Nicht nur Karl May
Ein europäischer Filmemigrant im Wilden Westen: Der Regisseur André DeToth

„Ich war ein leidenschaftlicher Leser und hatte sämtliche Wildwest-Romane Karl Mays gelesen, noch bevor ich die Bibel ganz gelesen hatte. Ich lebte förmlich mit seinen Helden Old Shatterhand und dem großartigen Indianer Winnetou. Sie haben mich in den Westen geleitet“, schrieb der Filmregisseur und -autor André DeToth in seinen 1994 erschienenen Erinnerungen „Fragments“. Tatsächlich hat der 1942 über England in die USA emigrierte ungarische Regisseur – einen „unsung hero“ Hollywoods nannte ihn Martin Scorsese – an den man sich jetzt im Zuge des 3D-Booms wieder erinnert, weil er 1953 den ersten 3D-Spielfilm „House of Wax“ inszenierte, zwischen 1947 und 1960 elf Westernfilme drehte und 1950 mit William Bowers die Story für Henry Kings Western „The Gunfighter“ schrieb, der als der erste „adult western“ gilt und ihm gemeinsam mit Bowers eine „Oscar“-Nominierung einbrachte. Außerdem drehte er drei Episoden für die Western-Serien „Maverick“ und „The Westerner“; bei letzterer arbeitete er mit Sam Peckinpah zusammen. Zwar haben auch andere emigrierte Regisseure, Schauspieler und Komponisten seit den 1940er-Jahren wesentlich zu diesem ur-amerikanischen Filmgenre beigetragen (erinnert sei nur an die Western von Fritz Lang, William Dieterle, Fred Zinnemann, Otto Preminger und Douglas Sirk, an Marlene Dietrichs Auftritte als Saloon-Chefin oder an die zahlreichen Kompositionen für Westernfilme von Franz Waxman und Hans J. Salter). Doch André DeToth schuf unter allen Filmexilanten das umfangreichste Westernfilm-Œuvre, das sehr zu Unrecht fast in Vergessenheit geraten ist, denn seine besten Western können vollauf neben den Filmen John Fords, Anthony Manns oder Budd Boettichers bestehen.
Dass DeToth, der sich leidenschaftlich wünschte, Western zu drehen, eine Chance dazu bekam, verdankte er John Ford, der ihn von der Bar des legendären Hotels Garden of Allah nach einer wilden Autofahrt quer durch Hollywood in das Studio der neu gegründeten Enterprise Productions schleppte und den überraschten Studiochefs David Loew und Charles Einfeld Ford als Regisseur des Western „Die Farm der Gehetzten“ („Ramrod“) empfahl, mit den Worten: „Cooper und ich nennen ihn Tex“. Schon sein erster Western trägt unverkennbar DeToths Handschrift, der auch das Drehbuch umschrieb. Der aufrechte Dave (Joel McCrea) und sein Freund, Sheriff Crew (Donald Crisp), werden in den Konflikt zwischen dem Rinderbaron Frank Ivey (Preston Foster), der die Stadt beherrscht, und der ehrgeizigen Rancherin Connie hineingezogen, gespielt von Veronica Lake, die damals mit DeToth verheiratet war und als Femme fatale im Wilden Westen erstmals unter seiner Regie spielte. Dave und Crew wollen den Konflikt auf legale Weise lösen, werden aber von Freund und Feind betrogen, was Crew mit dem Leben bezahlen muss. Dave rächt den Tod des Sheriffs, erschießt aber erst den Falschen, bevor er den wirklichen Mörder tötet. Aber er ist kein triumphierender Sieger, denn er erkennt, dass dieses Blutbad, bei dem noch andere umkamen, nur Connies ungezügeltem Ehrgeiz zu verdanken ist, die ihn mit Lügen und falschen Anschuldigungen aufgehetzt und ausgenutzt hat. Physisch und seelisch verletzt, wendet er sich schließlich von ihr ab.
Wie in „Die Farm der Gehetzten“ gibt es auch in den anderen Western von DeToth keine guten Helden und keine strahlenden Sieger. Die Grenzen von Gut und Böse sind bei ihm verwischt. Seine Filme sind geprägt von der desillusionierten Sicht des Europäers, der vor Nationalsozialismus und Krieg – DeToth hatte 1939 den deutschen Überfall auf Polen als Kriegsberichterstatter miterlebt – geflohen war und der erfahren hatte, wie brüchig die sogenannte Zivilisation ist, unter der Hass, Gier, Verrat und Gewalt lauern. Ob in „Sabotage“ („Carson City“, 1952), „Donnernde Hufe“ („Thunder Over The Plains“, 1953) oder „Gegenspionage“ („Springfield Rifle“, 1952): Immer wieder sind scheinbare Ehrenmänner, Bürger und Offiziere in Wahrheit Anführer von Banditen und verantwortlich für Raub und Mord. Auch bedarf es oft nur eines kleinen Funkens, um friedliche Siedler in einen blutdürstigen Mob zu verwandeln. Mit krassem Realismus zeigt DeToth in „Dieser Mann weiß zuviel“ („Riding Shotgun“,1954) wie die wohlanständigen Bürger eines Westernstädtchens sich zusammenrotten und Randolph Scott lynchen wollen, der noch eine Stunde zuvor als geachteter Bürger galt. Nahezu der ganze Film handelt davon, wie Scott förmlich belagert wird. Auch der Sheriff kann die Situation nicht mehr kontrollieren, der erwartete Lynchakt wird zur öffentlichen Belustigung; sensations- und blutgierig sammeln sich Männer und Frauen um das belagerte Haus, das schließlich angezündet wird, um Scott zur Aufgabe zu zwingen.
Dabei sind auch die meist schweigsamen Helden seiner Western keineswegs ohne Fehl und Tadel: In „Dieser Mann weiß zuviel“ wird Randolph Scott, dessen einziges Ziel es ist, den Tod seiner Schwester zu rächen – damit nimmt DeToth ein zentrales Motiv der späteren Scott-Boetticher-Western vorweg – unwillentlich mitschuldig am Tod eines Postkutschenbegleiters. Und weil Kirk Douglas in „Zwischen zwei Feuern“ („The Indian Fighter“, 1955) den von ihm geführten Treck heimlich verlassen hat, um seine Geliebte zu treffen, trifft ihn eine Mitschuld an der Ermordung Grey Wolfs durch einen Weißen und dem Rachefeldzug der Sioux. Ein äußerst zwiespältiger Charakter ist Jeff Travis in „Der schweigsame Fremde“ („The Stranger Wore a Gun“, 1953), ebenfalls dargestellt von Randolph Scott, der in sechs Western von DeToth die Hauptrolle spielte. Im Bürgerkrieg hat Travis für den berüchtigten Freischärler Quantrill spioniert und wird deshalb von dem Bandenchef Mourret, der sich als ehrbarer Bürger getarnt hat, zur Mitwirkung an Überfällen auf Goldtransporte erpresst. Travis, der seine Taten bereut, seine Schuld abtragen und ein neues Leben anfangen will, macht zum Schein mit, verstrickt sich dabei aber wieder in neue Schuld. Zwar kann er in einem furiosen Showdown im brennenden Saloon Mourret und seine Killer töten und bricht anschließend mit der Glücksspielerin Josie nach Kalifornien auf, doch bleibt ungewiss, ob er wirklich ein neues Leben anfangen kann oder ihn die Vergangenheit wieder einholen wird.
Frieden durch Recht
Die Helden in den Western von DeToth verbindet die Erkenntnis, dass durch Gewalt kein Konflikt gelöst und kein dauerhafter Frieden geschaffen werden kann. Das ist das zentrale Thema von „Donnernde Hufe“, der unmittelbar nach dem Sezessionskrieg in Texas spielt, das noch nicht wieder in die Union aufgenommen worden ist und von der Unionsarmee besetzt ist. Spekulanten und korrupte Steuerbeamte plündern das Land und seine Bewohner aus. Unter ihrem Anführer Westman rebellieren die Texaner dagegen, doch setzen sie damit nur eine Spirale der Gewalt in Gang, wie der selbst aus Texas stammende Captain Porter (Randolph Scott) erkennt. Er überredet Westman, sich zu stellen, und verhindert, dass dieser ohne Gerichtsverfahren wegen eines Mordes gehängt wird, den in Wahrheit der Hauptspekulant begangen hat, den Porter in Notwehr erschießt. Der Film endet mit der Wiederaufnahme von Texas in die Union, der Rehabilitierung der texanischen Rebellen und Porters, der bei seinem Kampf für Recht auch von Offizieren der eigenen Truppe nicht bloß behindert, sondern als angeblicher Deserteur gejagt worden war.
„Donnernde Hufe“ erscheint wie ein als Western camouflierter politischer Kommentar zu der von DeToth miterlebten europäischen Geschichte. Das Thema der Befriedung eines Landes nach einem Krieg hat DeToth bereits in seinem 1944 gedrehten Anti-Nazi-Film „None Shall Escape“ beschäftigt, in dem er einen internationalen Gerichtshof propagierte, der die Schuldigen richten sollte. In seinen Erinnerungen hat DeToth sehr ausführlich die französische Besatzungspolitik und Ausbeutung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg kritisiert, die er für den Aufstieg Hitlers und des Nationalsozialismus wesentlich mitverantwortlich machte.
Eine ebenso eindeutige politische Botschaft enthält sein Film „Zwischen zwei Feuern“, für den Franz Waxman eine wunderbare Musik geschaffen hat. Zwei betrügerische Weiße und ihre Gier nach dem Gold der Indianer sind Schuld an einer ebenso blutigen wie sinnlosen Auseinandersetzung zwischen Weißen und Indianern, die zahlreiche Tote und Verwundete auf beiden Seiten fordert. Zwar erinnert die Handlung manchmal an Karl May, wenn Kirk Douglas als Scout und Indianerfreund Johnny Hawks mit dem Sioux Grey Wolf um das Leben des Goldräubers Wes Todd (Walter Matthau) kämpft, den er später mit einem einzigen Fausthieb niederschlägt, und bei der schönen Häuptlingstochter Onathi (Elsa Martinelli in ihrer ersten Rolle) denkt man unwillkürlich an Winnetous Schwester, doch stellt DeToth im Gegensatz zu May die Indianer nicht als edle Wilde dar.
Wohl aber macht er deutlich, dass sie im Konflikt mit Siedlern und Militär eindeutig im Recht sind, aber in der Vergangenheit immer wieder von den Weißen betrogen wurden. Heftig prangert er die rassistischen Vorurteile der Weißen an, in deren Augen die Indianer Untermenschen sind, und er zeigt, dass die angeblich so zivilisierten Weißen sofort zum brutalen Mob degenerieren und Hawks lynchen wollen, als sie ihn der Kollaboration mit den Indianern verdächtigen. Beim Angriff auf das Fort erweisen sich die angeblich wilden Sioux sogar als diszipliniert kämpfende Truppe, die der Armee strategisch weit überlegen sind. Aber Hawks, der Onathi liebt und mit ihrem Vater Red Cloud befreundet ist, macht diesem klar, dass sein Sieg das Vordringen der Weißen nicht aufhalten wird und dass die einzige Chance der Indianer in der Versöhnung und einem friedlichen Miteinander liegt. Sein Plädoyer für seinen Sohn, den Onathi ihm schenken wird, ist eine eindeutige Absage an jeglichen Rassismus, die noch bekräftigt wird, weil Hawks sich für das Leben mit den Sioux entscheidet und bei Onathi bleibt, während die Siedler weiterziehen.
„Virgin Country“
Das Schlussbild des Films zeigt das im Fluss badende Liebespaar und deutet ein Leben in und mit der Natur an, während die Siedler die Natur lediglich ausbeuten wollen. Doch Hawks und der Regisseur wissen nur zu genau, dass die Zeit der Unberührtheit der Natur unwiderruflich der Vergangenheit angehört. Denn mit dem Siedlertreck, den Hawks nach Oregon führen soll, kommt auch ein Fotograf, der den gesamten Westen fotografieren will, um den Menschen im Osten die Schönheit des Landes zu zeigen und sie nach Westen zu locken. Hawks ist dagegen, weil er die Unberührtheit der Natur erhalten will, aber er hindert den Fotografen nicht, weil er weiß, dass weder er noch Red Cloud das Vordringen der Zivilisation und die mit ihr einhergehende Zerstörung der Natur aufhalten können. Damit thematisiert DeToth seine ebenfalls auf die frühe Karl-May-Lektüre zurückgehende Liebe zu den unberührt scheinenden Landschaften des amerikanischen Westens: „Seine [d.i. Mays] Imaginationskraft entzündete meine Liebe für den Westen und öffnete mir Ausblicke, die er selbst niemals erfahren hat“, schrieb DeToth. In seinen Filmen hat er den Westen mit derselben Hingabe fotografiert wie der von Elisha Cook jr. gespielte Fotograf in „Zwischen zwei Feuern“ und der Landschaft ein Denkmal gesetzt. Die Drehorte seiner Westerndramen hat der begeisterte Flieger DeToth per Flugzeug selbst ausgesucht, denn er wollte seine Filme in „virgin country“ drehen. Dafür war ihm kein Weg zu weit und keine Anstrengung zu viel, die er bei den Dreharbeiten auch den Schauspielern und der Crew zumutete.
Die Landschaft wird bei DeToth dennoch nie zum Selbstzweck, sondern sie dient immer der Unterstützung der Story, ganz im Sinn von DeToths zentraler Forderung an den Filmregisseur: „Put the drama in front of the camera“. In „Die Farm der Gehetzten“ erscheint die Landschaft von Zion zunächst malerisch und idyllisch, doch wenn die Idylle zerbricht und die Kämpfe an Brutalität zunehmen, wird auch die Landschaft wilder, zerklüfteter und dramatischer.
Bei Jack Warner setzte DeToth durch, den Bürgerkriegswestern „Gegenspionage“ in den verschneiten Bergen von Lone Pine in Kalifornien zu drehen. Sein letzter Western „Tag der Gesetzlosen“ („Day of the Outlaw“, 1959) ist im winterlichen Oregon in hartem Schwarz-Weiß gefilmt. DeToth entschied sich ganz bewusst gegen Farbe, die für dieses unerbittliche Drama unpassend gewesen wäre. Der kleine Trupp Gesetzloser, der auf der Flucht vor der Armee in einem abgelegenen Ort die Einwohner terrorisiert, wird schließlich selbst Gefangener der bitterkalten Schnee-Einöde, in die er von dem Viehzüchter Starrett (Robert Ryan) geführt wird und in der alle Bandenmitglieder umkommen. Am Schluss reitet Ryan einfach davon, denn der letzte Überlebende der Bande kann nicht auf ihn schießen: Seine Hände sind erfroren.
In „Tag der Gesetzlosen“ geht es auch um einen anderen, aus vielen Western bekannten Konflikt: Starretts Widersacher Crane will das offene Weideland einzäunen, für das Starrett in dieser Einöde gekämpft hat. Deshalb will er Crane erschießen, der ihm auch die Frau weggenommen hat. Das ungleiche Duell wird durch die Ankunft der Outlaws verhindert. In der Auseinandersetzung mit der Bande und ihrem Anführer, dem tödlich verletzten früheren Offizier Bruhn (Burl Ives), der einmal bessere Tage gesehen hat, erkennt Starrett, dass er genau so handelte wie die Gesetzlosen, wenn er seinen Gegner umbringen würde. Er verzichtet am Schluss auf Rache und wird nichts dagegen unternehmen, dass Crane sein Land mit Stacheldraht umzäunt, obwohl damit das Ende des freien Weidelands besiegelt wird und ein Stück des alten Westens verloren geht.
Mit diesem elegischen Spätwestern, in dem zwei einsame und verbitterte alte Männer einsehen, dass Gewalt sinnlos und zerstörerisch ist und ihre Zeit zu Ende geht, verabschiedete sich André DeToth von diesem Genre. Über seine Westernfilme schrieb er später in seiner Autobiografie in Anspielung auf seine Karl-May-Liebe selbstironisch: „Nur Hollywood kann ungarische Cowboys hervorbringen, die erfüllt sind von Louis L’Amour und inspiriert von einem angeblichen deutschen Betrüger.“

Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H.2/2010