Paradies, Lügenfabrik oder Vorhölle?
Die exilierten Schriftsteller und die Hollywood-Studios  

Hollywood war ein magischer Anziehungspunkt nicht nur für die Filmexilanten, auch zahlreiche von den Nazis vertriebene deutsche Schriftsteller zog es nach oft langen und gefährlichen Fluchten in das Filmmekka. Von Günter Anders bis Carl Zuckmayer reicht die Liste der ca. 80 Exil-Autoren, die zumindest zeitweilig in Hollywood lebten und arbeiteten. Es waren Schriftsteller und Schriftstellerinnen von unterschiedlichem literarischen und politischen Format wie Bertolt Brecht und Vicki Baum, Curt Goetz und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Franz Werfel, die Namensvettern Bruno und Leonhard Frank, Heinrich Mann und Gina Kaus und Alfred Döblin und Erich Maria Remarque, die  unter den beinah sprichwörtlich gewordenen Palmen am blauen Meer Zuflucht fanden. Das sonnige Klima Kaliforniens zog sie ebenso an wie die Hoffnung auf Verdienstmöglichkeiten in der Filmindustrie, die auch für gesellschaftliche Abwechslung sorgte.

Thomas Mann in Hollywood
Der in den USA als Repräsentant der deutschen Emigration hochangesehene Schriftsteller war 1940 von Princeton nach Santa Monica gezogen. Er liebte es, die Filmstudios zu besuchen, wo er Peter Lorre bei den Dreharbeiten zusah, den Kinderstar Shirley Temple traf oder sich zur Unterhaltung Filme vorführen ließ, wie  "One Hundred Men and a Girl" von Henry Koster, über den er im Tagebuch notierte: "Ausgezeichneter Film, genußreich, gescheit und rührend." Auch besprach häufig Filmpläne mit Agenten, Produzenten und Regisseuren, die meist an ihn herangetragen wurden, weil man sein Renommée für ein Projekt nutzen wollte. Mit Reinhold Schünzel diskutierte er 1942 z.B.ernsthaft einen "griechischen Filmstoff", während er Richard Oswalds Vorschlag, Supervisor eines "Hitler-Films" zu werden, als "Anwidernde Idee" ablehnte.Seine Filmpläne sind nie über das Projektstadium hinausgekommen, doch hat sich Thomas Mann bei den Studios nachdrücklich für Schriftstellerkollegen eingesetzt, die im Gegensatz zu ihm nur mit Hilfe der Filmindustrie ihren Lebensunterhalt sichern konnten. Denn nur wenige exilierte Autoren wie Feuchtwanger oder Remarque, waren in den USA so bekannt, daß sie von ihrer schriftstellerischen Arbeit leben konnten.  

"Vorhölle" Hollywood
Dabei ist das merkwürdige Phänomen zu beobachten, daß die Mehrzahl der Schriftsteller, die von dem Geld, das sie beim Film verdienten, recht bequem leben konnten diese Filmindustrie zutiefst verachtete. Aber für sie war Hollywood eine "Hölle" (Brecht) oder "Vorhölle" (Zuckmayer), und sie fühlten sich wie Curt Goetz an Dantes Schilderung des Infernos erinnert: "Abandon hope, all Ye who enter here". In Briefen, Gedichten, Romanen und Erinnerungen haben sie die Filmmetropole in düstersten Farben gemalt und sie als Ort vollständiger Kulturlosigkeit und planmäßig erzeugter Lügen verdammt. Sie machten sich lustig über die bodenlose Unbildung der Filmproduzenten und die fabrikmäßige Filmproduktion mit ihren arbeitsteiligen Vorgängen. Sie mokierten sich über die strenge Geldaristokratie und die schon assimilierten und recht erfolgreichen Filmemigranten, denen sie vorwarfen, sie redeten zu ihnen "mit dem Wochenscheck im Maul" (Brecht über Fritz Lang) und hätten sich an die Filmindustrie verkauft.

Drehbuchautor und Storyverkäufer: Bertolt Brecht
Verkaufen wollten und konnten aber auch die Autoren. Für die Filmrechte an ihren Romanen wurden fünfstellige Summen gezahlt, und auch Drehbücher und Stories wurden gut honoriert. Zwar wurden manche der verkauften Bücher dann doch nicht verfilmt, wie z.B. Feuchtwangers Roman "Simone", der auf dem von ihm und Brecht gemeinsam verfaßten Stück "Die Gesichte der Simone Machard" basierte. Aber Sam Goldwyn hatte dem Autor für die  Filmrechte stolze 50.000 $ bezahlt, die Feuchtwanger mit Brecht teilte. Dieser Betrag reichte aus, Brecht für lange Zeit ein durchaus bequemes Leben in einem eigenen Haus und ungestörte Arbeit an neuen Stücken zu garantieren.
Das Leben in Kalifornien war billig damals, ein Apartment konnte man schon für 75 - 100 $ im Monat haben, auch  ein Haus konnte man für 115 $ mieten, wie der Kameramann Frank Planer. Das auch damals in Los Angeles unentbehrliche Auto kostete gebraucht 350 $ und für 950 $ hatte Reinhold Schünzel sich einen neuen Ford Sedan in "Luxusausführung" gekauft, wie er Emmerich Pressburger schrieb, dem er weiter mitteilte: "Kleidungsstücke brauchen Sie in Californien nicht viel. Man geht sehr salopp herum. Tagsüber ist es warm, abends kühl. Nahrungsmittel sind sehr billig (...) Kinoplätze kosten durchschnittlich  50 Cents. Gestern war ich in der 'Oper', zahlte $ 3.50. (Sah dafür Gershwins 'Porgy & Bess'. Großartig!)"
Bedenkt man, daß das Wochengehalt einer Sekretärin damals in Amerika 15-20 $ betrug und ein Professor etwa 5.000 $ brutto im Jahr verdiente und der Durchschnittslohn der Emigranten in USA sich damals auf 19 $ pro Woche belief, dann erkennt man, daß Brecht das große Los gezogen hatte, denn bereits 1942 hatte er 10.000 $ Honorar erhalten für sein Drehbucharbeit an "Hangmen also Die". Dennoch hat sich Brecht über diesen Film und den Regisseur Fritz Lang bitter beklagt und ihm vorgeworfen, daß er "schmutzige sentimentalitäten und unwahrhaftigkeiten (...) für das boxoffice" abliefere und "üblen Stuß" produziere. Dabei hat Lang viel von Brechts Ideen in "Hangmen also Die" verwirklicht,der dank Brechts Mitarbeit einer der besten Anti-Nazi-Filme Hollywoods ist, und er hat sich auch für den Autor eingesetzt bei Auseinandersetzungen mit dem Produzenten und der Screen Writer's Guild. Der Streit zwischen Brecht und Lang offenbart die unterschiedlichen Haltungen von Autor und Filmemacher gegenüber dem Hollywood-Studiobetrieb: Brecht, sonst an Zuarbeit anderer gewöhnt, wollte sich nicht abfinden mit seiner Rolle als Mit-Drehbuchautor für einen Film von Fritz Lang, sondern strebte eine völlige Kontrolle über den Film an, die jedoch in Hollywood nicht einmal einem erfolgreichen Regisseur wie Fritz Lang  zugestanden wurde.
In seiner radikalen Ablehnung Hollywoods ist Brecht zwar ein besonders krasser Fall, aber ähnlich wie er konnten sich viele exilierte Schriftsteller nicht an die Arbeitsbedingungen der Filmindustrie anpassen. Curt Goetz wollte nach einem vergeblichen Anlauf, in Hollywood Fuß zu fassen,  "lieber 2000 Hühner 'unter den Pürzel' sehen, als einem Produzenten ins Gesicht" - und zog sich auf eine Hühnerfarm zurück, aber längst nicht alle Autoren waren so gestellt, daß sie sich diese Haltung leisten konnten, sondern waren auf die Studios angewiesen.

Aus Europa gerettet
Das zeigt sich besonders deutlich bei dem Dutzend Autoren, die 1941 durch eine große Hilfsaktion der amerikanischen Filmindustrie aus Europa gerettet wurden, darunter Leonhard Frank, Heinrich Mann, Alfred Neumann, Friedrich Torberg, Alfred Döblin, Jan Lustig, Walter Mehring, Alfred Polgar und Wilhelm Speyer. Sie erhielten in verschiedenen Studios einen einjährigen Vertrag als Drehbuchautor mit 100 $ wöchentlicher Gage. Charlotte Dieterle und Liesl Frank vom European Film Fund hatten ihnen gemeinsam mit Paul Kohner und dem MGM-Produzenten Gottfried Reinhardt diese Verträge verschafft, die den Schriftstellern das Leben retteten. Denn nur aufgrund der Verträge erhielten sie von den amerikanischen Konsulaten die Einreisevisa für die USA und konnten das kriegsgeschüttelte Europa verlassen, in dem sie persönlich gefährdet waren, und in Hollywood konnten sie ein Jahr lang sorgenfrei leben.

Bei Warner Brothers von neun bis fünf: Leonhard Frank und Heinrich Mann
In seinem autobiographischen Roman  "Links wo das Herz sitzt" hat Leonhard Frank geschildert, weshalb er sich in Hollywood dennoch unglücklich fühlte:
"Im Warner Brothers Studio bekam Michael [d.i. Leonhard Frank] ein Büro, eine Sekretärin, die Englisch und Deutsch sprach, und Schreibmaterial, genug für ein Dutzend Drehbücher. (...) Michael mußte pünktlich um neun Uhr früh ins Studio kommen. Die Angestellte hinter dem Schalterfenster notierte sein Erscheinen. Um fünf Uhr ging er, nachdem er sich den ganzen Tag gelangweilt hatte, und dafür bekam er jeden Sonnabend einen Hundertdollarscheck. Der amerikanische Filmautor im Büro nebenan, der 3.500 $ die Woche verdiente, löste das Rätsel, warum Michael keine Arbeit zugewiesen bekam. Er sagte, kameradschaftlich lächelnd: 'Die halten es für vollständig ausgeschlossen, daß ein Schriftsteller, der für hundert Dollar die Woche arbeitet, etwas Brauchbares schreiben kann.' (...)  Michael bekam nach weiteren fünf Wochen den Auftrag, nach dem amerikanischen Roman 'Danger Signal'ein Drehbuch zu schreiben. (...) Dieser Roman war ein Studiohüter. Michael wußte, daß schon mehrere hochbezahlte Filmautoren ein halbes Dutzend unbrauchbarer Drehbücher geschrieben hatten. (...) Daß es kein ernstgemeinter Auftrag war, erkannte Michael schon an dem Lächeln des Boten, der ihm den Roman und den Stoß alter Drehbücher brachte. Offenbar wollte man verhüten, daß Michael vor Langeweile in seinem Büro sterbe. Große Arbeitslust konnte er unter diesen Umständen nicht aufbringen. Aber er begann. (...) Mit Sicherheit zu wissen, daß er bis Oktober 1941 jede Woche hundert Dollar bekommen werde, war in dieser Notzeit eine große Erleichterung für Michael. Er nahm die Schecks dankbar entgegen und schrieb im Büro zwischendurch an seinem Roman. Heinrich Mann, dessen Büro gegenüber war, gestand Michael, daß auch er diesen Diebstahl begehe. Der große Romanschriftsteller ( ...) mußte ebenfalls um neun Uhr früh ins Studio kommen und um der hundert Dollar willen die Stunden absitzen, da er, gleich Michael, nichts mehr besaß als die Ehre, ein politischer Emigrant zu sein. Die erfolgreichen deutschen Filmleute in Hollywood, die seit Jahren Unsummen verdient hatten und in luxuriösen Villen das Leben des Dollarmillionärs führten, kamen anfangs alle zu Michael. (...) Als sie gerochen hatten, daß Michael kein Stern am Hollywoodhimmel werden würde, kannten sie ihn nicht mehr."
In Franks Schilderung wird der Neid auf die Filmemigranten deutlich, deren Verdienst er freilich bei weitem überschätzte; er verschwieg auch, daß er bei Warners an mehreren Drehbüchern mitgearbeitet hat und vier Jahre später als technischer Berater für einen Film engagiert wurde. Und schließlich zog auch er das große Los, denn er verkaufte die Filmrechte seines Romans "Karl und Anna" an MGM, wodurch es ihm möglich wurde, das ungeliebte Hollywood am nächsten Tag zu verlassen und sich in New York sorgenfrei seiner schriftstellerischen Arbeit zu widmen.

Alfred Döblin bei MGM
Ähnlich wie Leonhard Frank waren auch andere Empfänger der 100 $-Wochenschecks den Studios keineswegs dankbar für die materielle Sicherung ihres Lebens. Es nagte an ihrem Selbstwertgefühl, die "charity" (Döblin) einer Filmindustrie anzunehmen, die sie im Grunde verachteten. Sie sahen auf den Film und die Filmautoren von oben herab - und waren jetzt auf deren Mildtätigkeit angewiesen. Dieser Stachel saß tief und sie versuchten ihn zu entfernen, indem sie den Studios von Nutzen sein, die 100 $ nicht als Almosen in Empfang nehmen, sondern wirklich dafür arbeiten wollten.
Zwar behauptete Alfred Döblin "Jedoch nichts fand Gnade in den Augen der Filmgewaltigen." -  aber in Wahrheit hat er an zwei wichtigen MGM- Filmen "Mrs. Miniver" und "Random Har¬vest" mitgewirkt und seine Arbeit ist auch anerkannt worden, wie der exilierte Drehbuchautor George Froeschel berichtet hat, der bei MGM quasi der "Vorgesetzte" von Walter Mehring, Alfred Polgar und Alfred Döblin war: "Ich bat Döblin niederzuschreiben, wie er sich die Erlebnisse des Mr. Miniver vorstelle. Bereits zwei Tage später lieferte er ein in deutscher Sprache geschriebenes Manuskript von etwa vierzig Seiten ab. Die traurige Geschichte mit humoristischen Lichtern aufhellend, mit hinreißendem Schwung und doch auch in kleine Einzelheiten gehend, schilderte Döblin die Heldenfahrt der Amateur-Seemänner. Es war ein kleines Meisterstück. Ich ließ das Manuskript sogleich ins Englische übersetzen und legte die Arbeit [dem Produzenten Sidney] Franklin vor, der Döblin zu sich rief und ihm herzlichst dankte.  In dem Film 'Mrs. Miniver' ist wenig von Döblins Beitrag zu sehen. Es steht aber fest, daß die Dunkerque-Episode zum großen Teil auf seinen Ideen beruht." Offenbar konnte Döblin nicht verwinden, nur ein Autor unter anderen zu sein, er fühlte sich degradiert als Zuarbeiter von George Froeschel, die literarische Rangordnung stand für ihn auf dem Kopf: "Götter sind hier ein gewisser Reisch, auch Froeschel ist groß" schrieb er an Hermann Kesten, "und man kanns den Göttern nicht gleich tun." Aber auch Döblin lebte von den 100 $ - "für amerikanische Filmbegriffe jämmerlich wenig", wie Froeschel anmerkte - durchaus sorgenfrei "in einem kleinen Haus in Hollywood, zwar unter Palmen, aber nicht viel anders als einst in Berlin O in der Frankfurter Allee."
Doch wurden die Verträge von Döblin, Polgar, Speyer und Mehring trotz der Fürsprache Thomas Manns nicht verlängert, offenbar meinten die Studiochefs, sie hätten genug getan und jedem eine Chance gegeben - nutzen konnten diese Chance immerhin Alfred Neumann und Jan Lustig, die sich in dem einen Jahr als Drehbuchautoren in Hollywood profilierten, weiterbeschäftigt wurden, an zahlreichen Filmen mitarbeiteten und dann auch Gagen erhielten, die denen der  amerikanischen Kollegen nicht nachstanden  

 Erfolgreiche Autorinnen: Vicki Baum und Gina Kaus
Der Bestsellerautorin Vicki Baum, die mit klugem Instinkt schon 1932 Deutschland verlassen hatte und seitdem in Hollywood lebte, gelang es, sich in den USA als Autorin zu etablieren und die Filmrechte mehrerer Romane und Theaterstücke an die Studios zu verkaufen. Da es sie stets reizte, "etwas Neues zu lernen", arbeitete sie mehrere Jahre als Drehbuchautorin bei MGM. Dort wurden zur Verfilmung in Aussicht genommene Romane oder Stücke zunächst routinemäßig in einem zwölfseitigen Exposé zusammengefaßt, und falls entschieden wurde, den Stoff dem Studiochef vorzulegen, nochmals auf drei Seiten zusammengekürzt: "Damals fand ich dieses Verfahren höchst barbarisch," schrieb Vicki Baum in ihrer Autobiographie "Es war alles ganz anders" "habe inzwischen aber die Richtigkeit der alten Regel erkannt: was man nicht in drei Minuten sagen kann, taugt nicht zur Verfilmung." Ihren Mißerfolg als Drehbuchautorin kommentierte sie mit nüchterner Selbstkritik, die den berühmten Kollegen leider fehlte: "Über meine Fehlschläge als Filmautorin kann ich mit (...) innerem Abstand schreiben(...). Der Filmindustrie die Schuld zu geben, wie es manche meiner berühmten Kollegen tun, fällt mir nicht ein. Wenn man sich oder sein Produkt verkauft - und die meisten von uns tun das gern, gegen sehr gute Bezahlung - hat man kein Recht, sich zu beklagen. Was mich angeht, so habe ich, als ich meine Talentlosigkeit erkannte, ein für allemal die Finger davon gelassen." 
Großen Realitätssinn bewies auch Vicki Baums österreichische Kollegin Gina Kaus, die 1939 über die Schweiz und Frankreich in die USA gekommen war. Sie mußte sich und ihre Familie ernähren und war deshalb entschlossen, das Handwerk des Drehbuchschreibens zu erlernen: "Mein erster Versuch in einem Studio schlug fehl. Ich wurde nach 14 Tagen entlassen." berichtete sie in ihren Erinnerungen. "Ich schrieb in wenigen Wochen eine kurze Anti-Hitler-Geschichte, und (...) verkaufte sie an Ben Schulberg. Er hatte [meinen Roman] 'Überfahrt'verfilmt und stellte mich nun an, das Drehbuch zu schreiben. Ich erklärte ihm eindeutig, daß ich kein Drehbuch schreiben könne, und er riet mir, ich solle mir einen Mitarbeiter suchen. Ich wählte meinen guten Freund Jay Dratler (...) Er hatte Geduld mit mir, er brachte mir in der Tat bei, einen Film zu schreiben." Gina Kaus erkannte sehr deutlich, weshalb andere, bedeutende Kollegen es ihr nicht gleichtun konnten: "(...) es war herzzerbrechend, wie hilflos diese hochbegabten Männer der ihnen fremden Aufgabe gegenüberstanden. Gewiß, zum Filmeschreiben gehört eine spezifische Begabung, so, wie Talent dazu gehört, eine Operette zu schreiben, ein Talent, das Beethoven wahrscheinlich nicht gehabt hat. Auch die verkappte Verachtung, die diese Literaten für die Filmarbeit hatten, mag bei ihrem Mißerfolg eine Rolle gespielt haben."
Eine solche Haltung konnte sich Gina Kaus, die in zwei Jahrzehnten in Hollywood an über zwanzig Filmen als Drehbuchauorin mitgeschrieben hat, gar nicht leisten: "Ich nahm jeden Job an, den ich bekommen konnte, obwohl es mir nicht leichtfiel, in den Studios zu arbeiten. Man mußte um zehn Uhr dort sein, das heißt um acht Uhr aufstehen, und ich war gewohnt, bis halb elf zu schlafen. Es war sicherlich nicht gut für meine Reputation, daß ich jeden Job annahm, auch wenn mir die Geschichte nicht gefiel(...). Aber ich brauchte das Geld. Wir waren jetzt eine sechsköpfige Familie(...)"     

Gegen Krieg und gegen Nazis
Ein Blick in die Erinnerungen exilierter Autoren, in die Filmcredits oder die Akten der Agentur Paul Kohner fördert zutage, wie umfangreich und vielseitig trotz aller Probleme die Arbeit der Exilschriftsteller in Hollywood in den 30er und 40er Jahren gewesen ist. Getreu den Gepflogenheiten Hollywoods wurden sie vor allem als Spezialisten eingesetzt und haben als Autoren und technische Berater besonders den Anti-Kriegs- und den Anti-Nazi-Film beeinflußt.
Allein nach Romanen von Erich Maria Remarque, in Hollywood ein Begriff seit "All Quiet On the Western Front" (1930), sind in den Jahren 1937 - 1948 vier Filme entstanden: die Anti-Kriegsfilme "The Road Back" (1937) und "Three Comrades" (1938) und die Anti-Nazi-Filme "So Ends Our Night" (1940) und "Arch of Triumph", in dem auch das Exil selbst zum Thema wird.
Von Brechts wesentlichem Anteil an "Hangmen also Die", einem Film über das Heydrich-Attentat und den Widerstand in der CSR, war schon die Rede, aber auch andere wichtige Produktionen dieses Genres waren Romanen oder unveröffentlichten Skripten exilierter Autoren und ihrer engagierten Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland geschuldet.
Das gilt vor allem für den Roman "Das siebte Kreuz" der nach Mexico exilierten Schriftstellerin Anna Seghers, der  in USA ein immenser Bucherfolg war, den der aus Österreich emigrierte Fred Zinnemann dann kongenial verfilmte.
Zu Unrecht wenig bekannt ist "Hostages" (1943) nach Stefan Heyms in englischer Sprache erschienenem gleichnamigen Erstlingswerk (auf Deutsch "Der Fall Glasenapp"), das ebenfalls ein großer Bucherfolg in den USA war.
Auch "Hitler's Madman"(1942), der auf einem Skript von Emil Ludwig und Albrecht Joseph basiert, befaßte sich mit dem Heydrich-Attentat und seinen furchtbaren Folgen. Die Nachricht von der Vernichtung Lidices  hatte in den USA Entsetzen ausgelöst und das tschechische Volk genoss große Sympathie. Gemeinsam mit dem Regisseur Douglas Sirk gelang den Autoren in diesem Film eine "bemerkenswerte Intensität in  der Darstellung des Grauens" (Horak).
Noch zahlreiche weitere bekannte und beinah vergessene Filme dieses Genres sind von exilierten Autoren geschrieben worden, Fritz Kortners und Joe Mays "The Strange of Death of Adolf Hitler"(1943) gehört ebenso dazu wie "Voice in the Wind"(1944), in dem das Schicksal eines von Nazis verfolgten und gefolterten Künstlers erzählt wird und dessen Drehbuch Friedrich Torberg geschrieben hat, einer der ärgsten Hollywood-Gegner. Schließlich geht sogar noch "Me and the Colonel"(1958) nicht bloß auf das erfolgreiche Stück des emigrierten Autors Franz Werfels zurück, am Drehbuch hat auch George Froeschel mitgewirkt.
Trotz des vielfachen Lamentos waren die exilierten Schriftsteller also durchaus erfolgreich in Hollywood; sie haben an vielen Filmen mitgearbeitet und Genres wie den Anti-Nazi-Film wesentlich mitgestaltet. Die Hollywood-Filmindustrie ihrerseits  hat erheblich zur materiellen Sicherung ihrer Existenz und damit auch zu ihrer eigenen schriftstellerischen Arbeit beigetragen.
Daß dennoch viele Schriftsteller in und an Hollywood gelitten haben, hat vielfältige Gründe. Vor allem schmerzte sie, daß niemand sie in den USA kannte und ihre Bücher niemand las. Den damit verbundenen Verlust ihres Sozialprestiges konnten sie nicht verwinden. Sie konnten es nicht ertragen, wieder ganz von vorn, ganz unten anzufangen, wofür manche Autoren auch schon zu alt waren. Andere konnten oder wollten sich nicht an die amerikanische Mentalität anpassen. Sie wollten auch nicht die neue Sprache erlernen und in ihr schreiben, um ihre Muttersprache nicht zu verlieren und ihnen widerstrebten auch die Arbeitsbedingungen im strikt organisierten Studiosystem, zumal sie das Handwerk des Drehbuchschreibens als unter ihrer Würde empfanden. Deshalb blieb Hollywood für viele Autoren ein ungeliebtes Pflaster, das die meisten von ihnen nach Kriegsende ziemlich rasch verließen, ohne sich daran zu erinnern, daß sie ohne die Hilfe Hollywoods diesen Krieg vielleicht nicht überlebt hätten.
     
Zitate aus:
Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Berlin, Frankfurt, Wien 1962
Deutsche Literatur im Exil. Briefe europäischer Autoren 1933-1949. Hrsg. v. Hermann Kesten.Frankfurt a.M. 1973
Leonhard Frank: Links, wo das Herz ist. Berlin und Weimar 1972
George Fröschel: Döblin in Hollywood. In: Die Zeit Nr.24/1962
Gina Kaus: Von Wien nach Hollywood.
J.-C.Horak:Anti-Nazi-Filme der deutschsprachigen Emigration von Hollywood 1939-1945. Münster 1984.
Zitat aus dem Brief von Reinhold Schünzel an Emmerich Pressburger v.11.2.1938 mit freundlicher Genehmigung von Kevin Macdonald.
Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Helmut G. Asper:"Etwas Besseres als den Tod..." Filmexil in Hollywood. Porträts, Filme, dokumente. Marburg 2002