Ein Film gegen die Arbeitslosigkeit: „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ (1932)
Eine Zeitungsnotiz über den Selbstmord eines jungen Arbeitslosen, der seine Armbanduhr abgelegt hatte, bevor er sich aus dem Fenster stürzte, regte den jungen bulgarischen Theater- und Filmemacher Slatan Dudow an zu einem Film über die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland als Folge der Weltwirtschaftskrise. Für seine Idee interessierte er Bertolt Brecht, dessen Mitarbeiter Dudow seit 1929 war, und die kommunistische Filmgesellschaft Prometheus. Gemeinsam  verfassten Brecht und Dudow ein Exposé, in dem als 1. Episode der Selbstmord unter dem Titel „Ein Arbeitsloser weniger“ dargestellt ist, auch die 2. Episode „Das schönste Leben eines jungen Menschen“ zeigt wie später im Film die Exmittierung der Familie, den Umzug in die Zeltsiedlung „Kuhle Wampe“ und die Verlobungsfeier, deren Ausarbeitung auf Brechts frühem Stück „Die Hochzeit“ basiert.
Während Dudow, Brecht und der hinzugezogene kommunistische Schriftsteller Ernst Ottwalt im Sommer 1931 am Drehbuch „Weekend – Kuhle Wampe“ arbeiteten, verschärfte sich in Deutschland die Wirtschaftskrise mit ihren verheerenden Folgen für Millionen Menschen. Schon zu Beginn des Jahres war die Zahl der Arbeitslosen auf fünf Millionen gestiegen, im Juli brachen mehrere Banken zusammen und die Schalter von Sparkassen und Banken wurden vorübergehend geschlossen. Die Aktualität ihres Films betonten die Autoren, das Drehbuch beginnt mit einer polemischen Montage: auf Bilder von luxuriösen Schaufenstern mit Delikatessen folgen Zeitungsartikel mit den aktuellen Arbeitslosenzahlen vom Jahresbeginn 1931. Diese Polemik ist im Film zurückgenommen, an Stelle der Schaufensteraufnahmen sieht man das Brandenburger Tor, dann folgen Bilder von Fabriken, Häusern und Hinterhöfen, bevor die Zeitungsmeldungen zum Thema Arbeitslosigkeit überleiten. Die Arbeitslosen warten auf die Zeitung mit Arbeitsangeboten, dann beginnt die  ebenso verzweifelte wie vergebliche Jagd nach Arbeit - eine eindringlich gefilmte und montierte stumme Sequenz, nur begleitet von Hanns Eislers stark rhythmisierter Musik, die die Fahrräder anzutreiben scheint.  
Diese Anfangsszene war Ende Mai 1932, als „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt“ zehn Monate nach Beginn der   Dreharbeiten im August 1931 endlich in die Kinos gelangte, noch viel aktueller geworden, inzwischen waren die Arbeitslosenzahlen auf über sechs Millionen gestiegen und durch Notverordnungen hatten die Menschen einschneidende Kürzungen hinnehmen müssen.
Auch der Film selbst war in den Strudel der Wirtschaftskrise und der sich verschärfenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen geraten.
Weil die Prometheus Mitte 1931 bereits in Schwierigkeiten war, mussten die Dreharbeiten wegen Geldmangels mehrfach unterbrochen werden, auch konnten mehrere im Drehbuch vorgesehene Szenen vermutlich aus diesem Grund nicht gedreht werden und ohne den unentgeltlichen Einsatz der 4000 Arbeitersportler hätte das proletarische Sportfest gar nicht gedreht werden können. Auch mussten die Filmemacher einen Eigenanteil von 50.000 RM aufbringen, die der Produktionsleiter Georg Höllering von einem reichen Privatmann erhielt, der ursprünglich im Film mitwirken wollte. Die prekäre Lage der Prometheus nutzten die Filmemacher zu ihrem Vorteil: Sie setzten einen Vertrag durch, “der uns, die Hersteller, zu den Urhebern im rechtlichen Sinn machte. Dies kostete uns den Anspruch auf die übliche feste Bezahlung, verschaffte uns aber beim Arbeiten sonst unerlangbare Freiheiten.“ wie Brecht später schrieb. Die Filmproduktion von „Kuhle Wampe“ war somit ein experimentelles Gegenmodell zu dem in der Filmindustrie üblichen  Verfahren der „Umschmelzung geistiger Werte in Waren“, gegen das Brecht gerade vergeblich  im  „Dreigroschenprozess“ protestiert und prozessiert hatte.
Diese Freiheit ermöglichte es dem Filmkollektiv in „Kuhle Wampe“ Brechts Idee vom „nicht-aristotelischen“ Film verwirklichen, denn nach der Auseinandersetzung um den “Dreigroschenoper”-Film  hatte Brecht “Vorschläge zur besseren Verwendung der Apparate im Interesse der Allgemeinheit” entwickelt. Ähnlich wie für das epische Theater lehnte er auch im Film Einfühlung, psychologische Motivierung und individuelle Charaktere ab, und forderte stattdessen Montage, Autonomie der einzelnen Szenen, Unterbrechung der Handlung und Reflexion durch Einsatz von Songs. Die Schauspieler sollten Distanz zu den dargestellten Charakteren halten, denn der Film müsse “einfach bereitstehende Typen” verwenden, “die in bestimmte Situationen kommen und in ihnen bestimmte Haltungen einnehmen können.” An der Verwirklichung seiner Vorschläge hat Brecht intensiv bei den Dreharbeiten mitgewirkt, Höllering erinnerte sich, dass Brecht häufig mit den Schauspielern probte, bevor Dudow und der Kameramann Günther Krampf die Szenen drehten.  
„Kuhle Wampe“ hat keine durchgehende Handlung und keine Identifikationsfiguren, obschon man einigen Protagonisten im Verlauf des Films mehrfach begegnet. Der Film besteht „aus vier selbständigen Teilen”, die nur lose miteinander verbunden sind. Die erste Episode schildert die Jagd nach der Arbeit und den Selbstmord des jungen Arbeiters Bönike; in der zweiten Episode werden die kleinbürgerlichen Verhältnisse in der Zeltsiedlung Kuhle Wampe und die Verlobung von Anni (Hertha Thiele) und Fritz (Ernst Busch) dargestellt; das proletarische Sportfest in der 3. Episode „Wem gehört die Welt?“ hat eindeutig politischen und klassenkämpferischen  Charakter, wie Brecht betonte, was u.a. durch den Auftritt der Berliner Agitprop-Gruppe „Das Rote Sprachrohr“ unterstrichen wird. Im letzten Teil, der Heimfahrt vom Sportfest in der S-Bahn, fordern die Arbeitersportler in der Diskussion mit älteren Fahrgästen, die unterschiedliche politische Positionen vertreten, die Welt zu verändern. Ihre Forderung  bekräftigt das zum Filmschluss von Busch und dem Berliner Arbeiterchor gesungene „Solidaritätslied“ von Brecht und Eisler, mit dem auch die Zuschauer zum solidarischen Handeln aufgefordert werden.
Als etwa 10% des Films noch gedreht werden mussten, machte die Prometheus Ende 1931 Pleite: „Das Labor weigerte sich, noch irgendetwas für uns zu tun. Die Schneideräume, alles war für uns geschlossen.“ erinnerte sich Höllering, der dem in Berlin weilenden Schweizer Produzenten Lazar Wechsler das bis dahin gedrehte Material vorführte und der daraufhin mit seiner Praesens-Filmgesellschaft alle weiteren Kosten übernahm. „Kuhle Wampe“ wurde im Februar 1932 fertig gestellt und der Zensurbehörde vorgeführt, die den Film Anfang März 1932 prompt verbot - was bei einem Film, der sich nicht mit der Schilderung der sozialen Verhältnisse begnügte, sondern Partei ergriff und den Zuschauer zur Veränderung eben dieser Verhältnisse aufrief, nicht überraschen kann. „Kuhle Wampe“ enthalte „zweifellos eine kommunistische Tendenz“ stellte das Ministerium ganz zu Recht fest und sei um so gefährlicher, als diese „nicht so grob und stark aufgetragen“ sei, außerdem wirke der Film „in wesentlichen Teilen entsittlichend“ – gemeint war eine harmlose Nacktbadeszene  und ein Kondomwerbung - und sei überhaupt geeignet „die öffentliche Sicherheit und Ordnung und lebenswichtige Interessen des Staates“ zu gefährden. Auch in der Berufungsverhandlung, an der Brecht, Dudow und Ottwalt teilnahmen, bestätigte die Oberprüfstelle das Verbot, erst nach massiven öffentlichen Protesten und der Kürzung einiger beanstandeter Szenen und Inserts, wurde „Kuhle Wampe“ endlich freigegeben, die Uraufführung fand im Mai 1932 in Moskau statt.
Dort stieß der Film auf völliges Unverständnis, denn für die russischen Zuschauer war ein Arbeitsloser, der ein Fahrrad und eine Uhr besaß, ausgesprochen wohlhabend. Die Berliner Erstaufführung im „Atrium“ war dagegen ein Erfolg, in der ersten Woche sahen bereits 14.000 Besucher den Film und die Praesens startete „Kuhle Wampe“ in weiteren 15 Berliner und zwei Hamburger Kinos.
Doch hat dieser bedeutendste proletarische Spielfilm der Weimarer Republik trotz auch internationaler Anerkennung, keine Wirkung entfalten und auch keine Nachfolger finden können, denn nicht einmal ein Jahr später wurde der Film im März 1933 von den Nazis endgültig verboten. Fast alle Mitglieder des Filmkollektivs und mehrere Schauspieler mussten ins Exil fliehen: der Produzent und Gründer der Prometheus, Willi Münzenberg, die Autoren Brecht und Ottwalt, der Regisseur Dudow, der Komponist Eisler, der Produktionsleiter Höllering, der Kameramann Günther Krampf, die Schauspieler Ernst Busch, Hertha Thiele und Helene Weigel sowie die Kleindarsteller Erwin Geschonnek, Hermann Krehan und Fritz Erpenbeck.
Damit markiert „Kuhle Wampe“ auch das gewaltsame Ende der proletarischen Spielfilmarbeit in der Weimarer Republik, für deren „Verstärkung und Verbreitung“ Münzenbergs Prometheus bei ihrer Gründung 1925 angetreten war.

Erstveröffentlicht unter dem Titel: Ein Film gegen die Arbeitslosigkeit: Vor 80 Jahren wurde „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ fertig gestellt. In: Film-Dienst, H. 3/2012, S. 18 – 20