2.Teil: Die Malerin, Schauspielerin und Illustratorin Fini Rudiger

Erstveröffentlicht in: film-dienst, H.3/2000, S. 48-51

Zwei Exilanten aus Deutschland und Österreich haben in den 30er und 40er Jahren im Disney-Studio gearbeitet, aber sie sind sich dort nie begegnet. Oskar Fischinger verließ Disney bereits Ende 1939 und Fini Rudiger wurde erst im  Frühjahr 1940 engagiert - und doch haben beide an denselben Filmen mitgewirkt, die im Disney-Studio in jahrelanger Arbeit entwickelt wurden.

 

Die erste Frau im Character Model and Story Department

Fini Rudigers erste Entwürfe galten dem praktisch fertigen Film “Pinocchio”, der vielfach als bester Film Disneys angesehen wird. Fischinger hatte dafür noch den Zauberstab der guten Fee animiert; und Fini Rudiger, die schon als Kinderbuchillustratorin in USA gearbeitet hatte, entwarf die Nebenfiguren der Schulkinder, die noch fehlten: “Ich wusste natürlich gar nicht, wie man Vorlagen für die Animatoren zeichnet, aber das war auch nicht wichtig, denn dafür hatten sie Leute im Studio, die meine Entwürfe übertrugen.” Aber was Fini Rudiger mitbrachte, war ein trotz ihrer Jugend ausgeprägter persönlicher Stil, den sie auf der Kunstgewerbeschule in Wien hatte entwickeln können: “Ich habe nie gelernt, wie man richtig Perspektiven zeichnet und all dies, das Beste, was mir die Schule gegeben hat, war ein ganz individueller Stil - wenn man den hatte, ließen sie einen in Ruhe.” 

Es waren dieser Stil und ihr Einfallsreichtum, der der jüdischen Emigrantin Fini Rudiger als wohl erster Frau die Tür zum Character Model and Story Department bei Disney öffnete, denn die zahlreichen Frauen im Disney Studio arbeiteten damals nicht in den eigentlich kreativen künstlerischen Positionen. Fini Rudigers Vorreiterrolle dabei ist umso erstaunlicher, als Disney auch antisemitische Vorurteile nachgesagt werden. Gewiss haben bei ihrem Engagement Zufälle eine Rolle gespielt, aber ebenso sicher ist, dass es vor allem ihre unkonventionelle Persönlichkeit und die Ausdrucksstärke ihrer Arbeiten war, die der jungen Künstlerin dazu verholfen haben. 

 

Von Wien nach New York 

Als Fini Rudiger 1940 von Disney verpflichtet wurde, lebte  sie bereits seit drei Jahren im amerikanischen Exil. Die 1914 in Wien geborene Josephine Rudiger ist aufgewachsen in Wien, in Nancy, wo sie zwei Jahre lang ein Pensionat besuchte und nur Französisch sprechen durfte, und in Berlin. Dort entdeckte sie in den Kinos ihres Stiefvaters Carl Fried ihre bis heute andauernde Kinoleidenschaft. 

Das Kunststudium führte sie wieder nach Wien, wo sie an der Kunstgewerbeschule u.a. bei Albert Paris Gütersloh studierte. Bei den berühmten “Gschnasfesten” musste sie mit ihren Kommilitonen die Räume mit Wandzeichnungen dekorieren. Die dabei entwickelte Fähigkeit,  mit großen Flächen umzugehen, kam ihr später in den USA sehr zustatten. Sie bekam rasch Kontakt zum Theater, 1933 wirkte sie bei der von dem Piscatorschüler Ernst Lönner geleiteten Gruppe junger Schauspieler bei der Ausstattung mit, und bald stand die attraktive Studentin neben ihrem Kunststudium selbst auf der Bühne. 

Rudolf Beer, Gründer und Leiter der Wiener Scala, wurde ihr Mentor und Lehrer, der sie mit dem Satz: “Ich heiß’ Rudi Beer - und Du heißt Rudi-Ger” auf ihren Künstlernamen taufte, da sie ihren sehr jüdisch klingenden Mädchennamen nicht leiden konnte. An der Scala spielte sie unter seiner Regie die Ilse in Wedekinds “Frühlings Erwachen”, mit Curt Bois stand sie gemeinsam in “Charleys Tante” auf der Bühne und mit Paul von Hernried (später in USA Paul Henreid) trat sie im “Ball im Savoy” auf. Als eines Tages im Theater Komparsinnen für Willi Forsts “Maskerade” gesucht wurden, meldete sich die filmbegeisterte Fini Rudiger sofort, statierte in der großen Ballszene - und bekam am nächsten Tag das Angebot für die kleine Sprechrolle der Krankenschwester. 

Neben ihrer künstlerischen Ausbildung war Fini Rudiger ständig an verschiedenen Wiener Kleinkunstbühnen beschäftigt, sie spielte weiter an der Scala und am Deutschen Volkstheater, wo sie den Regisseur Eugen Schulz-Breiden kennenlernte, der sie im November 1936 für die Aufführung von Gina Kaus’ “Gefängnis ohne Gitter” ans Schauspielhaus Zürich verpflichtete. 

Für weitere Filmrollen wurde sie jedoch nicht mehr engagiert - weil sie Jüdin war, denn die österreichische Filmindustrie beugte sich bereits dem Nazidruck und beschäftigte  jüdische Schauspieler nicht mehr. Fini Rudiger erkannte frühzeitig, daß sie in Österreich keine berufliche Zukunft mehr hatte und entschloß sich schon Mitte 1936, in die USA zu emigrieren. Ein reicher Onkel, der in New Jersey lebte, hatte sie schon lange eingeladen und sie beantragte das -  noch -  leicht zu bekommende Besuchervisum, die ‘richtige’ Immigration hat sie dann später über den Umweg nach Kuba nachgeholt. Im Januar 1937 reiste sie über Venedig nach Genua und von dort mit dem Schiff nach New York. Auf demselben Dampfer fuhr in der ersten Klasse der ungarische Schriftsteller Ladislaus Bus-Fekete, den sie vom Deutschen Volkstheater in Wien her kannte, und der sie öfter einlud und sie in New York auch in den großen ungarischen Emigrantenkreis einführte.

 

One -Way-Ticket to Hollywood

Trotz dieser Hilfe und der großzügigen amerikanischen Gastfreundschaft, an die sich Fini Rudiger dankbar erinnert, fühlte sich die junge Frau in New York sehr fremd und einsam, und sie mußte auch ihren Berufsweg finden. Kurz nach ihrer Ankunft zeigte das auf ausländische Filme spezialisierte New Yorker Programmkino Playhouse 55th Street “Maskerade”, und da Fini Rudiger den Kinobesitzer kennengelernt und ihm gesagt hatte, daß sie darin mitspiele, kündigte er den Film groß an mit  “Paula Wessely, Adolf Wohlbrück und Fini Rudiger”, aber bald wurde ihr klar, dass an eine Fortsetzung ihrer Karriere als Schauspielerin aufgrund ihres “strange Viennese accent” - wie noch 1946 eine Zeitung über sie schrieb - in USA nicht zu denken war.

Deshalb besann sich die energische und kontaktfreudige junge Frau auf ihre künstlerische Ausbildung und stellte sich mit ihrer Zeichenmappe wochenlang in allen möglichen New Yorker Geschäften vor - und erhielt bald Aufträge mehrerer Warenhäuser für Schaufensterdekorationen, für die sie die Hintergründe malte und im  renommierten Harpers & Brothers Verlag illustrierte sie ihr erstes Kinderbuch “The Story of Li-Lo”, dem später noch einige andere folgen sollten. Doch sie wollte nicht in New York bleiben, das sonnige Kalifornien lockte und da sie nicht genügend Geld für die Fahrt hatte, schlug sie American Airlines vor, für ein Flugticket ein Schaufenster zu dekorieren. So flog Fini Rudiger 1938 nach Los Angeles und blieb dort  - das Rückflugticket ließ sie verfallen.

 

Hollywood, Hollywood

Am Flughafen in Burbank wurde sie von  ihrer Freundin Ruth Marton abgeholt, der Tochter des Kritikers und Ullstein-Chefredakteurs Kurt Mühsam, die sie mit ihrem Freund, dem Schriftsteller Heinz Herald, in die große Emigrantengemeinde in Los Angeles einführte, in der sich  Fini Rudiger mit ihrem Charme bald viele Freunde erwarb. Einer davon war der Schriftsteller und Drehbuchautor Frederick Kohner, der damals in Malibu wohnte, wo die sportliche Fini Rudiger gern zum Schwimmen hinfuhr, später hat sie dann den Umschlag zu seinem Buch “Cher Papa” entworfen.  Ihre Haupteinnahmequelle in Hollywood waren wieder Schaufensterausstattungen,  aber sie bekam auch rasch Kontakt zur Filmindustrie. Auf Empfehlung eines MGM-Publicity-Mannes in New York stellte sie sich im Studio vor und erhielt sofort einen sechswöchigen Vertrag für die Werbekampagne für “Wizard of Oz”. 

 

BHs für die Zentaurinnen

Mit ihrer Zeichenmappe stellte sie sich auch bei “Mademoiselle” vor, einem damals vielgelesenen Magazin für junge Frauen. Die Redakteurin zeigte ihre Arbeiten einem befreundeten Kunst-Dozenten, der Verbindungen zu Disney hatte - und zu ihrer großen Überraschung erhielt Fini Rudiger einen Anruf vom Disney-Studio, das ihr eine Stelle im Character Model and Story Department anbot. Fini Rudiger war begeistert. “Ich hatte in Berlin die Micky-Mouse-Filme gesehen und kannte natürlich “Three Little Pigs” - und nun sollte ich selbst in diesem Studio arbeiten, das war unglaublich, phantastisch.” Sie erhielt freilich bei Disney nur 25 Dollar pro Woche, (bei MGM hatte sie 60 $ pro Woche verdient) und davon schickte sie 15 $ ihrer Mutter, die nach Belgien emigriert war und dort im Versteck den Krieg überlebte, und auch ihrem Vater, der von Kuba aus seine Einreise in die USA betrieb, konnte sie finanziell mit einigen Dollars aushelfen. Sie selbst lebte bescheiden, ihre Kleidung hatte sie in einem second-hand store in New York eingekauft - darunter ein Abendkleid für 2 $ - und zum Studio fuhr sie mit der damals noch existierenden Streetcar und das Essen in Kalifornien war billig: “Als Frau wurde man doch häufig eingeladen und am nächsten Tag gab es eben nur Crackers”. 

Nach den “Pinocchio”-Schulkindern bekam Fini Rudiger auch noch einen Auftrag für “Fantasia”, für den Fischinger die “Toccata”-Episode entwickelt hatte. In der “Pastorale”-Episode fand das über Sitte und Anstand wachende Hays Office die barbusigen Zentaurinnen von Fred Moore zu unmoralisch. Deshalb verordnete Disney den Busen der Zentaurinnen eine züchtige Bedeckung und Fini Rudiger entwarf die aus Blumengirlanden gewundenen Büstenhalter, die im fertigen Film  die Zentaurinnen schmücken.

Noch heute ist Fini Rudiger begeistert von den hervorragenden Künstlern, mit denen sie im Disney- Studio zusammenarbeitete: “Ich habe ihnen über die Schulter geguckt und in dem einen Jahr bei Disney mehr gelernt als in meinem ganzen Studium.” Und sie schwärmt von der kreativen Atmosphäre, die im Studio herrschte: “Das kann sich heute niemand mehr leisten, ein Dutzend Künstler zu beschäftigen, die an Projekten arbeiten, recherchieren, entwerfen, ohne zu wissen, ob man das jemals brauchen wird oder nicht.”

Sie selbst arbeitete bereits an Charakteren für Prokofjews sinfonisches Märchen “Peter und der Wolf”, das für den Fortsetzungsfilm zu “Fantasia” geplant war, der jedoch aufgrund des mangelnden Kassenerfolgs von “Fantasia” aufgegeben wurde. Auch ihre Vorschläge für die ursprünglich erheblich länger geplanten Zirkusszenen in “Dumbo” wurden nicht in den Film aufgenommen. Sie arbeitete mit am “Reluctant Dragon” und recherchierte bereits für Stories, die erst viel später realisiert wurden, wie “Cinderella”, “Peter Pan” und sogar “Lady and the Tramp”.

Als Disney wegen der schlechten Wirtschaftslage 1941 auf einen Schlag 500 Mitarbeiter entließ, war darunter auch Fini Rudiger, die während ihres Engagements gerade noch die letzte Phase der kreativsten Jahre im Disney Studio miterlebt hat. Denn der große Streik 1941 bei Disney veränderte die Arbeitsbedingungen dort für immer. 

Nur wenige Wochen nach ihrer Entlassung lernte Fini Rudiger ihren späteren Mann, William Littlejohn, kennen, Animator der berühmten “Tom and Jerry”-Serie von MGM, -  und einer der Streikführer der Screen Cartoonists Guild gegen Disney, der sie als erstes darüber aufklärte, daß sie dort entschieden zu niedrig bezahlt worden sei.

 

 

Arbeit für Theater- und Filmexilanten

Auch nach ihrer Zeit bei Disney blieb Fini Rudiger schöpferisch tätig und arbeitete häufig mit anderen Emigranten zusammen: Für Ernst Lönner entwarf sie die Dekorationen für dessen Inszenierung von Karel Čapeks “Adam, der Schöpfer” und stattete eine Tanztheateraufführung von Ernst Matray aus. Für die Dekoration des Films “My Sister Eileen” (1942) malte sie Bilder im Stil des New Yorker Magazine; für Paramount und MGM entwarf sie Reklameposter und auf Bitten Paul Kohners illustrierte sie 1949 die Speisekarte von Joe Mays Restaurant “The Blue Danube”, das leider nicht lange florierte. Auch als sie während des Krieges mit ihrem Mann einige Jahre in Hartford (Connecticut) lebte, wo Bill Littlejohn als Testpilot stationiert war,  hat sie weiter künstlerisch gearbeitet. Sie illustrierte Kinderbücher, entwarf Posters für UNICEF, denn auch im sozialen Bereich hat sich Fini Rudiger-Littlejohn ihr Leben lang engagiert und sich später u.a. für das von John F. Kennedy ins Leben gerufene “Head Start Program” für sozial benachteiligte Kinder eingesetzt.

 

“The Olympiad of Animation”

Dem Animationsfilm blieb sie durch die Arbeit ihres Mannes verbunden und war selbst aktiv tätig in der International Animated Film Association. Schon seit den sechziger Jahren besuchten die Littlejohns gemeinsam Animationsfilm-Festivals auf der ganzen Welt und erwarben sich überall Freunde. Als 1984 die Olympiade in Los Angeles ausgetragen und ein “Olympic Arts Festival” veranstaltet werden sollte, entwickelte Fini Rudiger-Littlejohn die Idee einer Olympiade des Animationsfilms: Eine Retrospektive sollte die besten Animationsfilme der Welt versammeln und Zeichentrickfilmer aller Länder sollten zum Thema Olympiade einen Animationsfilm drehen.

Trotz vieler Schwierigkeiten und Hindernisse, die ihr vom Olympischen Komitee bis zu den staatlichen Filmstudios in den Ostblockländern in den Weg gelegt wurden und die dafür sorgten, dass nicht alle ursprünglichen Ziele erreicht wurden, hat die energische Fini Rudiger-Littlejohn mit unglaublichem Einsatz und der Hilfe guter Freunde 1984 “The Olympiad of Animation” zustande gebracht: 32 Filme von Trickfilmern aus 14 Ländern waren schließlich für “The Spirit of the Olympics” ausgewählt worden, in einem “Special Program” wurden 29 Trickfilme von Kindern aus sieben Ländern gezeigt  und für die 50 Filme der “Champions of Animation” - hier war auch die UdSSR vertreten, die die Olympiade boykottierte - waren u.a. ausgewählt worden zwei Filme von Oskar Fischinger (“Allegretto” und “Motion Painting No.1”) und neben “Snow White and the Seven Dwarfs” wurden von Disney “Fantasia” und “Dumbo” gezeigt, die beiden Filme an denen vor mehr als vierzig Jahren auch Fini Rudiger mitgearbeitet hatte. 

Bis heute sind Fini Rudiger-Littlejohn und ihr Mann dem Film und besonders dem Animationsfilm eng verbunden. Beide nehmen sie intensiv teil am Leben und natürlich auch am Oscar-Wettbewerb der  Academy of Motion Picture Arts and Sciences, in der sich Bill Littlejohn, seit 1984 ein Governor der Academy, seit Jahren dafür einsetzt, endlich einen eigenen Award für Animationsfilme zu schaffen.

 

Literatur/Film zu Fini Rudiger-Littlejohn:

Aufbruch ins Ungewisse. Fini Rudiger-Littlejohn (Interview mit Christian Cargnelli), Viennale 1993. 60' 

Harvey Deneroff: The Olympiad of Animation. An Interview with Fini Littlejohn. In: Animation World Magazine, July 1996, S.27-30.

Zitate aus Interviews des Verfassers mit Fini Rudiger-Littlejohn 1986/87