Deutsche Premiere der restaurierten Fassung des Stummfilms “Zur Chronik von Grieshuus” (1923-1925) auf der Berlinale 2006
Erstveröffentlicht in: film-dienst H.6/2006 S.61f.

“Einen Stummfilm machte ich bei der Ufa”, schrieb Rudolf Forster in seinen Erinnerungen “Das Spiel mein Leben”. “Anderthalb Jahre drehte ich, mit kleinen Pausen, an diesem Film. Pro Tag ließ Gerlach eine, allerhöchstens zwei Einstellungen machen, nie mehr. Er und sein Kameramann Wagner waren auf erstrangige Bilder versessen. Das wurden sie auch: ‘Mach mir Rembrandt-Licht, Arno’, sagte er immer.”
Diese ungemein wirkungsvollen Helldunkel-Effekte des Kameramanns Fritz Arno Wagner hat schon Lotte H. Eisner gerühmt, “jenes verschwebende Schimmern des Lichts, jenes weich flimmernde Leuchten”, das Wagner meisterhaft beherrschte und dessen Nachtaufnahmen noch heute atemberaubend sind. Wie Eisner war auch der Kritiker Willy Haas besonders von Wagners Außenaufnahmen in der  Lüneburger Heide begeistert: “Es gibt Bilder von berückender Schönheit. Und kaum eines, in dem man die herbe, schwermütige Luft der Heide nicht fast körperlich einatmet. Seine Heide lebt. Sie lächelt, sie zürnt, sie droht, sie liebt, sie schlummert, sie mordet.” Dabei spiegeln die Bilder von der Heide, die von Gerlachs Film deutlich von den reinen Atelierproduktionen unterscheiden, mit ihren unterschiedlichen Stimmungen auch stets die Seelenzustände der Protagonisten wider.


Ebenfalls symbolische Bedeutung haben die Bauten, bei denen gleich drei der bedeutendsten Architekten des deutschen Stummfilms mitgearbeitet haben und die auch die ungeteilte Zustimmung der Kritiker fanden. Hans Poelzig entwarf zunächst Skizzen für die Außenbauten Burg, Kirche und Heideturm, für die Ausführung und die Innendekoration waren dann jedoch Robert Herlth und Walter Röhrig verantwortlich. Der Regisseur Arthur von Gerlach musste bei den auf dem Freigelände in Neubabelsberg errichteten Bauten “um jeden Sack Gips, um jeden Bauarbeiter, um jeden Meter Höhe an seinem Bau” kämpfen, denn ursprünglich sollte die Burg “nicht in ganzer Ausdehnung, sondern nur im Portal” gebaut werden.  Aber nicht nur diese Schwierigkeiten und die Abhängigkeit vom Wetter bei den Außenaufnahmen waren dafür verantwortlich, dass sich die Dreharbeiten  von Mai 1923 bis November 1924 hinzogen.
 “Um die Ufa soviel wie möglich zu schädigen”, erinnerte sich Forster, “arbeitete Gerlach aus Eigensinn und Dickköpfigkeit gegen seinen Nachfolger Pommer mit einer nie dagewesenen Langsamkeit und Bequemlichkeit. Wir lagen stundenlang beim Motiv in der Lüneburger Heide, spielten Skat, und Gerlach las in einem Buch. Endlich wurden wir ungeduldig. Warum geht’s denn nicht los? Darauf Gerlach: “Der Boom muss wech”. Wir guckten, und schließlich stellten wir fest, der Hügel war mit Wacholdersträuchern bepflanzt. Eine einzige Tanne, die störte das Bild. Hartmann, fest entschlossen, ritt zum Gasthof, brachte eine Säge, die Tanne wurde abgesägt. Endlich probten wir. Hartmann und ich, die feindlichen Brüder, ritten den Hügel hinauf mit gezückten Schwertern. Etliche zwanzig Male hatten wir es probiert, dann gedreht, bis Gerlach zufrieden war.”
Tatsächlich war Arthur von Gerlach, der vom Theater kam und u.a. mehrere Jahre Intendant der Vereinigten Stadttheater Barmen-Elberfeld gewesen war, bevor er 1919 Nachfolger Paul Davidsons künstlerischer Direktor der Projektions-AG Union wurde, aus dieser Position Anfang 1923 von Erich Pommer verdrängt worden, der zum Direktor sämtlicher Produktionsfirmen der Ufa aufgestiegen war, was Gerlach wohl nicht verschmerzen konnte. Trotz dieser Gegnerschaft zeigen Stoffwahl und Qualität der Produktion auch Pommers Konzept des künstlerischen Unterhaltungsfilms, auch die etwas typisierte Besetzung, bei der man auf schon im Film bekannte Theaterschauspieler setzte, ist hochkarätig.


Mit Arthur Kraussneck als altem Burgherrn und Rudolf Rittner als Owe Heikens verkörperten zwei dem naturalistischen Theater entstammende Schauspieler die ältere Generation, wohingegen die feindlichen Brüder mit dem jugendlichen Helden Paul Hartmann als hitzköpfiger Junker Hinrich und dem in Intrigantenrollen brillierenden Rudolf Forster als Junker Detlev mit markanten Vertretern der jungen Schauspielergeneration besetzt sind, wobei vor allem Forsters Spiel auffällt, der den “Federfuchser” mit sparsamsten Mitteln gestaltet. Ihm zur Seite stand als Gräfin die auf mondäne Rollen festgelegte Gertrud Welcker und die schöne Lil Dagover sah als die verfolgte Unschuld Bärbe hinreißend aus, was gewiss sehr publikumswirksam war, wie Willy Haas mit sanfter Ironie feststellte, dem sich dann der Stoßseufzer “Bliebe noch das Manuskript von Thea von Harbou” entrang, deren Drehbuch eine schwere Hypothek für den Film ist, denn von Harbou hat  Storms Erzählung vom Untergang eines Geschlechts und seine differenzierte Kritik an der Feudalgesellschaft grob verfälscht zu einem pathetisch-sentimentalen Blut-und-Boden-Melodram. Der gesamte zweite Teil des Films hat mit Storm überhaupt nichts mehr zu tun, die Geistererscheinung Bärbes, die ihren Sohn rettet, ist Kitsch reinster Harbouscher Erfindung und da auch der Schluss verfälscht ist und Bärbes Sohn überlebt, wird die den Film eröffnende Rahmenhandlung, in der Grieshuus als verlassene Ruine gezeigt wird, unsinnig, weshalb die Rahmenhandlung am Schluß auch nicht mehr aufgenommen wird. Offenbar ging es dem Regisseur von Gerlach, der wenige Monate nach der Premiere seines letzten Films im August 1925 im Alter von 48 Jahren starb, weniger um die Fabel, sondern darum, seine Ideen “in purely visual terms”(Alfred Hitchcock) auszudrücken, das reiht seinen Film ein unter die großen Klassiker des deutschen Stummfilms.


“Zur Chronik von Grieshuus” wurde nach der Premiere von der Ufa gekürzt und unter einem anderen Titel herausgebracht, auch nach der Restaurierung, die  auf einem Original-Negativ und einem Dup-Negativ der für den amerikanischen Export vorgesehenen Version im Bundesarchiv-Filmarchiv beruht, fehlen noch etwa 300 Meter Film von der ursprünglichen Fassung. Herangezogen zur Restaurierung wurde auch die im Filmmuseum Berlin verwahrte Partitur der originalen Filmmusik von Gottfried Huppertz, die leider nicht auf der Berlinale aufgeführt wurde. Zwar erfasste der Stummfilmkomponist und -pianist Stefan von Bothmer mit seiner improvisierten Begleitmusik durchaus die Grundstimmung des Films, aber es ist doch ein Widerspruch bei Filmrestaurierung und -rekonstruktionen, dass zwar die Bilder mit hohem technischen und finanziellen Aufwand restauriert werden - die Musik jedoch meist neu komponiert wird, anstatt auch die Originalmusik bei Wiederaufführungen zu spielen, was in diesem Fall zwar teuer aber durchaus möglich gewesen wäre.
Noch einmal Forster: “Nach vielen Jahren war der Film mit der Kampfszene zwischen Paul Hartmann und mir im ersten Flugzeugkino zu sehen. Wie recht hatte der alte Gerlach: pro Tag eine Einstellung.”
Helmut G. Asper