Vom 'Sommernachtstraum' zum 'A Midsummer Night's Dream' - Deutsche Theatertradition im Hollywood-Film
Erstveröffentlicht unter dem Titel: Zauberei aus dem Füllhorn. 'A Midsummer Night’s Dream': Max Reinhardt in Hollywood. In: Film-Dienst H. 16/1999, S.50-52

"Der Verfasser dieser Zeilen gesteht, dass er nicht ohne Scheu und mit ängstlicher Erwartung sich entschlossen hat,einer Aufführung des verfilmten Sommernachtstraum unter Reinhardts Regie beizuwohnen. Um so beglückender war die Enttäuschung, um so freudiger das unerwartete, neue Erlebnis. Was die Fülle einer unbegreiflichen Bilderwelt anbetrifft, hat Max Reinhardt diesmal das Theater und sich selbst übertroffen. Um die Gestaltung des Sommernachtstraum kämpft er mit bewunderungswürdiger Treue von Jugend an. Mit seiner ersten Inszenierung zu Beginn des Jahrhunderts hat er das deutsche Theater aus den Armeleut-Stuben eines muffigen Naturalismus ins Freie gelockt und der europäischen Schaubühne ein neues Sinnenleben verliehen. Der Sommernachtstraum im Film bringt nach so mancher Station die Erfüllung dieses Wegs." Franz Werfel erinnerte in seiner hymnischen Kritik von Max Reinhardts einzigem Tonfilm 'A Midsummer Night's Dream' an dessen dreißigjährige Bemühungen um sein Lieblingsstück von Shakespeare und erkannte, daß der Regisseur im amerikanischen Exil gemeinsam mit anderen Filmemigranten ein Stück deutscher Theatertradition auf die Leinwand gebracht hatte.

Reinhardts 'Sommernachtstraum'-Inszenierung in Berlin und Hollywood
1905 war Reinhardt mit seiner revolutionären 'Sommernachtstraum'-Inszenierung  der Durchbruch zum führenden europäischen Theaterregisseur gelungen. Der sich auf offener Bühne drehende Wald, die zu Mendelssohns Musik tanzenden "halbnackten schlanken Mädchen" und Gertrud Eysoldt als Puck, ein kleiner zottiger Waldschrat mit Bockshörnern, der wie ein Irrwisch über die Bühne jagte, waren die Theatersensation von Berlin.
 
Vierzehnmal hat Reinhardt den 'Sommernachtstraum' inszeniert; seine barocke Salzburger Version von 1927 mit ausgedehnten Balletteinlagen, wurde auch bei seinem zweiten Amerika-Gastspiel 1928 in New York bejubelt und bereits damals erhielt Reinhardt das Angebot, Shakespeares Komödie in der Hollywood Bowl zu inszenieren. Aber erst nachdem er 1933 Deutschland hatte verlassen müssen - die Nazis boten ihm zwar die Ehren-Arierschaft an, die Reinhardt jedoch entschieden ablehnte - kam es dazu. Er eröffnete 1934 mit dem 'Sommernachtstraum' das erste California Festival in der Hollywood Bowl und seine Inszenierung verzauberte die Zuschauer: "Die Orchestermuschel (...) war diesmal verschwunden (...). An ihrer Stelle überrascht den Eintretenden ( ...) ein Hügel mit einer wie von Corot gemalten Landschaft: echter Rasen mit echten uralten, silbergrünlichen Bäumen und mit einem von echtem Schilf umgebenen Wasserspiegel. (...) Eine riesige grüne Grille, mit einem goldenen Reiter auf dem Rücken, springt umher, Käfer und Libellen flirren vorüber und ihre Gestalten verschwimmen in silbernen Wolken.( ...) das Packendste wird in den letzten Szenen geboten, als der Hochzeitsmarsch intoniert wird. (...) am obersten Ende der schwarzen Bergkette erscheint eine Reihe von winzigen rotgelben Flammen. Ein Zug von zwölfhundert Fackeln windet sich im Takt die steile Felswand herab, eine glühende, lodernde Schlange - ihr Anfang betrat schon den Wald und die ersten Fackelträger schreiten rechts und links in den Zuschauerraum und stellen sich auf den Stufen zu beiden Seiten auf (...) das Publikum applaudierte während des zehn Minuten lang währenden Zuges ununterbrochen."
Das eigentliche Wunder der Aufführung aber waren nicht die Schaueffekte, sondern der erst fünfzehn Jahre alte Mickey Rooney als Puck.  In ihm hatte Reinhardt endlich den Darsteller gefunden, der ihm für den mutwilligen Geist immer vorgeschwebt hatte: "Die Biegsamkeit, der Humor, die Beweglichkeit eines genialen Kindes beglückte ihn. Mickey Rooney hatte Einfälle, die Reinhardt unterhielten und ihn überzeugten."

Exilanten bei Warner Brothers: Reinhardt, Dieterle und Korngold
Begeistert von der erfolgreichen Aufführung war auch der Filmregisseur William Dieterle, der viele Jahre als Schauspieler zu Reinhardts Ensemble gehört hatte und seit 1930 bei Warner Brothers arbeitete. Er überzeugte die Produzenten Henry Blanke und Hal Wallis und mit ihrer Hilfe Studioboss Jack Warner, dass eine Verfilmung der Aufführung einen künstlerischen und geschäftlichen Gewinn für das Studio bedeuten würde. Mit dem großzügigen Budget von 1,3 Mio.$ hatte Max Reinhardt, der selbst 100.000 $ Gage erhielt, die Chance, seinen Traum von einem Gesamtkunstwerk zu verwirklichen.
Auf seinen Wunsch holte das Studio den österreichischen Komponisten Erich Wolfgang Korngold eigens für diesen Film nach Hollywood, um Mendelssohns Musik für den Film zu bearbeiten und dirigieren. Korngold benutzte dafür auch andere Kompositionen Mendelssohns, vergrößerte das Orchester und schrieb einige Spezialeffekte in die Partitur, z.B. wird Zettels und Titanias 'Hochzeit' untermalt von einer grotesk-verzerrten Version des Hochzeitsmarsches, bei der Korngold auch Saxophone einsetzte. Die Ballette entwarfen  Bronislava Nijinska und Nini Theilade, die selbst die erste Elfe tanzte, und William Dieterle übernahm als Co-Regisseur - er erhielt 19.000 $ -  die kinematographische Leitung:"Reinhardt und ich kamen überein, daß er das Stück genau so inszenieren und proben würde, wie er es eingerichtet hätte, ich würde dann, wenn seine Arbeit mit den Darstellern beendet wäre, das Ergebnis drehen.(...) Er ging, wie er es gewohnt war, das Szenario nach seiner Fertigstellung noch einmal für seine eigenen Zwecke durch, d.h. er notierte jeden einzelnen Punkt, jede einzelne Bewegung, jeden einzelnen Einfall, um sie in seiner Arbeit zu verwenden. (...) Ich studierte sein Szenario, soweit es mit meiner Arbeit zu tun hatte, denn ich mußte vorbereitet sein. Man mußte immer auf der Hut sein, daß Reinhardt auch wirklich bei seinem Konzept blieb. Reinhardts Phantasie war so hell und lebendig, daß er sich kaum einschränken konnte."

Geschichten aus der Produktion
Das Studio erfüllte dem genialen Regisseur nahezu alle Wünsche. Der Filmarchitekt Anton Grot baute einen Wald, für den zwei Tonateliers zusammengelegt wurden: "Aber selbst Reinhardt gelang es nicht, einen richtigen Wald ins Atelier zu bringen", erinnerte sich Hal Wallis, "deshalb wurden die Baumstämme aus mit Gips verkleideter Sackleinwand hergestellt. Aber er bestand auf richtigen Blättern. Wir schickten eine ganze Armee von Leuten nach Sherwood, um dort die Blätter von den Bäumen zu rupfen, die dann auf Lastwagen gesammelt wurden." Zahllose Requisiten wurden benötigt, u.a. wurden für das Orchester der Waldzwerge spielbare Instrumente in der Form großer Pflanzenblätter gebaut und der sieben Tonnen schwere Mondstrahl, auf dem die Elfen tanzen, wurde mit 750.000 Yards Cellophan verhüllt.
Bei der Vorführung der ersten Muster war Wallis allerdings entsetzt: "Ich konnte die Bäume überhaupt nicht sehen. Die Leinwand blieb vollständig dunkel und ich stellte fest, dass Reinhardt verlangt hatte, die Bäume hoch bis unters Dach zu bauen, und dadurch blieb oben nicht genügend Platz für die Scheinwerfer." Wallis ersetzte den Kameramann durch Hal Mohr, der die Bäume oben abrasieren ließ und die Dekoration über Nacht radikal veränderte: "Ich ließ den Beleuchter sämtliche Scheinwerfer entlang einer Seite einschalten, so dass das Licht von der Seite durch die Bäume fiel und an einigen Stellen Schatten ließ. Es sollte die Wirkung von Sonnenlicht haben und ich sagte zu den Malern: 'Dort wo das Licht hinfällt, besprüht ihr alles mit Aluminiumfarbe. Wo das Licht nicht hinfällt, benutzt ihr orange und braunen Schellack (...). Wir haben dann zwei Farbtöne in der Dekoration, helles Aluminium, wo das Licht sein soll und das dunkle Orange, wo kein Licht ist.(...)' Am nächsten Morgen, als Reinhardt und Dieterle ins Atelier kamen und sahen, was ich mit der Dekoration gemacht hatte, fielen sie beinahe tot um. Ich wusste, es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder sie würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und alles hinschmeißen und das wäre dann das Ende der Produktion gewesen - oder es würde eine erfolgreiche Sache werden."

Premiere, Kritik und Schnitte
Die mit großem Aufwand - das Reklamebudget für den Film betrug 500.000 $! - gestaltete festliche Weltpremiere des Films fand am 9. Oktober 1935 gleichzeitig in Hollywood, New York und London statt: "Reinhardts vollkommene Filmproduktion von 'Sommernachtstraum' ist ein schönes und großartiges Schauspiel," urteilte der Herald Tribune, "phantasievoll ersonnen und geschickt fotografiert, das nicht nur die traumhafte Stimmung des Stückes in einem verblüffenden Ausmaß einfängt, sondern auch das herzhafte und heitere Wesen der Komödianten. Korngolds brillantes Arrangement von Mendelssohns Musik trägt unermesslich viel bei zur Schönheit und zum Entzücken einer ohne Zweifel ausgezeichneten Inszenierung."
Franz Werfel war begeistert von den Schauspielern, vor allem von James Cagney, der als Bottom unerwartete komische Register zog und in Eselsgestalt die Zuschauer rührte, und von Mickey Rooney: "Ein gelenkiger nackter Körper, dem man ohne weiteres glaubt, dass er aus den Fängen der Schwerkraft entlassen ist. Mickey gibt den wüsten Elementargeist, den unruhestiftenden Kobold, der nur im Wirbel, in Sturm und Flamme sein Glück finden kann. Mit jauchzender Grausamkeit betrachtet er, was er angerichtet hat und man muss ihn um des Jauchzen willens lieben."
Höchstes Lob ernteten auch Joe E. Brown als Flute, dessen Thisbe-Darstellung der komische Höhepunkt des Films ist, und Reinhardts Entdeckung Olivia de Havilland in ihrer ersten Filmrolle als Hermia. Das getanzte Nocturno (eine achtminütige Ballettszene) riss die Besucher zu Beifallsstürmen hin, ein Kritiker sprach vom 'Tanzspuk', den Dieterle hier gewagt habe und hob damit dessen oft übersehenen Anteil am Film hervor. 'A Midsummer Night's Dream' wurde von Film Daily zu einem der zehn besten Filme des Jahres gekürt, für Kamera und Schnitt erhielten Hal Mohr und Ralph Dawson 1936 einen Oscar.
Max Reinhardt selbst, der 1936 auf dem Gipfel seiner internationalen Karriere stand und wegen seiner Verdienste um die Völkerverständigung sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, erhielt keinen Oscar, denn es gab auch kritische Stimmen. Einige Kritiker stießen sich an den verschiedenen Akzenten der Darsteller, andere fanden die Elfen kitschig und den Film zu lang - eine Meinung, die Jack Warner teilte, der den Produzenten Henry Blanke anwies, den Film um fast 20 Minuten zu kürzen, worüber dieser Max Reinhardt in einem Brief informierte:
 "Sehr geehrter Herr Professor!
Der Film in seiner Länge, wie Sie ihn bei den Premieren gesehen haben, war 11. 900 Fuß. Nach den Schnitten ist er jetzt 10.400 Fuß und ich glaube, dass wir mit den Schnitten einen Film haben, der populär größeren Anklang finden wird, da jetzt Stellen, die vom Publikum als ermüdende Längen empfunden wurden, gänzlich fortfallen." Gegen die auf vier Seiten exakt aufgelisteten Schnitte protestierte Reinhardt vergeblich, erst vor einigen Jahren wurde die ursprüngliche Fassung wiederhergestellt.

Bitteres Ende
Trotz des künstlerischen und auch geschäftlichen Erfolgs von 'A Midsummer Night's Dream' konnte Reinhardt keinen weiteren Film in Hollywood inszenieren. Zwar wurde eine Danton-Verfilmung ernsthaft diskutiert, aber Warners erschien das künstlerische Großprojekt zu risikoreich. Reinhardts kostenaufwendiger Inszenierungsstil passte nicht mehr in die Zeit, weder im Film noch im Theater. In 'A Midsummer Night's Dream' hatte der große Zauberer noch einmal verschwenderisch das Füllhorn seiner Phantasie ausschütten können, bevor er die raue Wirklichkeit des Exils in Hollywood schmerzhaft zu spüren bekam: "Ich (...) habe sieben magere Jahre in Hollywood verbracht" klagte er 1943 einem Freund aus New York:"Dort erkannten Warners und andere Ungläubige mich als zu schwerfällig für den Tanz um das goldene Kalb. Jetzt bin ich seit fünfviertel Jahren hier und suche Geld für schöne Sachen. Aber die Leute stecken es lieber in die 'Lustige Witwe'. Dabei kann einem schon das Lachen vergehen." Kurz nach seinem siebzigsten Geburtstag ist Max Reinhardt nach mehreren Schlaganfällen am 31. Oktober 1943 in New York gestorben.

Literaturhinweise:
Max Reinhardts Theater im Film. Materialien. Hg. v. Margret Berthold. München 1983
Edda Fuhrich-Leisler und Gisela Prossnitz: Max Reinhardt in Amerika. Salzburg 1976
Marta Mierendorff: William Dieterle. Der Plutarch von Hollywood. Berlin 1993