Ein Märchenfilm für amerikanische Kinder:
Walter Wicclairs „The Emperor's New Clothes“

Der  entstandene Film wurde 1950 inszenierte der exilierte Schauspieler, Theaterregisseur und -leiter Walter Wicclair (eigentlich Walter Weinlaub, 1901 - 1998) einen Kinderfilm nach Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Wicclair wollte eine Märchenfilmserie für das amerikanische Fernsehen drehen, die jedoch nicht zustande kam - der Pilotfilm „The Emperor's New Clothes“ blieb der einzige fertig gestellte Film.

Von der "Gerhart-Hauptmann-Bühne" zur "Freien Bühne Los Angeles"
Der 1901 als Walter Weinlaub im oberschlesischen Kreuzburg geborene Künstler war ein Theaterbesessener, der sich früh schon für das Theater entschied. Seit 1920 war er als Schauspieler und Regisseur an zahlreichen deutschen Theatern tätig und gründete 1932 das erste feste Theater in seiner Heimatstadt Kreuzburg, das er mit Zustimmung des Namenspatrons Gerhart Hauptmann-Bühne nannte. Im Januar 1933 wurde der junge Theaterdirektor von SA-Männern überfallen und brutal zusammengeschlagen, konnte jedoch schwer verletzt fliehen. Nach seiner Genesung in einem Breslauer Krankenhaus exilierte er zunächst nach Holland, wo er an der Amsterdamer Schauburg inszenierte. Von dort ging er in die Tschechoslowakei, wo er an den Stadttheatern Saaz und Leitmeritz arbeitete und seinen Namen in Wielau ändern musste, um nicht als Jude erkannt zu werden. Kurz vor der Besetzung Prags gelang ihm die Flucht nach Holland, 1939 flüchtete er über England weiter in die USA, wo er seinen Namen in Walter Wicclair änderte.
Obwohl er sich in Los Angeles erst als Tellerwäscher und Gärtner durchschlagen musste, war sein Ziel von Anfang an, wieder ein Theater zu gründen. Schon ein halbes Jahr nach seiner Ankunft veranstaltete er seinen ersten Kabarett-Abend, und noch 1939 gründete er die „Freie Bühne Los Angeles“, die, gestützt vor allem auf die nach Hollywood emigrierten deutschen Juden, - der German Jewish Club of 1933 hatte damals ca. 1.500 Mitglieder - vielbeachtete Vorstellungen in deutscher Sprache anbot. Mit großer Energie, Ideenreichtum und Besessenheit versuchte Wicclair, sich in Hollywood als unabhängiger Künstler in der riesigen Unterhaltungsfabrik zu behaupten und europäische Theater- und Literaturtradition weiterzupflegen. So inszenierte er im Goethejahr 1949 den „Urfaust“ mit Norbert Schiller als Faust, er selbst spielte den Mephisto. Schon 1946 hatte er begonnen, auch in englischer Sprache zu inszenieren, besonders erfolgreich waren in den fünfziger Jahren seine Aufführungen des Ritualmord-Dramas „The Burning Bush“ der exilierten Autoren Heinz Herald und Geza Herczeg und Strindbergs „Dance of Death“, in dem er selbst den Kapitän spielte.

Vom Märchentheater zum Märchenfilm
Wicclair pflegte in seinem Theater auch die Tradition des Weihnachtsmärchens für Kinder und inszenierte mit großem Erfolg am Coronet Theatre eine dramatische Bearbeitung des Märchens von Gold-Marie und Pech-Marie. Daraus entwickelte er die Idee, Märchenbearbeitungen für das noch junge Fernsehen zu inszenieren, um Kindern auch in diesem Medium gute und künstlerisch anspruchsvolle Unterhaltung zu bieten.
„Damals, 1950, kamen wir, eine Gruppe idealistischer Künstler und ich auf die Idee, die erste Serie von Kinderfilmen für das Fernsehen herzustellen...Wir beschlossen, unser eigenes Geld zusammenzukratzen und einen sogenannten Pilotfilm zu drehen. Wir arbeiteten alle umsonst, aus Freude am Tun und in der Hoffnung auf Erfolg.“  
Wicclair und seine Freunde brachten allerdings lediglich viertausend Dollar auf, um diesen Pilotfilm zu drehen - das war nicht einmal annähernd ein B-Picture-Budget - und davon musste alles bezahlt werden: das Filmmaterial - er wollte sehr weitsichtig von Anfang an in Farbe für das damals noch schwarz-weiße Fernsehen produzieren -, Leihgebühr für die Kameras - Wicclair benutzte eine Mitchell 16mm als festmontierte Kamera auf einem Dolly und eine Bolex 16mm als Handkamera -, sowie die gesamte Tonausrüstung, Bauten, Kostüme und Requisiten. Nachdem das alles bezahlt war, konnte er das Filmstudio nur noch für einen einzigen Tag mieten - das kleine unabhängige Studio kostete pro Tag achthundert Dollar -, und dieser eine Tag musste ausreichen, um den Film zu drehen. Glücklicherweise standen Wicclair die Bühnen des Coronet und des El Patio Theatre für zwei Wochen Proben zur Verfügung, sodass er mit einer fertig einstudierten Inszenierung, in der jede Stellung genau vorher festgelegt war, ins Studio gehen konnte: „Dank unserer Bühnenerfahrung gingen die Dreharbeiten wirklich schnell und reibungslos vonstatten“, erinnerte sich Wicclair, der rückblickend meinte: „Filmregisseure sollten Bühnenroutine haben.“ Außerdem hatte Wicclair, der noch nie hinter einer Filmkamera gestanden hatte, in dem exilierten Film- und Bühnenarchitekten Rudi Feld, der auch bei Wicclairs Theaterinszenierungen mitgewirkt hatte, einen höchst erfindungsreichen Mitarbeiter zur Seite, der die Dekoration so geplant hatte, dass keinerlei Umbau nötig war: Thronsaal, Ankleideraum, Schlafzimmer und Schneiderwerk¬statt waren mit sparsamsten Mitteln entworfen, denn Feld hatte bei verschiedenen Exilfilmproduktionen gelernt, mit wenig Aufwand auszukommen und hatte es darin zu wahrer Meisterschaft gebracht. Die Kostüme wurden bei dem kleinen und billigen Verleih Jack of Hollywood entliehen.
Die Schauspieler kannte Wicclair alle gut, mit den meisten hatte er bereits im Theater gearbeitet: Der prominente Charakterdarsteller Rudi Anders (eigentlich Rudolf Amendt) übernahm den Lord High Chamberlain und war froh, endlich mal keinen Nazi darstellen zu müssen; Jack Reitzen, der den eitlen König verkörperte, meinte sogar, dies sei die schönste Rolle seiner Karriere gewesen. Der bekannte Shakespeare-Darsteller Charly Davis und der Charakterkomiker Pat Morano spielten die beiden angeblichen Schneider Shuttle und Bobbin, und der Charakterdarsteller Lucien Prival war der Minister of Exchange. Loretta King, die bei Wicclair am Theater die Titelrolle in „Galatea“ gespielt hatte, begnügte sich in dem Film mit der kleinen Rolle der Lady in Waiting, für die kleine aber wichtige Rolle der Mutter, die ihrer Tochter aus dem Märchenbuch vorliest, konnte Wicclair Charles Chaplins zweite (geschiedene) Frau Lita Grey Chaplin gewinnen.Der Kinderstar Gayle Reed spielte in der Rahmenhandlung die kleine Peggy und war im Märchen eine entzückende Prinzessin.
 
"The Emperor's New Clothes"
Wegen der beschränkten Mittel musste Wicclair bei seinem Film von vornherein auf Massenszenen und Außenaufnahmen verzichten. Er verlegte die Märchenhandlung deshalb ganz in die Gemächer des Königs und in die Schneiderstube, und weil keine Volksszenen möglich waren, musste der Schluss des Märchens geändert werden. Wicclair und der Autor Stanford Brown erfanden deshalb die Rolle der kleinen Prinzessin, die entgeistert erkennt, dass ihr Vater gar nichts anhat. Damit hat Wicclair die wesentliche Pointe von Andersens Märchen, dass nur ein unschuldiges Kind den Mut hat, die Wahrheit auszusprechen, in seinen Film übernommen.
Von seinen Kindertheatervorstellungen her wusste Wicclair, dass er das Märchen für amerikanische Kinder umschreiben musste:
„1950 wirkten noch die Vorschriften des Hays Code nach, Brutalitäten durften nicht vorkommen, auch im Märchen nicht.(...) Auch das Organ für Lachen ist verschieden, was die Filmemigranten mühsam lernen mussten.“
Deshalb ließ Wicclair den Film mit einer Rahmenhandlung beginnen, in der die Mutter ihrer kleinen Tochter vor dem Schlafengehen ein Märchen vorliest. Diese Rahmenhandlung sollte mit denselben Darstellern in allen Filmen der geplanten Märchenserie wiederkehren. Am Ende des Films beendet die Mutter das Märchen, die Tochter ist eingeschlafen, und die Kinder vor dem Bildschirm werden eingeladen, in der nächsten Woche ein neues Märchen zu erleben. Mit dieser Rahmenhandlung knüpfte Wicclair einerseits an den frühen deutschen Märchenstummfilm an, in dem Paul Wegener in der Rahmenhandlung seines Films „Rübezahls Hochzeit“ einer Gruppe von Kindern das Märchen selbst vorlas und andererseits entsprach die Rahmenhandlung dem Stil damaliger amerikanischer TV-Spiele, die von einem „host“ eingeleitet wurden.
Trotz der geringen Mittel und der daraus resultierenden nicht zu übersehenden technischen Mängel, gelang Wicclair und seinem Team ein charmanter und un-terhaltsamer Film, der auch einen ernsten und belehrenden Kern enthält:„In dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern wird die lächerliche Eitelkeit eines Staatsoberhauptes enthüllt.Eitelkeit als Schwäche aus Dummheit, nicht Bösartigkeit (wobei in der moderneren Welt Bösartigkeit dazu käme). Dann die beflissenen obrigkeitshörigen Bediensteten, dem Kaiser zu Maule redend, unschuldig lügend. Der Hof, der Staat, typisch auch für Demokratien,“ hat Wicclair selbst seine Ideen skizziert, und die Exilforscherin Jackie O'Dell betonte in ihrer Untersuchung den politischen Gehalt des Films: „On many levels this film has a pressing relevance for today. Anderson's tale of the danger of vanity, blindness and stupidity in a leader, has particular meaning for people today, especially Americans. The monarch's plundering arrogance of power and the cowardice of his advisors is a story repeated throughout history. The voice of truth comes through the uncalculated honesty of a child. In Reagan's America one should always remember this tale.“

Seifenblasen
Wicclair führte seinen Film zunächst dem Los Angeles City Board of Education vor, damals die wichtigste Institution für die Beurteilung der Qualität von Kinderfilmen und -fernsehprogrammen: „Your film ‚The Emperor's New Clothes‘ is indeed delightful and one that adults as well as children can enjoy“, schrieb die Abteilung Public Information und die Lehrfilm-Abteilung meinte: „It was pleasure to view your new film ... In our opinion it was highly entertaining and is a change from the usual program produced for children.“ Auch bei einer Pressevorführung gefiel der Film sowohl den erwachsenen Kritikern als auch den Kindern, die als Mitglieder des „Junior Journal“ Gelegenheit hatten, sich den Film dabei anzuschauen: „cute“, „entertaining“, „enjoyable by both children and adults“, „good picture“, „pleasant to watch“, „a good job“ meinten die kleinen Kritiker, die sich durchaus sachverständig äußerten und z.B. die Dialoge und den Ton verbesserungsfähig fanden.
 
So schien es zunächst, dass Wicclairs Idee, mit diesem Film eine Märchenfilm-Serie zu beginnen, Wirklichkeit werden könnte. Gemeinsam mit dem Autor Stan Brown und den Schauspielern, die alle auf eine lange und einträgliche Serie hofften, hatte er bereits weitere Märchen für die Verfilmungen ausgewählt und den Sponsoren in einem ausführlichen Exposé unter den Titeln „The Children's Hour“ und „Once upon a Time“ ein abwechslungsreiches Programm vorgestellt: „King Midas and the Golden Touch“, „Six Links of Nose“, „The Princess and the Pea“, „King Golden Hair and the Test of Tears“, „The Queen and the Fish of Distinction“ „Twelve Dancing Princesses and Good Mother Holle“.
Aber die interessierten Verleih- und Sponsorenfirmen wollten mindestens zwei weitere Filme sehen, bevor sie einen Vertrag über eine Serie von 13 Filmen abschließen wollten - und woher sollten Wicclair und seine Truppe das Geld für zwei Filme nehmen? Ihr Geld hatte ja im Grunde nicht einmal für den einen Film gereicht! Trotz aller Bemühungen und persönlichen Einsatz gelang es Wicclair nicht, für seinen Märchenfilm, in den alle Mitwirkenden ihr „Herz (...) gesteckt“ hatten, einen Sponsor oder einen Verleih zu finden. Erst 1961 hat er in einem amerikanischen Telekolleg über „Children's Literature“ einige Ausschnitte vorführen können und 1987 hatte der Film im Rahmen des 13. Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestivals in Frankfurt a.M. endlich seine deutsche Premiere, denn als einziger Märchenfilm des deutschen Filmexils und als Zeugnis der Regiearbeit Walter Wicclairs ist er ein rares und bedeutendes Dokument von Wicclairs Regiearbeit schrieb Jackie O’Dell in ihrer unveröffentlichten Studie über den Film:
„As the only existing filmed example of Walter Wicclair's directing approach, it proves that if a director commands the movement and speech of his actors, the director‘s work may reflect the essence of the human animal in an eternal way. This is not achieved simply. The timeless nature of this film also questions what can be considered ‚modern‘? This film was the work of a director with thirty years of stage experience behind him. ‚The Emperor's New Clothes‘ reflects what Walter Wicclair once said: ‚At this time our technique was our brains and energy.‘

Erstveröffentlicht in: Helmut G. Asper: „Etwas Besseres als den Tod…“ Filmexil in Hollywood. Marburg 2002.
Eine ausführliche Darstellung des Films mit Dialogen und Bildern in:
Helmut G. Asper: Walter Wicclair „The Emperor's New Clothes“. Ein Märchenfilm des deut¬schen Exils. Siegen 1997 (= Massenmedien und Kommunikation Nr. 113)
Eine Kopie des Films „The Emperor=s New Clothes“, das Drehbuch und weitere Materialien hat Walter Wicclair dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt geschenkt.