Zum 40. Todestag Fritz Kortners am 22. Juli 1970

Bereits in der Weimarer Republik hatte Fritz Kortner sich als Schauspieler in Arthur Schnitzlers Drama "Professor Bernhardi" (1930/31) und als  Dreyfus in Richard Oswalds gleichnamigem Film und durch öffentliche Stellungnahmen gegen den zunehmenden Antisemitismus und die erstarkenden Nationalsozialisten engagiert,  die ihn in übelster Weise attackierten und verleumdeten und ihn als einen ihrer Hauptfeinde verfolgten. Zu seinem Glück trat Kortner  einen Tag nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler eine Theatertournee nach Skandinavien an, von der er nicht mehr nach Nazi-Deutschland zurückkehrte. Über Wien und Paris exilierte er mit seiner Familie 1934 nach England.
Trotz aller Schwierigkeiten, die das Exil mit sich brachte und obwohl er zunächst die englische Sprache lernen musste, setzte Kortner seinen Kampf gegen die Nazis in der Emigration unvermindert fort, denn gleich vielen anderen Exilanten sah er als eine Verpflichtung, über die Gefährlichkeit der Nazis aufzuklären. Anders als heute, da es wohlfeile Mode ist, Anti-Nazi-Filme zu produzieren, war es in Zeiten der Appeasement- und Neutralitätspolitik nicht möglich, Nazi-Deutschland im Film offen zu kritisieren. Deshalb wichen die Filmexilanten auf historische Themen aus, bei denen sie Parallelen zum faschistischen Deutschland als Konterbande einschmuggeln konnten.

Porträt eines Diktators: Abdul the Damned

Der von dem exilierten Regisseur Karl Grune inszenierte Film Abdul the Damned (1934/35) schilderte die Schreckensherrschaft des türkischen Sultans Abdul Hamid. Kortner hatte am Drehbuch mitgeschrieben und stellte in der Titelrolle Hamid als psychopathischen Despoten dar mit deutlichen Verweisen auf Hitler, was dem ebenfalls exilierten Filmkritiker Erich Kaiser nicht entging. In seiner Kritik im Pariser Tageblatt  betonte er, dass "dieser Film dem Nachdenklichen interessante Vergleichsmöglichkeiten" biete und die Terrormethoden Abdul Hamids "inzwischen in einigen 'Kulturstaaten' heimisch geworden" seien.   
Weil seine Arbeitsmöglichkeit in England durch die erpresserische Filmpolitik der Nationalsozialisten zunehmend eingeschränkt wurde und er auch einen Krieg befürchtete, emigrierte Kortner 1937 weiter in die USA, wo er zehn Jahre lang in New York und in Hollywood als Autor, Schauspieler und Regisseur für Theater und Film arbeitete.

Memory of a Hero: Antifaschistische Biopic-Treatments

Auch Kortners erste amerikanische Filmstories waren historisch-biographische Treatments über den tschechischen Präsidenten und Staatsgründer Tomas G. Masaryk und Ludwig van Beethoven. Beide Skripte schrieb er für Paul Muni, den Star von Warner Bros., der gerade große Erfolge in den von William Dieterle inszenierten Biopics über Louis Pasteur und Emile Zola feierte.  
In "The Father of his Country", das Kortner gemeinsam mit dem  exilierten Schriftsteller Bruno Frank verfasst hatte, stellten sie den 1937 gestorbenen Masaryk als wahren Demokraten den faschistischen Diktatoren Hitler, Mussolini und Franco gegenüber. Der Film sollte zeigen, dass nur der Sieg über die Mittelmächte die Gründung des demokratischen tschechischen Staats 1918 ermöglicht hatte und damit die Amerikaner von der Notwendigkeit des Kampfs gegen den Faschismus überzeugen. Obwohl Muni an der Masaryk-Rolle sehr interessiert war, lehnte das Studio den Kauf ab, vermutlich weil das Skript sich zu direkt in die aktuellen politischen Geschehnisse in Europa einmischte.
Mehr Glück hatte Kortner mit seinem Beethoven-Filmskript "Memory of a Hero" ,  das Warner Bros im Mai 1938 für 10.000 $ erwarben und das Dieterle mit Muni in der Hauptrolle verfilmen wollte. Im Mittelpunkt des umfangreichen, bereits mit Dialogen und kinematographischen Details versehenen Treatments steht Beethovens Kritik an dem Diktator Napoleon, wobei Kortner es an eindeutigen Parallelen zur Gegenwart nicht fehlen ließ. So jubelt die Menge Napoleon bei seinem Einzug in Wien mit "Heil"- Rufen zu und während eines Konzerts der ursprünglich ihm gewidmeten "Eroica" träumt Napoleon von einer Invasion Russlands, die in Überblendungen gezeigt wird. Beethoven wird durch seine Gegnerschaft zu Napoleon zum geächteten Außenseiter und zieht sich in eine innere Emigration zurück, doch seine Musik wird zum Synonym für Freiheit und Kampf gegen jede Diktatur, wie die Schlusssequenz unterstreicht. Zu Klängen der 9. Sinfonie zeigt eine Karte Europas, dass die Länder wieder befreit sind von der Herrschaft Napoleons, dann wird überblendet zu einem zeitgenössischen Orchester und Chor, den der berühmte Maestro und engagierte Antifaschist Arturo Toscanini dirigieren sollte. Der Film endete mit der Ode an die Freude  und Bildern von “people of all races, nations and colors listen to it over their radios at home”.
Mit diesen beiden Filmskripten setzte Kortner die antifaschistische Tendenz der Biopics über Louis Pasteur und Emile Zola fort. Seine Filmbiographie Beethovens sollte ein historisch verkleideter antifaschistischer Film werden. Doch trotz jahrelanger Vorarbeiten wurde er schließlich nicht realisiert.

Als Drehbuchautor und Schauspieler gegen die Nazis

Im Zweiten Weltkrieg engagierte sich Kortner als Autor und Schauspieler gegen die Nazis. Er schrieb zahlreiche  Anti-Nazi-Theaterstücke und -Filmstories. Sein mit Carl Zuckmayer verfasstes Stück "Somewhere in France", das 1941 in Washington D.C. aufgeführt wurde, war ein Appell an die amerikanische Öffentlichkeit, sich am bewaffneten Kampf gegen Nazi-Deutschland zu beteiligen.  Er trat bei antifaschistischen Veranstaltungen auf und seine Lesung aus Brechts "Kriegsfibel" im November 1941 im German-Jewish Club von 1933  fand selbst der kritische Brecht  "meisterhaft".
Auch in seiner ersten Hollywood-Filmrolle 1943 verkörperte Kortner Nazi-Gegner. In The Purple V, an dessen Drehbuch auch der exilierte Autor Curt Siodmak mitgearbeitet hatte, spielte er den deutschen Professor Thomas Forster, der ebenso wie seine beiden erwachsenen Kinder gegen die Nazis ist. Als der über Deutschland abgesprungene englischer Luftwaffenpilot Jimmy Thorne, ein früherer Schüler Forsters, sich bei ihm versteckt, verhilft er ihm und seiner Tochter zur Flucht und opfert dabei sein Leben. Das Branchenblatt Variety lobte Kortners Darstellung als “Outstanding" und schrieb "Kortner is convincing as the friend, philosopher and sage who eventually dies in the fight against the new German order.”
Anders als viele seiner exilierten Kollegen, die serienweise Nazi-Schergen darstellen mussten, spielte Kortner nur eine einzige Nazi-Rolle in Hollywood. In dem Film The Hitler Gang (1943/1944), der den Aufstieg des Nationalsozialismus schildert und dabei die verhängnisvolle Rolle des Militärs betont, verkörperte er Gregor Strasser. Kortner charakterisierte ihn als Antipoden Hitlers. Er versuchte, der historischen Person Strasser gerecht zu werden, der mit dem von ihm vertretenen sozialistischen Programm zeitweise Hitlers größter Konkurrent in der NSDAP war und der während der Parteisäuberungen 1934 ermordet wurde. Der exilierte Journalist Manfred George bescheinigte dem Film in der deutsch-jüdischen Wochenzeitung Aufbau “einen wirklich erzieherischen und aufklärerischen Wert.”

The Strange Death of Adolf Hitler

Obwohl Kortner mehrere Filmskripte an die Studios verkaufen konnte, wurde nur The Strange Death of Adolf Hitler 1943 in Hollywood verfilmt. Die Story hatte er gemeinsam mit dem exilierten Regisseur Joe May geschrieben und das Drehbuch verfasst. Er selbst spielte darin  den Widerstandskämpfer Karl Bauer.
Die Handlung verbindet politische Ereignisse mit einem Familienmelodram: Der kleine Wiener Beamte Franz Huber, der Hitler - die Doppelrolle spielte der exilierte Schauspieler Ludwig Donath - perfekt imitieren kann, wird denunziert, von der Gestapo verhaftet, nach Berlin verschleppt und durch eine plastische Operation zu einem Double des Führers gemacht, den er in der Öffentlichkeit vertreten soll. Seiner Frau wird mitgeteilt, er sei wegen Hochverrats erschossen worden. Verzweifelt über den Verlust ihres Mannes plant sie Hitler bei einem Besuch in Wien zu töten. Bei ihrem Attentat erschießt sie jedoch unwissentlich ihren Mann, der Hitler vertritt und  wird selbst von der SS erschossen. Der richtige Hitler zeigt sich der Menge und verkündet die Fortsetzung des Kriegs gegen Russland.  
Kortner wollte das amerikanische Publikum über die terroristischen Methoden der Nazis aufklären. Er zeigte, wie die Jugend in Nazi-Deutschland verführt und zum Kampf bis in den Tod erzogen wird; er prangerte den Missbrauch der Frauen an, die von den Nazis zu Gebärmaschinen erniedrigt werden und als unbezahlte Prostituierte sexuelle Dienste für Soldaten leisten müssen und er betonte die Mitschuld der bürgerlichen Gesellschaft und vor allem des deutschen Militärs am Aufstieg Hitlers und der Nazis.
Dem von ihm gespielten Widerstandskämpfer Karl Bauer legte Kortner seine eigenen politischen Einsichten in den Mund. Bauer versucht, Anna Huber das Attentat auszureden, denn nur mit der Beseitigung Hitlers war nach Kortners/Bauers Überzeugung nichts gewonnen: “Suppose he were dead, what difference would it make - - we have as many Hitlers as we have generals, officers and the like - - and the generals, left to their own decisions, might have won the war - - he won’t. There is only one answer - - they’ve all got to go."
Der Widerstandskämpfer Bauer sollte den Amerikanern aber auch zeigen, dass nicht alle Deutsche Nazis waren, sondern dass die Antifaschisten sich vorbereiteten auf den Tag X, um sich mit den alliierten Truppen im Kampf gegen die Nazis zu verbünden.

Gegen Judenverfolgung und Antisemitismus  in Hollywood

In Hollywoods Anti-Nazi-Filmen der 40er Jahre wurde die nationalsozialistische Judenverfolgung bis auf wenige Ausnahmen nicht  dargestellt, umso bemerkenswerter ist, dass Kortner schon 1942 sich des Themas annahm.
In seinem Treatment "For the Sake of God" spioniert ein Nazi-Leutnant als Jude getarnt für die Nazis, er wird versehentlich verhaftet und in ein KZ eingeliefert. Dort erfährt er die Leiden der jüdischen Häftlinge, solidarisiert sich mit ihnen und wandelt sich zum Nazi-Gegner. Nachdem seine Identität geklärt ist, kommt er wieder frei und schließt sich dem Widerstand an.
1946 griff Kortner das Thema wieder auf, in seiner Filmskizze "Jud Suss" behandelt er den faschistischen Hetzfilm Jud Süss und den Hauptdarsteller Ferdinand Marian. Kortner charakterisiert Marian als “great actor” der kein Nazi gewesen sei, sondern durch Erpressung gezwungen wurde, die Rolle zu spielen und er schildert den moralischen Abstieg Marians, der schließlich an seiner Schuld zerbricht. Nach Kriegsende lässt er sich Bart und Haar wachsen, damit er jüdisch aussieht um nun der Verfolgung durch überlebende KZ-Häftlinge zu entgehen. Dabei verbindet Kortner das Thema des Identitätswechsels mit dem klassischen Schauspiel-Thema von Schein und Sein. Der Schauspieler, der gezwungen wurde, im Film einen Juden zu spielen, muss sich im wirklichen Leben in einen Juden verwandeln, um der Verfolgung durch die Nazi-Opfer zu entgehen.
Die knappe Skizze ist bereits kurz nach Marians tödlichem Autounfall im August 1946 entstanden. Kortners Quelle waren vermutlich briefliche Mitteilungen von deutschen Freunden, mit denen Kortner nach Kriegsende wieder in Verbindung stand.
Zwar wurden auch diese Stories nicht verfilmt, doch spielte Kortner selbst 1947 in Hollywood einen Juden:  in dem Film The Vicious Circle, der den berüchtigten Ritualmordprozess von Tisza-Eszlar 1882/83 behandelte, stellte er den Hauptangeklagten Joseph Schwartz dar. Inszeniert wurde der Film von William Lee Wilder, dem älteren Bruder Billy Wilders. Die Vorlage war das erfolgreiche Theaterstück "The Burning Bush" der emigrierten Autoren Heinz Herald und Geza Herczeg, das sich eng an die historischen Fakten hält und den Antisemitismus scharf anprangert. Der Film jedoch wich davon ab "entsprechend den Forderungen und Begrenzungen des Films", wie es in einem Insert hieß und entschärfte das Thema. Aus der Ritualmord-Anklage, "mit dem die Antisemiten agitieren, um die Stimmung in der Bevölkerung zu verpesten und die Juden eines denkbar schändlichsten Verbrechens zu überführen"  wird im Film eine gewöhnliche Mordanklage: "Damit hat man daraus einen ganz gewöhnlichen und nicht einmal guten Kriminalfilm gemacht, der dem Kampf gegen Antisemitismus und Ritualmordmärchen nur abträglich ist." empörte sich der Filmkritiker Karl Hellmer im Aufbau. Kortners Darstellung des Hauptangeklagten Joseph Schwartz als “still-ergebenen Juden” hob Hellmer jedoch ebenso positiv hervor wie den exilierten Schauspieler Reinhard Schünzel, der einen "fanatisch-besessenen Antisemit"  spielte.
Das Thema ließ Kortner nicht los. Sein erster deutscher Nachkriegsfilm nach seiner Rückkehr befasste sich mit dem Antisemitismus nach Hitler. In dem von ihm geschriebenen Film Der Ruf (1949, Regie: Josef von Baky), spielte er selbst die Hauptrolle, den Philosophie-Professor Mauthner, der aus dem amerikanischen Exil an seine alte Universität zurückkehrt und auf massive antisemitische Vorurteile stößt. Unter Berufung auf aktuelle Vorkommnisse "wurde behauptet und dargestellt, dass unter der nachhitlerschen Studentenschaft die antijüdischen Überzeugungen noch immer höchst viril wären" schrieb Kortner rückblickend über den Ruf, der vom deutschen Kinopublikum vehement abgelehnt wurde, obwohl Kortner keineswegs anklagen oder verurteilen, sondern vielmehr "aufklären, berichtigen, um Verständnis werben" wollte. Es traf es ihn tief, dass sein Film "abgedrosselt" wurde und noch 1965, als er schon als bedeutendster Regisseur des deutschen Nachkriegstheaters anerkannt war, resümierte er wehmütig-skeptisch: "Mit dem so erreichten schlechten Ruf wurde der unsichere Grund für mein Zuhause im Neu-Deutschland gelegt."
Helmut G. Asper