Billie Wilders erste Filmregie “Mauvaise Graine”
Erstveröffentlicht unter dem Titel: Ein Straßenfilm. Billy Wilders “Mauvaise Graine”. In: film-dienst H.18/2006, S.14-16


Als im Frühjahr 1933 die deutschen Filmkünstler jüdischer Abstammung durch ein faktisches Berufsverbot des nationalsozialistischen Propagandaministers Goebbels aus Deutschland vertrieben wurden und nach Wien, Prag, London und vor allem nach Paris flohen, mussten sie Geld und Vermögen zurücklassen, wohl aber hatten sie Ideen und Filmstoffe in ihrem Gepäck, die sie mit in ihr Exil nahmen.
Das war auch der Fall bei - damals noch -  Billie Wilder, der mit seinem Freund Max Kolpe (später Colpet) und dem  Film- und Theaterkritiker Hanns G. (später: Jan) Lustig noch in Berlin eine Filmstory geschrieben hatte, die sie für Pariser Verhältnisse umarbeiteten, denn sie wollten “zeigen, was wir können, eine Visitenkarte ablegen” wie Max Colpet später schrieb, um in der französischen Filmindustrie Fuß zu fassen. Dabei halfen ihnen mehrere andere Filmemigranten, die ebenso wie Wilder, Kolpe und Lustig im Hotel Ansonia wohnten, jenem kleinen, billigen Hotel in der Rue de Saigon, in dem so viele unbemittelte Emigranten aus Nazi-Deutschland Unterschlupf gefunden hatten. Da waren Peter Lorre mit seiner Frau Celia, die Drehbuchautorin Irma von Cube, die Filmmusiker Franz Wachsmann (später: Waxman) und  Friedrich Hollaender, der sich an die oft hektischen Drehbuchkonferenzen erinnerte, die im Hotel Ansonia stattfanden: “Die Filmstory war ein Gemeinschafts-Ei. Jeder von uns hatte mitgebrütet. Eine Idee von Hanns Lustig, ein Gag von Billie Wilder.” Entscheidend war jedoch, dass es gelungen war, durch “eine dunkle Vermittlung” (Hollaender), nämlich durch die Mutter eines Mitbewohners des Ansonia, Kontakt zu einem potentiellen Produzenten und Finanzier zu bekommen. Der Besitzer des Varietés “Empire” suchte für den jungen Schauspieler Pierre Mingand, der bei ihm unter Vertrag war, eine gute Filmrolle und ihm trugen Wilder, Colpet und Lustig ihre französierte Story vor, die nun “Mauvaise Graine” hieß:
Henri Pasquier, Sohn eines Arztes, ist ein verwöhnter junger Mann, sein ganzer Stolz ist sein luxuriöses Auto, das ihm sein Vater eines Tages wegnimmt, der auch nicht weiter seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren will. Um ein Rendezvous nicht zu verpassen, “leiht” er sich ein Auto aus und gerät dadurch in eine Bande von Autodieben, die dieses Metier streng geschäftsmäßig betreiben. Er freundet sich mit Jean-la Cravat an, dem jüngsten Mitglied der Bande, dessen Leidenschaft Krawatten sind, und dessen Schwester Jeannette als Lockvogel für die Bande arbeitet - und in die Henri sich natürlich verliebt. Als er nach einem raffinierten Coup, bei dem die Bande gleich mehrere große Hispanos auf einen Schlag erbeutet hat, für sich und die anderen Mitglieder mehr Geld fordert vom Chef, der das Geschäft führt - hier lässt Herr Peachum aus Brechts “Dreigroschenoper” kurz grüßen -, geht der zwar erst auf die Forderung ein, will ihn aber loswerden und schickt Henri mit einem defekten Auto zu einem Kunden nach Marseille und hofft, dass Henri dabei verunglückt. Unterwegs werden Henri und Jeannette, die mit ihm gefahren ist, von der Polizei gestellt und verfolgt, dabei verunglücken sie  und landen - unbemerkt von der Polizei - in einem Fluss. Sie können sich  retten und nach Marseille durchschlagen und durch dieses Erlebnis geläutert, beschließen sie, Frankreich zu verlassen und in Übersee ein neues Leben zu beginnen. Henri fährt noch einmal nach Paris zurück, um  Jean zu holen, dort ist inzwischen die Polizei auf die Spur der Bande gekommen und während Henri sich mit Jean streitet, der seine Diebeskarriere keineswegs aufgeben will, wird die Garage von der Polizei umstellt und gestürmt, mit einem Laster brechen Henri und Jean durch den Hinterausgang und entkommen - aber Jean wird von einer Polizeikugel tödlich getroffen, auch Dr. Pasquier, zu dem Henri ihn bringt, kann nicht mehr helfen. Henri gesteht seinem Vater alles, der ihn jedoch nicht anzeigt, sondern ihm die Chance eines neuen Anfangs gibt: Henri fährt nach Marseille, wo Jeannette auf ihn gewartet hat und sie fahren mit einem Schiff einer neuen Zukunft entgegen.
“Es war ein Zeitbild, mit echter Pariser Atmosphäre, viel Tempo und trotz zynischer Billy-Wilder-Gags ernst und realistisch” schrieb Max Colpet in seinen Erinnerungen und fügte hinzu:”Heute würde man ‘Mauvaise Graine’ als Jungfilm bezeichnen oder der ‘Nouvelle Vague’ zuordnen.”, eine Einschätzung, die auch Billy Wilder später teilte.
In der Tat ist “Mauvaise Graine” ein jung gebliebener Film. Der Wilder-Biograph Maurice Zolotow, der für vierzig Dollar sich eine Kopie bei einem Filmsammler in Los Angeles angesehen hatte, war begeistert und  nannte “Mauvaise Graine” ein “dazzling picture”, dass “unbelievably good” sei: “It has a syncopated jazz score ... and car chases and gangsters and police and - hell, it still is a damn entertaining film.” Besonders beeindruckt war er von dem “fast cutting from scene to scene” - für das freilich niemand im Vorspann genannt ist, weshalb man vermuten darf, dass ein aus Deutschland exilierter Cutter, der keine Arbeitserlaubnis in Frankreich besass, den Film geschnitten hat.
Nahezu alle an diesem Film beteiligten waren jung: Wilder, Kolpe, Lustig und ihre Freunde waren damals erst Ende zwanzig, höchstens dreißig Jahre alt, und auch weil der Film nicht viel kosten durfte, besetzten sie die Rollen mit jungen, noch wenig bekannten französischen Schauspielern. Pierre Mingands Partnerin war die junge Danielle Darrieux, die 1931 als widerspenstiger Teenager in “Le Bal” unter der Regie von Wilhelm Thiele ihre erste Rolle gespielt hatte, und hier die hübsche aber leichtsinnige Jeannette verkörperte.
 
Während sämtliche Schauspieler, die Kameramänner, Tontechniker, Bühnenbildner und Produktionsleiter Franzosen waren, gehörten zum kreativen Team vor allem Filmemigranten: das Drehbuch stammte von Lustig, Wilder und Kolpe - nur die Dialoge schrieb der französische Drehbuchautor Claude-André Puget - die Musik komponierten Franz Wachsmann(später Waxman)  und Allen Gray (eigentlich Josef Zmigrod) und Regie führten “Wilder & Esway”, wie es im Vorspann heißt. Der ungarische Drehbuchautor und Regisseur Alexander Esway war ebenfalls aus Berlin emigriert, seine Mitarbeit wird merkwürdigerweise von keinem  der anderen Beteiligten erwähnt, weshalb sein Beitrag zum Film nicht näher zu ermitteln ist, zumal er in manchen Filmografien auch als Regieassistent genannt ist. Möglicherweis hat er mit einem zweiten Team  die Autofahrten und die Verfolgungsszenen auf den Landstraßen und die Aufnahmen in Marseille gedreht, dafür spricht, dass auch zwei Kameramänner genannt sind (Paul Cotteret und Maurice Delattre) und Colpet in seinen Erinnerungen betont, dass Wilder von Anfang an Regie führen sollte, und vor allem, dass man in der temporeichen und reportagehaften Inszenierung die Handschrift des ehemaligen Reporters Wilder erkennen kann. Auch der ironisch-kritische Blick auf die  bürgerliche Gesellschaft und die  mit scharfem Griffel gezeichneten Typen, wie beispielsweise der von dem Komiker Maupi gespielte “Mann mit dem Panamahut” findet man in späteren Filmen Wilders ebenso wie die ins Groteske gesteigerten running gags, hier klaut der stets im auffällig gestreiften Anzug gekleidete Gauner “le zèbre”die unmöglichsten Autos und kommt schließlich sogar mit einem Linienbus an - just als die Polizei aufkreuzt. Auffallend ist auch, dass Handlungen und Gedanken oft rein visuell ausgedrückt werden: Bevor Henri das Auto “ausleiht” um  sein Rendezvous nicht zu verpassen, werden seine Gedanken nur durch Überblendung und Montage von Bildern ohne jeden Dialog ausgedrückt.  Wilder arbeitet hier auch mit raffinierten Aussparungen á la Lubitsch: Wenn  Jeannette sich von Autofahrern ansprechen lässt, dann ziert sie sich erst und es wird nie gezeigt, dass sie zustimmt - einmal verdeckt ein Lastwagen die Szene und wir sehen nur, wie sie bereits mit dem Opfer im Café sitzt, ein andermal nimmt die Kamera ihren leeren Stuhl im Café auf und in der nächsten Einstellung sitzt sie bereits im Auto. Auch erotische Anzüglichkeiten erinnern an Wilders großes Vorbild Lubitsch, so stellt Jean Henri seiner Schwester Jeannette vor, als sie beide  im Bett liegen.
“Mauvaise Graine” wurde aus Kostengründen hauptsächlich an Originalschauplätzen, auf den Straßen und in der Umgebung von Paris und Marseille gedreht. Sogar die Garage und Hauptquartier der Bande war eine alte Autogarage, die auch als Atelier für die anderen Innenaufnahmen diente und der etwas unmotivierte gemeinsame Ausflug der Autobande in ein Freibad  - diese Passage  erinnert an Robert Siodmaks “Menschen am Sonntag”, bei dem Wilder am Buch mitgearbeitet hatte -  wurde im Schwimmbad in L’Isle Adam gedreht, dessen Wasserrutsche damals vermutlich eine große Attraktion darstellte.
Die aus der Not geborene Abkehr vom Studio wird in “Mauvaise Graine” produktiv, es ist ein Straßenfilm, ein Film über Autos und die Liebe zum Autofahren - “Es gibt 500.000 Autos in Paris” heißt es zu Beginn - ein Film über Menschen in der Großstadt und über Autodiebe, die ihr Gewerbe genau so geschäftsmäßig betreiben wie die ehrbaren Bürger, und auch schon mal in der Zeitung ein Inserat aufgeben, um an Autos einer bestimmten Marke heranzukommen. Dabei lässt sich “Mauvaise Graine” nicht auf ein Genre festlegen, vielmehr verbindet Wilder Komödie und Gangsterfilm,  Generationenkonflikt und romantische Liebesgeschichte.   Die Dreharbeiten begannen wohl schon im Sommer 1933, zogen sich  vermutlich aus Geldmangel jedoch erheblich länger hin als die ursprünglich veranschlagten drei Monate.  Einige Szenen in der Garage sind offenbar erst im Winter 1933/34 gedreht worden, denn man kann den Atem der Schauspieler sehen, und anscheinend gab es auch beim Schnitt und der Synchronisation Probleme, denn ursprünglich war der Filmstart früher geplant: “Unser Scheißfilm kommt anfang Februar heraus” schrieb Hanns Lustig noch am 1. Januar 1934 an den nach Prag emigrierten Journalisten Manfred Georg. Offenbar war er ebenso wie Wilder, der sich nicht gern an seinen Regie-Erstling erinnerte, genervt von den vielen Schwierigkeiten, über die Max Colpet ausführlich in seinen Erinnerungen berichtet hat. Die Uraufführung fand schließlich erst im Juni 1934 in Marseille statt, am 5.Juli folgte die Pariser Premiere im Paramount-Kino am Boulevard de Capucines. Unter der Überschrift “Ein französisch-deutscher Kollektiv-Film” schrieb unter seinem Pseudonym Emile Grant der exilierte Filmkritiker Erich Kaiser in der deutschsprachigen Emigrantenzeitung “Pariser Tageblatt”: “Ein Film junger Avantgardisten zu dem sich französische Schauspieler und emigrierte deutsche Produktionsleute zusammen gefunden haben ... Die Inszenierung, für die Billie Wilder verantwortlich zeichnet, holt aus dem Stoff sehr geschickt alle Möglichkeiten heraus. Und die Darstellung zeigt den französischen Schauspieler-Nachwuchs auf der Höhe.” Kaiser betonte absichtlich die Kollektivarbeit von Deutschen und Franzosen, denn: “Nach den vielen Angriffen, die in letzter Zeit gegen die Wirksamkeit der deutschen Filmschaffenden in Frankreich gerichtet wurden, ist der große Erfolg von ‘Mauvaise Graine’ umso mehr zu begrüßen.” Die deutschen Filmemigranten waren nämlich in Frankreich keineswegs mit offenen Armen empfangen worden, vielmehr stießen sie dort auf Konkurrenzneid, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus und umso höher ist in der Tat dieser gemeinsame Erfolg zu bewerten, den auch die französische Filmkritik bestätigte. 
“Mauvaise Graine” wurde für die Filmemigranten tatsächlich die erhoffte Visitenkarte, Alexander Esway etablierte sich in den 30er Jahren als Regisseur in  London und Paris; Max Colpet “fehlte es danach nicht an weiteren Filmangeboten, seriösen und weniger seriösen, wie es in dieser Branche keine Seltenheit ist” und “Billie Wilder und Franz Wachsmann, der Regisseur und der Komponist des Kollektivfilms ‘Mauvaise Graine’ sind nach Hollywood zu Fox und zu Columbia verpflichtet worden.” meldete schon am 22. Juni 1934 das “Pariser Tageblatt”: “H.G. Lustig, Autor von ‘Mauvaise Graine’ ist bei der Toeplitz-Produktion in London und Allan Gray bei der British International Pictures tätig.”
Der erfolgreiche Film wurde sogar ins Ausland verkauft, 1935 drehte Gaumont-British unter dem Titel “First Offence” eine englische Version des Films, die Rolle der Jeannette spielt hier eine junge, aus Nazi-Deutschland 1933 emigrierte Schauspielerin, die im englischen Film ihre internationale Filmkarriere begann: es war Lilli Palmers zweite Filmrolle.