Der Filmhistoriker als Drehbuchautor: Siegfried Kracauers Filmtreatment “JACQUES  OFFENBACH”

Im Dezember 1942 schrieb der Kameramann Eugen Schüfftan aus Hollywood an seinen Freund, den Filmhistoriker Siegfried Kracauer, er glaube, “dass jetzt Ihre Zeit des Offenbach-Films allmählich kommt, da man jetzt der Kriegsfilme ueberdruessig wird und Frankreich sehr im allgemeinen Interesse steht” und erkundigte sich  “ob Sie die Rechte fuer Ihre Story schon weiter gegeben haben und ob Sie schon ein Exposé haben.”
Eugen Schüfftan und Siegfried Kracauer waren beide 1933 vor den Nazis nach Frankreich geflohen, dessen militärische Niederlage 1940 sie zur zweiten Flucht über Spanien und Portugal  in die USA zwang. Auf der gemeinsamen Überfahrt im April 1941 von Lissabon nach Amerika lernten sich die beiden kennen und schätzen, in New York sahen sie sich oft und nach Schüfftans Übersiedlung nach Hollywood Ende 1941 entspann sich zwischen ihnen ein reger Briefwechsel.
Von Schüfftans Vorschlag war Kracauer begeistert: “Ich habe ein deutsches Treatment von ungefaehr 22 Seiten, das man als eine outline des Films auffassen kann. Ich finde es recht gut.” antwortete er, und räumte dem Freund die erbetene dreimonatige Option auf die Filmrechte ein, denn Schüfftan glaubte ernsthaft an eine Chance “mit einem bestimmten Producer [...] der sehr interessiert ist an Musikstoffen.”

Ein Filmtreatment für Hollywood
Auf die Idee, ein Filmexposé über Offenbachs Leben auf der Grundlage seiner im Pariser Exil verfassten Gesellschaftsbiographie “Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit” zu schreiben, war Kracauer durch MGM gekommen. Nachdem sein Buch 1938 in Amerika unter dem zugkräftigen Obertitel “Orpheus in Paris” erschienen war, hatte MGM eine Option auf die Verfilmung erworben, jedoch nicht ausgeübt, weil der Johann-Strauß-Film “The Great Waltz” ein großer Flop wurde und MGM keine weitere Musiker-Biographie riskieren mochte. Aber Kracauer, dem es im französischen - und auch im amerikanischen - Exil finanziell sehr schlecht ging und der jede Möglichkeit eines zusätzlichen Verdienstes ergriff, schrieb noch in Paris ein “Motion picture treatment”, dessen englischer Untertitel anzeigt, dass er es schon mit Blick auf die geplante Emigration  nach Amerika verfasst hat, und tatsächlich hat Kracauer gleich nach seiner Ankunft in USA 1941 sein Manuskript zwei Regisseuren angeboten, freilich erfolglos .
Der Kritiker und Filmhistoriker Kracauer war nicht ganz unerfahren im Schreiben für den Film, so hatte er schon 1930 mit dem experimentellen Filmemacher Hans Richter geplant, seine Studie “Die Angestellten” zu verfilmen und sein Treatment ist keineswegs lediglich eine verkürzte Fassung seiner Offenbach- Biographie, sondern es trägt den Erfordernissen des Mediums Film inhaltlich und formal Rechnung.

“JACQUES  OFFENBACH. Motion picture treatment”
Der 22-seitige Entwurf, der in Kracauers Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt wird, ist in ungefähr 70 Szenen unterteilt und enthält detaillierte Anweisungen für Kamera, Schauspieler, Dekor und Schauplätze, Montage und Musik. Auch die Dialoge sind bereits inhaltlich und manchmal sogar wörtlich fixiert. Die Handlung des Films konzentriert Kracauer, der sich bei der Darstellung von Offenbachs Leben und Karriere auch einige poetische Freiheiten gönnt, auf die Zeit von 1864 bis 1880.
Zu Beginn erlebt man Offenbach in Paris auf dem Gipfel seines Erfolgs, er ist der künstlerische Repräsentant des zweiten Kaiserreichs und wird in ganz Europa gefeiert. Allerdings kündigen sich schon Krankheit und auch Kritik an seinem Operetten-Werk an und Offenbach selbst sehnt sich danach, endlich eine große Oper zu komponieren und damit seinen künstlerischen Traum zu erfüllen. Bei der Weltausstellung 1867 feiert er noch einmal einen Triumph mit der Operette “Die Großherzogin von Gerolstein”, aber dann erfolgt parallel zum Niedergang des Kaiserreichs auch der Offenbachs, der nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/1871 an seine früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen kann. In dieser durch Krankheit und Misserfolg verdüsterten Zeit komponiert Offenbach seine Oper “Hoffmanns Erzählungen”, die er im Wettlauf mit dem Tod vollendet. In einer Apotheose erlebt er sterbend den “Reigen jener Gestalten [...] denen er Unsterblichkeit verlieh.”
Kracauers Treatment folgt einer dramatischen Linie des äußeren Abstiegs und des inneren künstlerischen Triumphes und blendet z.B. die finanziell erfolgreiche Amerika-Tournee Offenbachs 1876 vollständig aus zugunsten des inneren Dramas Offenbachs, der einsam und krank “Hoffmanns Erzählungen” komponiert, sein musikalisches Vermächtnis. Das persönliche Drama des Künstlers kontrastiert Kracauer stets mit den politischen Ereignissen, die in knappen Sequenzen eingeblendet werden.
Die erste Einstellung “Paris. Der Boulevard an einem Vorsommerabend 1864.” ist ein klassischer establishing shot und dient “der Charakterisierung der Atmosphäre.” Auf dem Boulevard, dem Wahrzeichen des kaiserlichen Paris, reitet Kaiser Napoleon III. mit Gefolge vorbei, “dem einige republikanische Typen hasserfüllt nachblicken.” Offenbachs Librettisten Halévy und Meilhac  treffen die gefeierte Sängerin Hortense Schneider, für die Offenbach die Operette “Die Schöne Helena” komponieren soll. Der Dialog leitet über zur zweiten Szene, die bei “Offenbachs, rue Lafitte.” spielt: “Die Kamera steigt mit Halévy und Meilhac das Treppenhaus hoch.” Den Anschlüssen widmet Kracauer viel Aufmerksamkeit, er verbindet die Szenen stets mit Dialog, Kamera oder Musik. Die zweite Szene schließt damit, dass Offenbach in seiner Wohnung “den Cancan aus ‘Orpheus’ anstimmt” und mit einer vorgezogenen Tonmontage wechselt der Schauplatz: “Der Cancan aus ‘Orpheus’ dröhnt im nächtlichen Café Anglais” in dem die “Kamera panoramiert durch die Kellerräume.” Kracauer gibt genaue Anweisungen für Einstellung und Bewegung der Kamera, die auch Szenen verbindet, so ergibt sich “Aus einer Nahaufnahme” von Offenbach und der Sängerin Zulma  Bouffar “der Uebergang zur folgenden Szene, die ein paar Tage später am vorgerückten Nachmittag im Emser Kurpark spielt.”
Kracauer gibt Regieanweisungen für die Schauspieler und schreibt auch die Ausstattung genau vor, im Café Anglais soll die Kamera die “Weintraubenlüster” und die “Miniatureisenbahn” aufnehmen und wenn Offenbach Zulma Bouffar zum ersten Mal hört, drückt er seiner Begeisterung über ihre Stimme  mit einem “Monolog von Gebärden” aus.
Souverän wechselt Kracauer sowohl zwischen Haupt- und Nebenhandlung als auch die Stimmungen. Gegen einen melodramatischen Höhepunkt setzt er das komische Intermezzo von Offenbachs Reise nach Bad Ems, wobei er sich einer Parallelmontage bedient, die er mehrfach für die gleichzeitige Schilderung von Offenbachs Leben und den Zeitgeschehen einsetzt.
Für Offenbachs Sehnsucht nach der großen Oper erfindet Kracauer ein musikalisches Leitmotiv : Die Anfangstakte eines Walzers, mit denen Offenbach als Kind von “seiner Mutter einst in den Schlaf gewiegt” worden war und von dem er vergeblich die vollständige Melodie gesucht hat. Auch der gealterte Komponist, dem er in Wien begegnet, hat die eigene Melodie vergessen hat und erst nach dessen Tod erhält Offenbach die wiedergefundenen Noten, die ihn dann zur Musik des Olympia-Akts inspirieren, den Kracauer als eine Auseinandersetzung Offenbachs mit sich selbst darstellt.
Auch Offenbachs Kompositionen setzt Kracauer dramaturgisch einfallsreich ein,   die Melodien der “Schönen Helena” verbinden  mehrere in Stimmung und Aussage sehr unterschiedliche Szenen: Zunächst spielt Offenbach seine Musik auf dem Klavier der Sängerin Hortense Schneider vor, dies leitet über zur glamourösen Premiere, dann “erscheinen, einander schnell überblendend, Bilder von Theatern, Conzertcafés, Privaträumen und Strassen der verschiedensten europäischen Hauptstädte [...] überall wird diese Musik gespielt, gesungen, geträllert, gepfiffen”, die aber schließlich “ins düster beleuchtete Pariser Hotelzimmer des sterbenden Herzogs von Gramont-Caderousse” herein klingt. Im Fieberwahn glaubt der Herzog, seine Geliebte Hortense als Helena zu sehen, die hier  “eingeblendet” werden soll: “Das Bild verschwindet, die Musik setzt jäh aus. Er sinkt tot in die Kissen.”
Die Jahre bis zum deutsch-französischen Krieg rafft Kracauer mit schnellen Überblendungen und Montagen, wobei er auch extreme Kamerapositionen einsetzt: “Das Ausstellungsgelände erscheint von oben, und ein unheimlich schnell anwachsender Schatten legt sich über die Ausstellung - der Bismarcks in seinen Kanonenstiefeln.” Die Kriegsereignisse ziehen im “schnellem Wechsel” der Bilder vorbei, eine Parallelmontage verbindet Offenbachs Flucht und die Gefangenschaft Napoleons. “Ineinander montiert” wird auch die “Offenbach-Premiere in der Gaîté” mit “Bildern von der Strauß-Premiere ‘Indigo und die vierzig Räuber’”, wobei Kracauer die Favoritenstellung von Johann Strauß und seinen Sieg über Offenbach durch Parallelen zur früheren Premiere der “Schönen Helena” unterstreicht.
Sehr bewusst setzt Kracauer auch Licht und Schatten ein. “Das Dunkel wächst” heißt es in den letzten Szenen, die von Offenbachs nahem Tod überschattet sind. Die Kamera nimmt mehr und mehr die Perspektive Offenbachs ein und der Schluss spiegelt nur noch sein subjektives Erleben. In einer mit Hilfe von Überblendungen und Musik gestalteten Vision, sieht er “jene Gestalten [...] denen er Unsterblichkeit verlieh. Fortunie, Eurydice, Metella - sie alle schweben, unter entsprechender Musik vorüber. Eine glanzvolle Apotheose; ihren Beschluss bildet die Barkarole.”
 
Keine Zeit für Offenbach
Aus Kracauers Treatment hätte ein großer Film über Offenbach und seine Zeit entstehen können, aber trotz mehrerer Anläufe Schüfftans in Hollywood und Kracauers in New York fand sich kein Produzent und kein Filmstudio dazu bereit, das zweifellos auch sehr aufwendige Projekt zu finanzieren.
Noch im Frühjahr 1947 bat Schüfftan, der die “Offenbach-Sache noch lange nicht aufgegeben” hatte, Kracauer erneut um eine Option auf dessen Offenbach-Biographie - aber nachdem sich seine Aussichten in Hollywood verschlechterten und Schüfftan sogar gezwungen war, im Ausland zu arbeiten, war das Offenbach-Projekt der beiden Freunde endgültig gescheitert. Als Kracauer im Herbst 1950 in New York den französischen Offenbach-Film “La Valse de Paris” von Marcel Achard sah, den er “pitiful” und “silly” fand, dachte er wehmütig an sein eigenes Treatment zurück und schrieb an Schüfftan: “It is too bad, that my own Offenbach picture could never be placed.”
Erstveröffentlicht in: Film-Dienst, H. 10/2003, S. 42-43
Kracauers Filmtreatment “JACQUES OFFENBACH” ist veröffentlicht in: “Nachrichten aus Hollywood, New York und anderswo. Der Briefwechsel Eugen und Marlise Schüfftans mit Siegfried und Lili Kracauer.” Eingeleitet und kommentiert von Helmut G. Asper. Ergänzt mit Briefen Eugen Schüfftans an Berthold Viertel sowie Beiträgen von Kathinka Dittrich, Pierre-Damien Meneux und Robert Müller. (= Filmgeschichte International. Schriftenreihe der Cinémathèque Municipale de Luxembourg. Bd.13, hrsg. v. Uli Jung) Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2003