Erstveröffentlicht in: Exil und Avantgarden.
= Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Bd.16/1998.
München 1998, S. 174 - 193

Vorspann
Das Fähnlein der aufrechten Avantgardefilmer der zwanziger Jahre war bereits vor 1933 sehr zusammengeschmolzen: “Der größte Teil der alten Avantgarde ist verschwunden, aufgesogen von der Industrie oder aus Entmutigung verstummt: René Clair, Picabia, Léger, Cavalcanti, Feyder, Renoir, Man Ray. Außer mir sind Albrecht Viktor Blum und Hans Richter die einzigen, die übrig blieben” stellte Laszlo Moholy-Nagy bereits19321 fest.  Schon diese Namensaufzählung von Künstlern äußerst unterschiedlicher Herkunft, die auch verschiedene ästhetische Positionen und Arbeitsschwerpunkte vertraten, verdeutlicht die Probleme der genauen Definition und Abgrenzung der Begriffe ‘Avantgardefilm’ oder ‘Experimenteller Film’, die trotz ihrer Einbürgerung in der Literatur immer noch heftig umstritten sind. Hier werden die beiden Begriffe benutzt für abstrakte oder absolute Filme, die sich mit den Ausdrucksmöglichkeiten und der Formensprache des Mediums Films beschäftigen und die auf kinematographisch-technische Innovationen abzielen und die in der Regel außerhalb und unabhängig von der industriellen Filmproduktion entstanden sind2. Aus den von Moholy-Nagy genannten Namen wird auch ersichtlich, daß die Filmavantgarde in den zwanziger Jahren eine internationale Bewegung war; Filmemacher aus mehreren europäischen Ländern zählten dazu, die  in losen Gruppierungen miteinander verbunden waren. In der Zeitschrift der holländischen Filmavantgardisten Filmliga, die seit 1927 erschien, schrieben neben holländischen Autoren auch deutsche, österreichische, französische und sowjetrussische Filmavantgardisten;  auf der Ausstellung  Film und Foto in Stuttgart 1929 wurden neben abstrakten Filmen,  auch avantgardistische  Spielfilme von Carl Theodor Dreyer, Georg Wilhelm Pabst, Robert Wiene, Charles Chaplin, Wsewolod Pudowkin, Erich von Stroheim u.a. gezeigt, und an dem ersten  Kongreß der Filmavantgarde in La Sarraz nahmen u.a. teil Alberto Cavalcanti und Léon Moussinac aus Frankreich, Walter Ruttmann, Hans Richter und Béla Balasz aus Deutschland, Ivor Montagu aus England, Montgomery Evans aus USA und Enrico Prampolini aus Italien, Sergej Eisenstein, Grigori Alexandrow und Eduard Tissé aus der UDSSR3. Auf dem zweiten (und letzten ) Treffen der Avantgardefilme 1930 in Brüssel  leitete Hans Richter die deutsche Delegation, und die von ihm mitbegründete “Deutsche Filmliga” setzte sich vor allem für umstrittene und von der Zensur nicht freigegebene oder verstümmelte Filme ein.
Eine Gesamtdarstellung des Exils der Filmavantgarde müßte auch die europäischen Avantgarde-Filmkünstler behandeln, die vor den Nazis aus politischen oder rassischen Gründen spätestens nach der Okkupation ihrer Heimatländer fliehen mußten. Die politische Film-Avantgarde, Filmregisseure wie Slatan Dudow und Carl Junghans, wäre ebenso zu berücksichtigen  wie  Kameramänner und Filmarchitekten des deutschen Stummfilms der zwanziger Jahre, die der Avantgarde nahestanden und zumindest mit einigen Arbeiten ihr zuzurechnen sind. Dies ist hier aus Platzgründen nicht zu leisten, von den Kameramännern wird lediglich Helmar Lerski behandelt, weil er im Exil ein eigenständiges filmisches Werk hat schaffen können. Dieser Überblick beschränkt sich auf die deutschsprachigen Filmavantgardisten im engeren Sinn, die sich vorwiegend mit dem abstrakten Film beschäftigt haben und die im Exil ihre Filmarbeit weiterführen konnten.

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