Henry Koster: Von Berlin nach Hollywood

“The Rage of Hollywood” überschrieb der exilierte Filmjournalist Pem (Paul Marcus) das Kapitel über die Karriere von Henry Koster (eigentlich Hermann Kosterlitz) in seinem 1939 erschienenen Buch über die Theater- und Filmexilanten  Strangers Everywhere, in Anlehnung an die sophisticated comedy The Rage of Paris, die Henry Koster 1938 mit Danielle Darrieux und Douglas Fairbanks jr. für Universal gedreht hatte, denn die sensationelle Hollywood-Karriere des jungen Regisseurs war aus dem Stoff, aus dem Filmstories gemacht werden.

Film-Berlin (1905-1933)
Der 1905 in Berlin geborene Hermann Kosterlitz hatte nach einer Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker als Zeichner beim Trickfilm gearbeitet, war über das Verfassen von Zwischentiteln beim Stummfilm 1925 zum Drehbuchschreiben gekommen und wollte Regisseur werden. Der Film Fünf von der Jazzband (1932), den Kosterlitz nach dem Stück von Felix Joachimson geschrieben hatte, wurde zum Wendepunkt seiner Karriere: Bei seiner Arbeit als Regieassistent von Erich Engel beobachtete ihn Joe Pasternak, der von Carl Laemmle nach Berlin entsandte Produktionsleiter der Deutschen Universal. Er war begeistert von der Art, wie der junge Mann mit den Schauspielern arbeitete und versprach, ihn als Regisseur für seinen nächsten Film zu engagieren. Seine ersten Filme in Deutschland drehte Kosterlitz jedoch ohne Pasternak, doch noch vor der Premiere seines zweiten Films Das häßliche Mädchen mußte er 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen: “Ich habe den Film nie gesehen, denn in der Mitte der Dreharbeiten oder als ich beinahe fertig war, kam Hitler an die Macht, und ich mußte weg. Jemand anderes hat die letzten drei Tage für mich gedreht. Ich weiß aber, daß er ein Erfolg war, aber es war auch ein Skandal in Berlin, weil viele jüdische Schauspieler mitwirkten. Als der Film in Berlin herauskam, haben die Leute erst sehr gelacht, dann wurde die alte Technik angewandt, faule Eier zu schmeißen.”

Stationen des Exils (1933-1936): Paris, Budapest, Wien und Amsterdam
Kosterlitz emigrierte nach Paris, wo er jedoch nur schwarz als Drehbuchautor arbeiten durfte. “Ich konnte in Frankreich  nicht Mitglied der Regisseur-Gewerkschaft werden. Sie hatten Angst davor, daß die ausländischen Regisseure die ganze französische Filmindustrie übernehmen würden. Präsident der französischen Regisseur-Gewerkschaft war René Clair, und er weigerte sich, mich aufzunehmen.” Aber jetzt holte Joe Pasternak ihn nach Budapest, wohin er 1933 die deutsche Produktion der Universal verlegt hatte.  Peter  mit Franziska Gaal in einer Hosenrolle wurde der erste internationale Filmerfolg des Gespanns Koster(litz)-Pasternak. Nach drei weiteren Filmen in Budapest und Wien und einem Abstecher nach Holland, wo Kosterlitz 1935 die spritzige Komödie De Kribbebijter inszenierte, rief die Universal Pasternak zurück, der jedoch nicht ohne seinen Freund Bobby, wie Kosterlitz genannt wurde, fahren wollte: “Ich kabelte deswegen an Laemmle und er kabelte zurück: ‘Can Koster speak language?’ Die Antwort hätte eindeutig nein sein müssen, weil Uncle Carl zweifellos Englisch meinte. “He reads and writes perfectly” informierte ich ihn und meinte natürlich Deutsch. Was tut man nicht alles für einen talentierten Freund! Jedenfalls wurde ihm ein Ein-Jahres-Vertrag und mir ein Zwei-Jahres-Vertrag angeboten.”

Ein Star wird geboren: Hollywood 1936
Als Pasternak und der zum Henry Koster verwandelte Kosterlitz Anfang 1936 in Hollywood eintrafen, hatte Laemmle seine Universal zu einem Spottpreis verkaufen müssen, und das neue Management wollte die beiden loswerden: “Sie behandelten mich, als wäre ich irgendeine lästige europäische Landplage” erinnerte sich Koster, der gemeinsam mit Pasternak  auf  seinem Vertrag bestand und sich auf Rat seines Agenten täglich im Studio meldete, wo sie beide in Ermangelung eines Büros unter einem Baum an einer Filmstory arbeiteten. Um einen Prozeß zu vermeiden, gestatteten ihnen die Universal-Bosse schließlich, einen low-budget-Film nach ihrer eigenen Story zu drehen: Drei Töchter kitten die brüchig gewordene Ehe ihrer Eltern, ein leichtes Familienlustspiel mit Musikeinlagen, eine der Töchter sollte singen können. Der casting-director schlug ihnen vor, sich einen Testfilm mit zwei jungen Sängerinnen anzusehen, von denen MGM bereits eine, nämlich Judy Garland, unter Vertrag genommen hatte: “Es war eigentlich nur ein Gesangstest,” erinnerte sich Pasternak, “aber in dem Augenblick, in dem das Gesicht dieses Mädchens auf der Leinwand zu sehen war, setzten Bobby und ich uns unwillkürlich auf. Bobby sagte kein Wort, legte mir nur seine Hand auf die Schulter. Dieses Mädchen hatte eine Süße und Frische, sie war natürlich, sie war hübsch, und sie sang wunderbar und mit einer Kunstfertigkeit weit über ihr Alter hinaus.” Mit Three Smart Girls sang sich die erst fünfzehnjährige Deanna Durbin in die Herzen des amerikanischen Publikums, der sensationelle Erfolg des Films - in der Kürzel-Sprache von Variety ein “wow” und “sockeroo” -   rettete das Studio buchstäblich vor dem Bankrott, Koster und Pasternak erhielten langfristige Verträge, und bei Universal brach die Durbin-Ära an.

30 Jahre Filmregie in Hollywood
Koster lernte schnell Englisch mit Hilfe selbst ausgedachter Methoden, studierte die Filmproduktionsmetho¬den und den Geschmack des amerikanischen Filmpublikums, integrierte sich in das Hollywood-Studiosystem und wurde 1941 amerikanischer Staatsbürger. Er engagierte sich für gefährdete und weniger vom Glück begünstigte Flüchtlinge, bürgte für Affidavits, vermittelte berufliche Kontakte und gründete gemeinsam mit anderen prominenten Filmexilanten den European Filmfund, eine Hilfsorganisation für Naziflüchtlinge.
Bei Universal wurde er Deanna Durbins wichtigster Regisseur - er drehte bis 1942 sechs Filme mit ihr - und ihr Schauspiellehrer: “Ich probte bei ihr zuhause jeden Abend ihre Szenen. Ich zeigte ihr, wie sie lächeln mußte, und wie sie sich ärgern mußte, wie man sich plötzlich umdreht und wie Gesten und Bewegung heftig werden, wenn jemand erregt oder elektrisiert ist und wie man sich zurückhält, wenn man beeindruckt oder sanft ist. Jede ihrer Gesten im Film habe ich ihr in harter Arbeit beigebracht.”
Seine unkonventionellen Ideen mußte Koster trotz des ihm treu bleibenden Erfolgs stets gegen Widerstände des Studios durchsetzen. Seinen Plan, für Durbins zweiten Film  One hundred Men and a Girl Leopold Stokowski mit seinem  Philharmonischen Orchester zu engagieren, hielten die Univer-sal-Bosse für verrückt. “Das ist Musik für Intellektuelle, sagten sie mir. Kein Mensch in Amerika will diese Musik hören. Sie meinen Wagner und Beetho-ven? Das kann man hier nicht verkaufen.” Koster setzte sich durch, mußte aber Kompromisse schließen, z.B. bei der Szene, in der sich die arbeitslosen Musiker in Stokowskis Haus schleichen und Liszts “Ungarische Rhapsodie” spielen, um den widerstrebenden Maestro als Dirigenten zu gewinnen: “Zunächst spielen die Musiker allein, dann werden sie von Stokowski dirigiert. Nun war die gesamte Musik vorher aufgenommen und natürlich von Anfang an von Stokowski  dirigiert worden. Ich wollte es eigentlich so inszenieren, daß das Orchester zunächst schlecht spielt; es sollte so klingen, daß sie noch nicht richtig zusammenspielen, bis Stokowski sie dann dirigiert. Aber das wurde aus Kostengründen gestrichen, sie spielen von Anfang an gut und wenn er dann dirigiert, können sie auch nicht besser spielen. Solche Sachen können einem Regisseur das Herz brechen. Es ist wirklich ein Fehler in dem Film, daß die Musik immer gleich gut ist, egal ob er dirigiert oder nicht.”
Die Nazis neideten den Exilanten den Erfolg und verfolgten sie mit ihrem Haß. Auf der Titelseite einer Sonder-Nummer beschuldigte das antisemitische Hetzblatt  Stürmer 1938 Koster und Pasternak in widerlicher Weise der “Rassenschande”und forderte für sie die Todesstrafe (siehe Abbildung). Die rassistische Hetze sollte antisemitische Vorurteile in den USA schüren, gegen die Koster sich tatsächlich mehrfach wehren mußte, doch gelang es den Nazis nicht, seine Karriere zu stoppen: Mit insgesamt vierzig Filmen, die er bis zu seinem Rückzug vom Film 1966 für Universal, MGM, Sam Goldwyn und vor allem Twentieth Century Fox drehte, war Koster, der 1988 in Kalifornien starb, der kommerziell erfolgreichste Hollywood-Regisseur der deutschen Filmemigration. Die von ihm kreierte Mischung aus Musik, Humor, Witz, Gefühl und jugendlicher Frische in den Durbin-Filmen begründete eine neue Welle von Familienfilmen in Hollywood, denen jedoch der Koster-Touch fehlte, eine perfekte Balance zwischen Humor und Gefühl, eine geschmackvolle und sensible Regie,  technisch gesprochen eine Kombination einer aufgelockerten Inszenierung mit fließenden Kamerabewegungen, die Kosters Filmen Eleganz und Rhythmus verleihen. Die heitere Laune, die der psychologisch erfahrene Regisseur stets im Studio verbreitete, teilte sich auch seinen Filmen mit.
Kosters Filme verleugneten nicht seine europäische Herkunft: “First Love (1939) war tatsächlich ein modernes Remake von Aschenbrödel” und Spring Parade (1942) ein Remake der Filmoperette Frühjahrsparade von Robert Stolz: “Wir schrieben das Skript neu und veränderten es auch ziemlich. Da wir mit einem Fuß noch in Europa waren, war das das richtige Fressen für uns.” The Inspector General  (1949 mit Danny Kaye) war eine Filmadaption von Gogols Revisor und  der Napoleon-Film Desirée (1954 mit Marlon Brando) entstand nach dem Roman der exilierten Schriftstellerin Annemarie Selinko.
Wegen der ständigen Auseinandersetzungen mit dem kleinlichen front-office von Universal, folgte Koster 1943 Pasternak zu MGM, doch im Gegensatz zu seinem Freund fühlte Koster sich dort nicht wohl: “MGM war mehr Fabrik als Universal, die doch Freiräume ließen für die Persönlichkeit der Filmemacher, MGM dagegen ging keinerlei Risiko ein. Sie hatten für alles Spezialisten, einen Betreuer für dieses, einen Helfer dafür, eine Abteilung für jenes, mehr als irgend ein anderes Studio.”  Deshalb verließ er MGM nach nur drei Filmen und einigen unerfreulichen Erfahrungen, und inszenierte 1947 für Samuel Goldwyn The Bishop’s Wife, der ihm eine Oscar-Nominierung als bester Regisseur einbrachte und der neben der seltsamen Geschichte des unsichtbaren Riesenhasen Harvey, die er 1950 mit James Stewart für Universal drehte, einer seiner bekanntesten und heute noch oft im Fernsehen gezeigten Filme ist.

Der erste CinemaScope-Film
1952 bot ihm Twentieth Century Fox die Chance, mit The Robe den ersten CinemaScope-Film zu drehen. Das neue Format war für den passionierten Freizeitmaler Koster, dessen Inszenierung stark von der Malerei inspiriert war, eine inszenatorische Herausforderung: “Beim CinemaScope ist der Regisseur endlich von der Kamera befreit und hat die beispiellose Möglichkeit, seine Fähigkeit zur logischen und dramatischen Schauspielerführung zu beweisen. Man hat den Luxus der breiten Leinwand und kann trotzdem fast ständig mit Nahaufnahmen arbeiten, aber nicht etwa nur mit Nahaufnahmen einer einzigen Person, sondern von zwei, drei oder einem halben Dutzend zur gleichen Zeit.”
Seine gestalteri¬schen Qualitäten und die historisch fundierte Be¬handlung des  Themas, heben The Robe weit über das Niveau üblicher Hollywood-Bibelfilme.  Koster setzte die wichtigsten Gründe der römischen Christenverfolgung exakt ins Bild und schilderte den bruchlosen Übergang von Juden- zur Christenverfolgung. Bei dem Pogrom der römischen Soldateska gegen die jüdischen Anhänger Christi in Kanaan werden Assoziationen zur nationalsozialistischen Judenverfolgung wach, denn Koster aktualisierte den Kampf von Menschen unterschiedlicher Klassen und Nationen für ihre Glaubensfreiheit gegen die diktatorische Herrschaft des römischen Kaisers und zog deutliche Parallelen zur Verteidigung des amerikanischen Freiheitsideals im 2. Weltkrieg gegen Japan und Nazi-Deutschland. An die nationalsozialistische Judenverfolgung erinnerte Koster auch 1960 in The Story of Ruth, einer außerordentlich differenzierten Studie jüdischen Glaubens und jüdischer Gesetze.

A Man Called Peter
Obwohl er Filme in vielen Genres gedreht hat, schätzte Koster besonders seine zeitgenössischen Komödien. Als seinen wichtigsten Film betrachtete er A Man Called Peter (1955), die Film-Biographie des aus Schottland stammenden presbyterianischen Geistlichen Peter Marshall. Koster war fasziniert von¬ Marshall, bei dem sich Intellektualität mit naiver Frömmigkeit mischte und dessen Forderungen nach wahrem Glauben, Liebe, Brüderlichkeit und sozialer Gerechtigkeit Kosters eigenem Credo entsprachen, der gegen die Einwände des Studios Marshalls Predigten ungekürzt drehte. Durch subtilen Einsatz filmischer Mittel gelang es ihm und dem Schauspieler Richard Todd, Marshalls Charisma und seine dogmenfreie Botschaft eindrucksvoll zu vermitteln und¬¬¬¬ ihn als Vorbild für Menschen aller  Konfessionen zu porträtieren.

Hollywood und die deutschen Emigranten
Gefragt nach dem Einfluß der europäischen Filmemigranten auf Hollywood, antwortete Koster: “Der Einfluß der Hollywood-Studios auf die europäischen Filmemacher war größer als umgekehrt. Nur Lubitsch hatte einen direkten Einfluß auf die amerikanische Filmproduktion.” Die bescheidene Antwort ist typisch für Koster, der nie aufhebens um die eigene Person machte, doch wird sie der eigenen Leistung und Bedeutung nicht gerecht. Nicht nur zählten seine Durbin-Filme in künstlerischer und geschäftlicher Hinsicht zu den wichtigsten Produktionen von Universal,  Koster importierte eine Variante des europäischen Musicals nach Hollywood und adaptierte es für den Geschmack des amerikanischen Publikums, er popularisierte die klassische Musik im Unterhaltungsfilm, und seine Filme wurden für zahlreiche Stars Karrieresprungbretter - darunter z.B. Richard Burton. Henry Koster hat Maßstäbe für die Regie gesetzt und kommerzielle Filme auf höchstem Niveau inszeniert. Ästhetisch reizvoll gestaltet, haben seine Werke dem großen Kinopublikum ethische und humanitäre Werte auf leichte und unterhaltsame Art vermittelt, sie haben nicht nur  “Hollywood unendlich bereichert”.    
Die Zitate stammen aus:
Henry Koster. Interviewed by Irene Kahn Atkins. A Directors Guild of America Oral History. Metuchen, N.J. and London 1987
Joe Pasternak: Easy the Hard Way. New York 1956
Cornelius Schnauber: Henry Koster - sensibel und genau. In: Neue Zürcher Zeitung v.19.7.1984
Erstveröffentlicht unter dem Titel: The Rage of Hollywood. Ein Stoff für Filmstories: Henry Koster in Hollywood. In: film-dienst H.14/1999, S.40-43.