Industriegegend als Landschaft: Zur Restauration und Wiederaufführung von Karl Grunes Film “Schlagende Wetter” (1922/23) in der Retrospektive „Bewegte Räume. Production Design + Film“ der 55. Internationalen Filmfestspiele Berlin 2005.

Von dem Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Karl Grune (1890-1962) kennt man heute nur noch seinen berühmten Stummfilm “Die Straße” (1923), der einem ganzen Genre den Namen gab. Dabei war Grune  keineswegs nur ein ‘one time genius’,  das Bergwerks-Drama “Schlagende Wetter”, Ende 1922 gedreht und im Januar 1923 aufgeführt, war bereits der zwölfte Film des 1919 vom Theater zum Film gewechselten Regisseurs, der 1922 mit Max Schach die Produktionsgesellschaft Stern-Film gründete, für die er auch “Schlagende Wetter” inszenierte. Unter seinen späteren Stummfilmen ragen “Eifersucht” (1925), die Zuckmayer-Verfilmung “Katharina Knie” (1929) und vor allem “Die Brüder Schellenberg” (1925/26) heraus, für die der Kritiker Willy Haas das Drehbuch schrieb.  Vor den Nazis floh Grune 1933 ins englische Exil, wo er u.a. 1934 “Abdul the Damned” drehte, ein Film über das Blutregime des türkischen Sultan Abdul Hamid II, den Fritz Kortner als psychopathischen Diktator eindringlich porträtierte - die aktuellen Parallelen lagen für die Zeitgenossen auf der Hand.
Anfang der zwanziger Jahre galt Grune als eine große Hoffnung des deutschen Films, der Schriftsteller und Kritiker Stefan Großmann, der mit ihm gemeinsam die Vorlage für das Drehbuch zu “Schlagende Wetter” geschrieben hatte, rühmte ihn als den eigentlichen Autor und meinte, er sei der “Dickens des deutschen Films”, der bei “Schlagende Wetter” das “Drama des Einzelnen” betont habe, während  es  Großmann auf  den “großen Bergarbeiterfilm” ankam und er lieber “das Eifersuchtsdrama mit weniger schweren Ketten in das Bergmannsstück eingegliedert” hätte.
Die zeitgenössischen Kritiken rühmten die Menschlichkeit und seelische Nunanciertheit von Regie und Schauspielern. Das ist in dem restaurierten Fragment - nur 1.351 Meter von ursprünglichen 2.201 Metern sind erhalten - nicht wirklich zu beurteilen, allerdings kommt einem Eugen Klöpfers Spiel als Berg- und Ehemann  Thomas im Vergleich zu gleichzeitigen Darstellungen von Jannings eher veraltet vor. Die interessanteste schauspielerische Leistung bietet Leonhard Haskel als Vater, mit seinen stark zurückgenommenen Mitteln wirkt er entschieden moderner als Klöpfer und erreicht einen “Gipfel der Darstellungskunst”, wie der Kritiker Max Prels im “Kinematograph” mit Recht urteilte.
Aber im Mittelpunkt des Interesses standen damals wie heute Bergwerk und Kohlenrevier, die der aus Prag stammende Architekt Karl Görge, der für Grune u.a. auch die Bauten für “Die Straße” entworfen hat, im Glashaus und Freigelände des 1913 errichteten Eiko-Ateliers in Berlin-Marienfelde nachgebaut hatte und über die der  “Film-Kurier” damals berichtete: “Das halbe Glashaus ist in ein Durcheinander von Schienensträngen verwandelt, die eisernen Grubenhunde stehen vollbeladen da, und in engen, niedrigen Stollen laufen Bergleute hinter den von kleinen polnischen Pferden, den sogenannten ‘Sandläufern’, gezogene Lorries einher, um die gebrochene Steinkohle zum Förderschacht zu schaffen. Von der Seite münden die Flöze, jene schmalen, schräg in die Höhe strebenden Kohlenadern, die Stollen, knapp einen halben Meter hoch, so dass die Bergleute sich nur rutschend in ihnen entlangschieben können, handbreit um handbreit vorwärts zumeist auf dem Rücken liegend.”
Vor allem die im Schacht spielenden Szenen wurden  von Kameramann Karl Hasselmann, der bei elf Filmen Grunes, darunter auch bei “Die Straße” an der Kamera stand, eindrucksvoll photographiert. Béla Balázs rühmte “Schlagende Wetter” als “modern im bedeutendsten Sinne des Wortes”, weil die “Industrieumgebung hier zum erstenmal zur lebendigen Natur wird. [...] Das bedeutendste an dem Film Karl Grunes ist, dass auch hier die Maschine und die Arbeit keine tote Staffage sind, sondern schicksalsverwoben mit dem Menschen, mit dem Leben. Die Aufzugsmaschine hat ein Gesicht [...] Sie ist wie das verkörperte eiserne Schicksal, das der Menschen Leben lenkt. Der Rauch der Schlote ist wie das trübe, schwere Meer für den Schiffer, und wenn die Sirenen heulen (denn man sieht sie heulen), ist es beängstigender als der Blitze Zucken. Die Industriegegend ist hier im künstlerischen Sinne zur Landschaft geworden.” Balázs’ Eindruck vom Gesicht des Grubenaufzugs wurde wohl auch dadurch verstärkt, dass die handkolorierten  Ampeln rot und grün aufleuchteten, was in dem sonst einfarbig viragierten Film einen besonderen Effekt machte, der auch bei der Restaurierung beibehalten wurde. Das ungewöhnliche Industriemilieu war auch der Anlass, weshalb das Filmmuseum Berlin-Deutsche Kinemathek das aufwendig farbig restaurierte Fragment in der Retrospektive “Production Design”  vorstellte, mit dem ein bislang zu wenig beachteter Film gerettet und ein zu Unrecht fast vergessener Regisseur wieder in Erinnerung gerufen wurde.
Das Vergnügen an der Wiederaufführung von “Schlagende Wetter” wurde leider erheblich gemindert durch die Begleitmusik der Bolschewistischen Kurkapelle, zu der einem nur Wilhelm Busch einfällt: “Musik wird störend oft empfunden, dieweil sie mit Geräusch verbunden.”    

Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H.7/2005 S.46.