier ist sie ein armes Mädchen, das von ihrer lasterhaften Schwester gequält und von Charles Farrell, ein ähnlich rauer Naturbursche wie  George O’Brien in “Sunrise”, gerettet wird.  
Auch in den eindrucksvollen Inszenierungen der Filme, die übrigens beide in geschäftlicher Hinsicht “Sunrise” übertrumpften, sind Einflüsse Murnaus deutlich: Ford, der “Sunrise” bewunderte und Murnau im Frühjahr 1927 in Berlin aufsuchte, dreht ungewöhnlich lange Einstellungen und gibt dem stummen Spiel der Darsteller viel Raum; seine Kamera nimmt die Handlung aus extremen Blickwinkeln auf und ist ständig in Bewegung. Auch Borzage, der für seine Regie einen Oscar erhielt, begleitet Farrell und Gaynor in einer extremen Aufzugsfahrt vom Erdgeschoss bis zur Dachwohnung mit der Kamera, die er bei Farrells Rückkehr aus dem Krieg das oben im Treppenhaus postiert und aufnimmt, wie der Blinde mühsam die steile Treppe hochklettert, um in den “Seventh Heaven” zu gelangen. Furios montiert der immer noch unterschätzte Borzage, wie die Pariser Taxis die französischen Soldaten an die Marnefront fahren, und die deutschen Truppen zurückgeschlagen werden, wobei er das Schicksal des alten Taxis Eloise  souverän als komödiantischen Kontrapunkt inszeniert.
Trotz aller Klischees sind die Deutschen aber in beiden Filmen keine Hunnen, bei Borzage kommen sie nur als Truppen vor und bleiben anonyme Masse und Ford  zeigt sie sogar als Opfer des Krieges. Seine bayrischen Dörfler sind gutmütig, fröhlich und etwas einfältig und werden von der  preußischen Militärkaste, deren Vertreter wie Erich von Stroheim-Verschnitte aussehen, brutal unterdrückt. In Frankreich wie in Deutschland leiden die einfachen Leute unter dem Krieg, drei der “Four Sons” der Mutter Bernle (Margaret Mann) fallen im Krieg, die Menschen daheim müssen hungern, und die Männer, die aus dem Krieg heimkehren, sind verkrüppelt oder erblindet. Um neues Glück und Erfüllung zu finden, muss die alte Mutter Bernle auswandern - nach Amerika. Dorthin ist längst vor dem Krieg ihr vierter Sohn - der anspielungsreich Joseph heißt - emigriert, weil dort “alle Menschen gleich” sind. Tatsächlich macht er in New York in kurzer Zeit  privat wie geschäftlich sein Glück, und als naturalisierter Amerikaner (“Dutch”) kämpft er als Soldat für Amerika. Das ist geradezu eine filmische Rehabilitierung der Deutschamerikaner, die in den amerikanischen Kriegsfilmen stets als Verräter und Spione geschildert worden waren. Ford betont in seinem Film die Treue der deutschen Einwanderer zu ihrer neuen Heimat, wobei er durchaus deren Konflikte darstellt. Im Schützengraben begegnet Joseph seinem sterbenden Bruder, den er zurücklässt, weil er mit seiner Truppe weiter vorstürmen muss.    
Er überlebt als einziger der “Four Sons” den Krieg und kehrt zu seiner auch im Geschäft erfolgreichen Frau und seinem kleinen Sohn nach Amerika zurück, das im Gegensatz zum verarmten Deutschland in voller wirtschaftlicher Blüte steht. Joseph holt seine im deutschen Bayern-Dorf vereinsamte Mutter nach New York und nach einigen Hindernissen in Ellis Island - ein Ansatz zur kritischen Schilderung der bürokratischen amerikanischen Immigrationsprozedur versickert leider im märchenhaften Schluss -, ist die Familie wieder komplett und Großmutter Bernle, nun mit ihrem Enkel vereint, hat in der Neuen Welt ihr neues Glück gefunden. Der Familienvereinigung im diesseitigen Paradies Amerika entspricht in Borzages Film die Heimkehr des durch Bombensplitter erblindeten Farrell in den “Seventh Heaven” zu seiner Frau, die ihn schon tot glaubte - eine Parallele zu “Sunrise” - und seine Besinnung auf den rechten Glauben, als Blinder ist er endlich sehend geworden.  Sowohl gegen Fords naiven Patriotismus als auch gegen die “religiöse Mentalität des Films” von Borzage kann man einiges einwenden, wie der Filmkritiker Ernst Jäger nach der deutschen Erstaufführung 1928 schrieb, der jedoch die “schlichte Lehre” von “Seventh Heaven” hervorhob, die auch heute noch und wieder aktuell ist: “Es geht ohne Dollar, ohne Krieg, ohne Orden, ohne Band - nur ohne Liebe nicht.”  
Erstveröffentlicht unter dem Titel: “Old Europe” in Hollywood. Zum “Berlinale”-Programm “Fox 1927/28". In: Film-Dienst H. 6/2003, S. 44f.