Anlässlich der Wiederaufführung bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin 2002.
Erstveröffentlicht in Film-Dienst, H.6/2002, S. 41 – 43.

Einer der eindrucksvollsten Anti-Kriegsfilme ist Chaplins “The Great Dictator” für Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der Chaplins humanistische Botschaft  “Ich möchte weder herrschen, noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Schwarzen, den Weißen. Jeder Mensch sollte dem anderen helfen...” gerade in unserer von Terror, Hass und Kriegen geschüttelten Gegenwart für besonders wichtig hält - und deshalb die neu vom Originalnegativ gezogene  Kopie von “The Great Dictator” als Abschlussfilm des Festivals in einer großen Galapremiere präsentiert hat, mit Geraldine Chaplin, der ältesten Tochter aus Chaplins Ehe mit Oona O’Neill, als Ehrengast.
Und in der Tat erweist sich beim Wiedersehen, dass Chaplins Film nichts von seiner Komik, seiner satirischen Kraft und seinem Widerstandspotential gegen Krieg und Diktatur verloren hat. Schon in den im 1. Weltkrieg spielenden Anfangsszenen rückt Chaplin bei aller Komik auch die Schrecken des Krieges ins Bild, wie er später eindringlich die Schrecken des Faschismus und der Judenverfolgung darstellt: Beim Einmarsch in Osterlich wird ein Jude von einem Sturmtrupp-Mann erschossen, weil er sich zur Wehr setzt, Geschäfte und Häuser werden geplündert und verwüstet, ein alter Jude muss mit einer kleinen Bürste auf Knien die Straße säubern: Chaplin hatte die Berichte über die Reichspogromnacht und über den Einmarsch in Österreich sehr genau studiert!
Mögen heute diese Bilder angesichts der späteren Auschwitzgreuel als verharmlosend erscheinen, so muss daran erinnert werden, dass Chaplin damals der erste war, der im amerikanischen Film die nationalsozialistische Judenverfolgung überhaupt dargestellt und beim Namen genannt hat. Als er 1939 mit den Dreharbeiten begann, wurde er nicht nur von amerikanischen Nazi-Organisationen wie dem German-American Bund angegriffen, sondern hatte auch große Widerstände der Hollywood-Filmindustrie, des Hays Office und der amerikanischen Regierung zu überwinden, die sich alle durchaus nicht auf eine Konfrontation mit dem faschistischen Deutschland einlassen mochten.

Beim Wiedersehen fällt auch auf, dass Chaplin das faschistische Tomania  (von “ptomaine" = Leichengift) deutlich als modernen Staat charakterisiert, in dem die Technik und neue Erfindungen (den Fallschirm-Erfinder, der mit “Hail Hynkel” in den Tod springt, spielt übrigens der exilierte deutsch-jüdische Schauspieler Sig Arno) eine wesentliche Rolle spielen, wobei die Maschinen vor allem für den Krieg eingesetzt und moderne Massenmedien wie der Rundfunk als Propagandainstrument genutzt werden. Die Reden des Diktators Hynkels werden vom Rundfunk übertragen, über den auch die Ankündigung des Pogroms erfolgt. Durch die sogar im Ghetto aufgestellten Lautsprecher -  Chaplin kannte offenbar Berichte über die Versuche mit den Reichslautsprechersäulen, die auf allen öffentlichen Plätzen im “Dritten Reich” aufgestellt werden sollten - ist der Diktator allgegenwärtig. Hochtechnisiert ist sogar der private Friseursalon Hynkels  mit den hydraulisch verstellbaren Stühlen - ganz im Gegensatz zum eher ärmlichen Laden des jüdischen Friseurs, wie überhaupt das Ghetto ganz anachronistisch als kleines jüdisches Stetl  dargestellt ist und im krassen Gegensatz steht zu den pompös-gewaltigen Bauten des tomanischen Staates.
Dieses Ghetto mit Haus und Hof der Familie Jaeckel als Zentrum, schildert Chaplin als funktionierende soziale Einheit, in der alle füreinander einstehen. Jaeckel hat die elternlose Hannah aufgenommen, deren Vater als tomanischer Soldat im Krieg gefallen ist (ursprünglich plante Chaplin, den Film anzufangen mit der Rückkehr jüdischer Soldaten ins Ghetto, die im Weltkrieg für Tomania gekämpft hatten) und die als jüdisches Mädchen keine Arbeit bekommt. Dennoch hängt sie, wie alle Bewohner des Ghettos, trotz aller Schikane und Verfolgung an ihrer Heimat, und hofft immer noch, dass man sie dort weiter leben lässt und sie flieht erst mit den Jaeckels nach Osterlich, als das Ghetto abgebrannt und zerstört wird.
Auch der jüdische Friseur, der mehrfach von den “Storm-Troopers” überfallen, gedemütigt  und beinahe gelyncht wird, will trotzdem bleiben und da er als Barbier kaum mehr etwas verdienen kann, weil seine Kunden großteils verhaftet und im KZ sind, will er auch Frauen frisieren, um Geld zu verdienen und Hannah, zu der er eine  zarte und scheue Liebe entwickelt, heiraten zu können.
Als “double- cross” (=betrügen)-Diktator Adenoid (=Nasenpolypen) Hynkel ist Chaplin auch heute noch nicht nur unwiderstehlich komisch - “If we can’t  some-
times laugh at Hitler then we are further gone than we think” schrieb Chaplin in einer Verteidigung seiner Satire 1940 in der New York Times -, sondern er entlarvt in seiner grotesken Rede Hitlers brutale Hysterie sowie dessen Ideologie und propagandistische Methoden:  “Ah - und de Aryan - und de Aryan maiden - ah - de Aryan maiden - ah the delicatessen mit de shayn - und tha flaxen mit des stresses - ah - und do Holstien mit tha muss - ay the muss, for tha kinder Katzenjamer - tha Katzenjamer mit tha utten, zecta, feeten, fighten, footen, fighten, foughten, utten, sect. Und now, tha Jewdan - tha Jewdan - und da striff mit the Jewdan - ay tha flutzen sect eida,mit da Jewdan - ay tha flutten zacta flairten - und da stragulation mit da ulten zecta flayten - und da blaitzen zacta ailden berzick, berzack - da Jewdan - ooh tha Jewdan.”
Bei der Ankündigung des Pogroms wird Hynkels Gesicht nur in Großaufnahme gezeigt, es ist die barbarische Fratze des wildgewordenen Kleinbürgers, als den Chaplin Hitler durchgehend charakterisiert. Der größenwahnsinnige Parvenü  posiert narzisstisch vor Künstlern, bringt sich mit Musik in Stimmung, fällt in sexueller Gier über eine Sekretärin her, sein Bild beherrscht  überlebensgroß öffentliche Plätze und er tanzt zu Wagner-Klängen einen erotisch-grotesken pas seul mit der Weltkugel, die schließlich zerplatzt. Dem dialektischen Aufbau des Films entsprechend, schneidet Chaplin in der nächsten Szene in den jüdischen Frisierladen, in dem der menschenfreundliche Barbier einen pas de deux mit seinem Kunden tanzt, den er im Rhythmus von Brahms Ungarischem Tanz Nr. 5 so beschwingt-elegant  rasiert, dass das Publikum bei der Pressevorstellung in Berlin spontan applaudierte.
Und schließlich zeigt sich auch, dass Chaplins berühmte - und oft zu Unrecht kritisierte -  Schlussrede weder unfilmisch noch naiv ist. Als Gegenstück zu Hynkels Hetzrede ist sie folgerichtig aus dem Film entwickelt, und durch die persönliche Ansprache Hannahs, die in Osterlich gemeinsam mit der Familie Jaeckel von den Sturmtrupps überfallen und misshandelt wurde, auch wieder ganz in die Filmhandlung eingebunden. Der Moralist Chaplin nutzt als Filmemacher  ebenso wie der kleine Friseur in seinem Film,  mutig die Chance, ein Millionenpublikum über die Lügen der Nazis aufzuklären und ihm den Glauben an Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit zu geben und wendet sich direkt sein Publikum, um es aufzurütteln:
“May I not be excused for ending my comedy on a note that reflects honestly and realistically, the world in which we live, and may I not be excused in pleading for a better world?” verteidigte Chaplin 1940 seine Rede und meinte, es sei ja leicht gewesen, den Friseur und Hannah am Horizont in ein verheißenes Land entschwinden zu lassen: “But there is no promised land for the oppressed people of the world. There is no place over the horizon to which they can go for sanctuary. They must stand and we must stand.”
Mit seinem wagemutigen Film hat Chaplin damals eindeutig Stellung bezogen. “The Great Dictator” hat ein in die Millionen gehendes Publikum in Amerika politisch wachgerüttelt, aufgeklärt und seelisch gestärkt für den Kampf gegen den Faschismus. Seine Forderung einer “weltweiten Brüderlichkeit” ist aber auch heute, über fünfzig Jahre nach der Befreiung vom Faschismus, noch nicht erfüllt. Im Gegenteil, Terror und Krieg, brutale Ausbeutung,  soziale Ungerechtigkeit und Fremdenhass sind weltweit an der Tagesordnung und deshalb ist Chaplins Appell auch heute noch aktuell und wird hoffentlich von vielen Menschen gehört und verstanden:
“Lasst uns kämpfen für eine neue Welt, für eine gesittete Welt, in der jedermann die Möglichkeit hat,  zu arbeiten, die der Jugend eine Zukunft und die dem Alter Sicherheit zu geben vermag. Die Gewalttäter sind zur Macht gekommen, weil sie euch diese Dinge versprochen haben. Doch sie lügen. Sie halten ihr Versprechen nicht. Sie werden das nie tun. Diktatoren befreien sich selbst, aber sie versklaven das Volk. Lasst uns nun dafür kämpfen, die Welt zu befreien - die nationalen Schranken niederzureißen- die Gier, den Hass und die Intoleranz beiseite zu werfen. Lasst uns kämpfen für eine Welt der Vernunft - eine Welt, in der Wissenschaft und Fortschritt zu unser aller Glück führen sollen.”

The Great Dictator
USA 1940
Schwarz-Weiss,  35 mm, Länge: 124 Minuten (Neu vom Originalnegativ gezogene Kopie, Ton digital bearbeitet)
Regie, Buch, Produktion: Charles Chaplin
Kamera: Roland H. Totheroh, Karl Struss
Schnitt: Willard Nico
Bauten, Ausstattung:  J. Russell Spencer
Musik: Charles Chaplin, Meredith Wilson
Vertrieb: MK2 Diffusion, Paris

Darsteller: Charles Chaplin (Adenoid Hynkel/Jüdischer Friseur), Paulette Goddard (Hannah), Jack Oakie (Benzino Napaloni), Henry Daniell (Garbitsch), Reginald Gardiner (Schultz), Billy Gilbert (Herring), Maurice Moskovich (Mr. Jaeckel), Sig Arno (Ein Erfinder)