Geheimsache Ghettofilm

Israelischer Titel: „Shtikat Haarchion“ Internationaler Titel: „A Film Unfinished“)
Regie: Yael Hersonski (2009)
Geschäftiges Treiben in überfüllten Straßen, Schaufenster voll mit Süßigkeiten, luxuriös eingerichtete Wohnungen. Junge Frauen nehmen ein Sonnenbad, gut gekleidete Menschen essen und trinken im Restaurant, Zuschauer amüsieren sich in einer Theateraufführung, ein prunkvoller Leichenwagen wird von einem großen Trauerzug begleitet – und daneben stehen zerlumpte Bettler, um die sich niemand kümmert, in schmutzigen Hinterhöfen wühlen Menschen in Müllhaufen nach Nahrung; nackte Männer und Frauen nehmen ein rituelles Bad, zerlumpte und halbverhungerte Kinder lungern herum, ein Baby wird beschnitten, ein Huhn wird geschächtet, nackte Leichen verhungerter Menschen liegen am Straßenrand, werden aufgesammelt und in ein Massengrab geworfen.
All diese Bilder haben deutsche Kameraleute auf Befehl der SS wenige Monate vor Beginn der Deportationen im Frühjahr 1942 im Warschauer Ghetto gedreht. Die Aufnahmen (etwa 60 Minuten) sind jetzt erstmals in dem Dokumentarfilm („A Film Unfinished“) der israelischen Regisseurin Yael Hersonski zu sehen. Der antijüdische Hetzfilm „Asien in Mitteleuropa“, für den sie bestimmt waren, wurde nie fertig gestellt; das ungeschnittene Material verschwand im Reichsfilmarchiv, weil man befürchtete, dass die Bilder eher Mitleid als Ekel hervorgerufen hätten, vermutet Marcel Reich-Ranicki, der in seinen Erinnerungen über die Dreharbeiten im Ghetto berichtete. Die prononcierte Gegenüberstellung von Arm und Reich, Elend und Luxus vermittelt ein propagandistisches Zerrbild des Ghetto-Lebens. Der Film sollte beweisen, dass eine reiche jüdische Minderheit im Ghetto im Überfluss lebt und schuld ist am Elend der Masse. Dies wird besonders deutlich in einer Szene, in der Passanten anscheinend gleichgültig an nackten und verhungerten Leichen vorbeigehen; dann aber sieht man Retakes der Szene, die mehrfach mit denselben Passanten wiederholt wurde, bis die SS mit dem Ergebnis zufrieden war.
Die durch Inserts hervorgehobene Vorführung mehrerer Retakes ist Teil der ästhetischen Strategie der Regisseurin, mit der sie die fürchterlichen Bilder dekonstruiert. Zitate aus dem Tagebuch des „Judenrat“-Obmanns Adam Czerniaków beschreiben detailliert die Anordnungen der SS, die sowohl die Personen für die Dreharbeiten aussuchte als auch die Dekoration bestimmte. Die gestellten Szenen werden immer wieder durch neu gedrehte Aufnahmen von den Filmbüchsen unterbrochen, die Rolle für Rolle aus dem Archiv geholt werden, und von Einstellungen, in denen Überlebende des Ghettos den Film sichten und die Bilder kommentieren. Manchmal erkennen sie Menschen, wie den Ghetto-Narren Rubinstein, und erinnern daran, wie die SS die Ghetto-Bewohner zu den Aufnahmen gezwungen hat. Auch mit Aufnahmen der Lesung aus dem Vernehmungsprotokoll von Willi Wist, der als einziger Kameramann identifiziert werden konnte, werden die Ghetto-Szenen unterbrochen. Bei seiner Vernehmung in den 1970er-Jahren sagte Wist aus, dass die SS dem Kamerateam befohlen habe, was und wo gedreht werden soll, und gab an, dass er selbst über die genaue Verwendung des Materials nichts gewusst habe. Ob und wie man das bisher nie im Zusammenhang gezeigte Material präsentieren könne, war für die Regisseurin ein ethisches Problem. Sie wollte vermeiden, die durch die Aufnahmen erniedrigten Menschen ein zweites Mal auszubeuten, und verzichtete deshalb auf besonders abstoßende, pornografisch wirkende Szenen; denn die Bilder gehen an die Grenze des für die Opfer Zumutbaren, die überlebenden Zeitzeugen hielten sich bei der Vorführung mehrfach die Augen zu, weil sie die menschenverachtenden Aufnahmen nicht ertragen konnten. Doch durch die Unterbrechung, Kommentierung und Verfremdung gelingt es der Regisseurin, die propagandistische Absicht der Filmaufnahmen zu verdeutlichen; man erkennt das Gestellte, sieht die Angst in den Gesichtern der Akteure und kann trotz der perfiden propagandistischen Absicht die Realität des Ghettos wahrnehmen, die geprägt war von „Not und Elend … Hunger und Frost … Schmutz und Dreck“ und dem schrecklichen „Schatten der Todesangst“, dem niemand entrinnen konnte (Reich-Ranicki).
Hinweis: Auf der Website „Cinematographie des Holocaust“ des Fritz-Bauer-Instituts ist der nicht beendete Film über das Warschauer Ghetto „Asien in Mitteleuropa“ ausführlich dargestellt.
Die Besprechung erschien 2010 anlässlich der Vorführung des Films im Programm „Panorama“ der 60. Berlinale in:  Film-Dienst, H. 6/2010.